Ein Affenvirus als Transporteur

Mit Impfungen konnten schreckliche Krankheiten wie Pocken und Kinderlähmung besiegt werden. Der St. Galler Forscher Matthias Hoffmann ist an der Entwicklung eines Impfstoffs gegen Hepatitis C beteiligt.

Bruno Knellwolf
Drucken
Teilen
Laborarbeiten für die Impfstudie zu Hepatitis C am Kantonsspital St. Gallen in Zusammenarbeit mit der Universität Oxford. (Bild: pd)

Laborarbeiten für die Impfstudie zu Hepatitis C am Kantonsspital St. Gallen in Zusammenarbeit mit der Universität Oxford. (Bild: pd)

Impfungen werden oft als die grössten Erfolge der Medizingeschichte bezeichnet. So konnten Krankheiten wie Kinderlähmung und Pocken zurückgebunden werden. An einem solchen Erfolg arbeitet der Infektiologe und Forscher Matthias Hoffmann am Kantonsspital St. Gallen. In einem von der EU finanzierten Projekt unter der Führung der Universität Oxford und des Industriepartners GlaxoSmithKline wird an einem Impfstoff gegen Hepatitis C geforscht. An dieser Infektionskrankheit leiden zwei bis drei Prozent der Weltbevölkerung, also rund 130 bis 170 Millionen Menschen – vor allem in Afrika und Asien.

Herr Hoffmann, Sie sind an der Entwicklung eines Impfstoffs gegen Hepatitis C beteiligt. Was steht am Anfang einer Impfstoff-Entwicklung?

Matthias Hoffmann: Am Anfang steht eine Krankheit. Entweder kann dagegen eine Therapie mit Medikamenten gesucht werden oder man versucht, einen Weg der Prävention zu finden. Ein präventiver Ansatz ist eine Impfung. Um einen Impfstoff zu entwickeln, braucht es also einen Bedarf und Unterstützung, oft von der Weltgesundheitsorganisation WHO oder zum Beispiel von der Bill-Gates-Foundation. Einzelne menschliche Schicksale spielen bei der Motivation ebenfalls eine wichtige Rolle.

Wie leicht oder schwer fliesst das Geld dafür?

Hoffmann: Oft wird kolportiert, die Pharmaindustrie fördere das Impfen mit viel Geld. Bei Hepatitis C flossen lange gar keine Gelder. Das war eine vergessene Epidemie, obwohl viele Millionen Menschen betroffen sind. Das hat mit dem langsamen, oft lange symptomfreien Verlauf der Krankheit zu tun. Nur ein relativ kleiner Prozentsatz der etwa 170 Millionen Betroffenen leidet schliesslich an einem Leberschaden und stirbt daran. Grundsätzlich verdient die Pharmaindustrie mit Medikamenten viel besser als mit Impfungen. Weil im Speziellen die neuen Hepatitis- C-Medikamente generell teurer sind, werden die Hepatitis-C-Kranken in Afrika und Asien nie die Möglichkeit haben, diese zu nutzen. Will man diese Krankheit global angehen, braucht es also eine Impfung.

Woher kommt die Idee des Impfens?

Hoffmann: Das Impfen ist eigentlich eine Erfindung aus der chinesischen Medizin. Etwa im 11. Jahrhundert haben die Chinesen einen Kuhpocken-Virus, einen Variolavirus, gefunden, der die Menschen nicht so stark krank macht und dennoch gegen Pocken schützt. Sie ritzten die Haut und schmierten den Kuh-Eiter mit diesen Variolaviren drauf und beeinflussten so das Immunsystem des Körpers. Danach kam die Methode des Pocken-Impfens nach Frankreich und wurde dort unter Louis XVI. gefeiert.

Am Anfang hat also eine zufällige Entdeckung geholfen.

Hoffmann: Heute ist der Weg zu einem Impfstoff ein langer und einer, an dem viele Partner beteiligt sind. Die Hepatitis-C-Impfung ist dabei ein gutes, aber auch ganz spezielles Beispiel. Normalerweise werden bei Impfungen wie gegen Masern, Mumps und Röteln durch den Impfstoff Antikörper im Blut produziert. Die Impfung schützt so mit den Antikörpern direkt gegen die Infektion. Sobald das Virus in den Körper kommt, wird es abgefangen. Das funktioniert aber bei HIV und auch bei Hepatitis C nicht. Jeder mit diesem Virus infizierte Mensch entwickelt solche Antikörper selbst, eine «Antikörper»-Impfung reicht nicht, um eine chronische Infektion zu verhindern.

