Ehrenwert – nicht immer

LONDON. Tradition muss sein in den heiligen Hallen des Palasts von Westminster, der «Mutter aller Parlamente», wie stolze Engländer zu sagen pflegen.

Sebastian Borger
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LONDON. Tradition muss sein in den heiligen Hallen des Palasts von Westminster, der «Mutter aller Parlamente», wie stolze Engländer zu sagen pflegen. Dazu gehört auch ein robuster Ton zwischen den «ehrenwerten» und «sehr ehrenwerten Mitgliedern», die sich gemäss alter Tradition nicht direkt ansprechen. Das hindert niemanden am Austausch exquisiter Beleidigungen. «Der sehr ehrenwerte Herr», ätzte einst Labour-Mann Dennis Skinner über einen Konservativen, «würde die Wahrheit selbst dann nicht erkennen, wenn sie quer über seine Augäpfel gesprüht wäre.» Während diese Äusserung des von Freund und Feind nach seinem nordenglischen Wahlkreis liebevoll «Bestie von Bolsover» genannten Veteranen ungeahndet blieb, wurde Skinner, 84, kürzlich vom Parlamentspräsidenten (Speaker) des Plenarsaals verwiesen. Er hatte Premierminister David Cameron im Streit um dessen persönliche Finanzen als «zwielichtig» (dodgy) bezeichnet.

Für «unparlamentarische Ausdrucksweise» wurde vor Jahren auch eine Fraktionskollegin getadelt, nachdem sie völlig korrekterweise den Zustand eines gegnerischen Abgeordneten als «betrunken» charakterisiert hatte. Wer sich dieser Tage einen längeren Aufenthalt in der Parlamentarier-Bar anmerken lässt, muss sich «müde und emotional» nennen lassen – der Euphemismus ist erlaubt.

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