Also brauchte es einen anderen Weg?

Hoffmann: Wir versuchten es mit einer Lösung über die Manipulation von Zellen in unserem Abwehrsystem. Eine Methode, die bereits bei der Tuberkulose-Impfung angewandt wurde, ohne dass die Mechanismen damals bekannt waren. Eine Impfung, die nicht die Infektion selbst verhindert, sondern deren chronischen oder schweren Verlauf. Genau das ahmen wir für unsere Hepatitis-C-Impfung nach. Das ist also ein neuartiges Impfstoff-System: Wir wollen eine zelluläre Immunität erreichen, nicht eine Antikörper-Reaktion.

Was muss ein Impfstoff können?

Hoffmann: Ein Impfstoff muss sicher sein. Und er muss eine Abwehrreaktion auslösen. Eine Schwierigkeit ist nun, den Wirkstoff der Impfung in den Körper zu bringen.

Wie geht das?

Hoffmann: Dazu eignen sich wiederum Viren. Man nimmt ein Virus, entnimmt das genetische Material und fügt den Wirkstoff ein. In unserem Fall einen manipulierten, sicheren Hepatitis-C- Virus-Bestandteil, der in einer fremden Virus-Hülle transportiert wird. Dabei hat man herausgefunden, dass sich für den Transport Adenoviren sehr gut eignen. Man hat menschliche Adenoviren in grossen Studien im Kampf gegen HIV ausprobiert. Das Problem ist aber, dass viele Menschen bereits Antikörper gegen diese Adenoviren im Körper haben, weil diese Ursache eines banalen Schnupfens sein können. Deshalb haben wir bereits Antikörper in uns. Der Hilfsstoff der Impfung wird deshalb im Körper vernichtet, bevor er eine Impfwirkung entfalten kann.

Was war die Alternative?

Hoffmann: Auch Affen haben Schnupfen und somit Adenoviren. Wenn man nicht Zoowärter ist, hat man keine Bekanntschaft mit diesen Adenoviren von Affen gemacht. Mit diesen Adenoviren kann man also impfen, ohne dass wir davon krank werden. Bei dieser Entwicklung gab es zwar Rückschläge, doch nun ist ein sicheres Impfsystem vorhanden.

Wie kamen die Forscher zu diesen Adenoviren von Schimpansen?

Hoffmann: Dafür wurde der Kot der Affen in den afrikanischen Wäldern gesammelt und nach Adenoviren untersucht. Dabei fanden die Forscher verschiedene Viren und auch jenen, den wir nun für die Hepatitis-C-Impfung brauchen. Eine jahrelange Arbeit.

In Lausanne werden solche Affenviren in einem Ebola-Impfstoff getestet. Wie ist das mit Ihrer Forschung vergleichbar?

Hoffmann: Da wird mit einem vergleichbaren Impfstoff geforscht. Allerdings wird dabei mit Antikörpern gearbeitet, was einfacher ist als mit zellulären Antworten wie bei Hepatitis C.

Wann wird die Entwicklung des Hepatitis-C-Impfstoffs abgeschlossen werden?

Hoffmann: Das lässt sich nicht sagen. Wir sind in der Mitte eines von der EU finanzierten Vierjahres-Projekts. Wir stehen kurz vor der Impfung von HIV-Patienten in St. Gallen. Innerhalb dieses Studien-Konsortiums haben wir den Auftrag, einen simplen Test zu entwickeln, der eine Impfantwort messen kann. Simpel, weil der Test auch in Afrika oder Asien funktionieren muss.

Warum impfen Sie HIV-Patienten mit dem Hepatitis-C-Impfstoff?

Hoffmann: Bei HIV-Patienten erzeugt das Hepatitis-C-Virus schneller Leberschäden als bei Nicht-HIV-Infizierten. Bei HIV- Patienten hat man heute das HIV mit Medikamenten gut im Griff, mehr Sorgen machen die Hepatitis-C-Viren. Die Sterblichkeitsrate wegen Hepatitis C ist inzwischen bei HIV-positiven Personen höher als jene wegen des HIV selber.

Matthias Hoffmann Oberarzt, Klinik für Infektiologie am Kantonsspital St. Gallen (Bild: pd)

Matthias Hoffmann Oberarzt, Klinik für Infektiologie am Kantonsspital St. Gallen (Bild: pd)

Aktuelle Nachrichten