Eher Fussballstar als Künstler

In der Schweizer Kunstszene gibt es mehrere erfolgreiche Secondos, doch nur selten stammen sie aus dem Balkan. Zu den wenigen Ausnahmen gehört der St. Galler Domagoj Smoljo, dem gestern der Schweizer Kunstpreis verliehen wurde.

Christina Genova
Merken
Drucken
Teilen

Domagoj Smoljo ist Secondo, liebt den Fussball und die Kunst. Am Wochenende konnte er sich nicht nur über den Sieg der Schweizer Nationalmannschaft freuen, sondern auch über eine Auszeichnung, die für einen Schweizer Künstler mindestens so wichtig ist wie für einen Fussballfan ein Sieg während einer WM. Gestern mittag wurde bekannt, dass der 35jährige Künstler, der im St. Galler Grossacker-Quartier aufgewachsen ist, als Teil der !Mediengruppe Bitnik den Schweizer Kunstpreis 2014 erhält. Gemeinsam mit dem Manorpreis für Kunst gehört er zu den wichtigsten Auszeichnungen für Schweizer Kunstschaffende.

Skater und Computer-Nerd

Doch der Reihe nach. Bis er 16 Jahre alt war, träumte Smoljo, der aus einer kroatischen Arbeiterfamilie stammt, von einer Karriere als Fussballprofi. Doch dann wurden ihm die vier Trainings pro Woche beim SC Brühl zu viel; damals besuchte er bereits die Wirtschaftsmittelschule. Smoljo orientierte sich neu: Skaten, die ganze Hip-Hop-Kultur, aber auch Funk und Drum-and-Bass-Musik begannen ihn zu interessierten: «Gleichzeitig war ich ein Computer-Nerd», sagt Domagoj Smoljo am Telefon. Dies verhalf ihm nach der Matura zu einem Job bei einem Internet-Start-up: «Ich programmierte dort, um mein Studium zu finanzieren.»

In jener Zeit kam er in Kontakt mit den Arbeiten des britischen Internetkünstlers Heath Bunting und war fasziniert: «Ich merkte, dass das Internet einen wunderbaren Raum bietet, um Lokales global zugänglich zu machen.» Smoljo besuchte daraufhin die Medienklasse der Zürcher Hochschule der Künste und gründete mit seiner Studienkollegin Carmen Weisskopf Bitnik. Heute gehören auch Adnan Hadzi und Daniel Ryser dazu. Smoljo ist gewissermassen ein doppelter Pionier. Zum einen gehört er mit der !Mediengruppe Bitnik noch immer zu den wenigen Schweizer Kunstschaffenden, die sich mit dem Internet auseinandersetzen. Zum andern ist er einer der wenigen Schweizer Künstler balkanischer Herkunft.

Die Eltern staunen

Zwar gibt es in der Schweizer Kunstszene sehr wohl auch Secondos; im eben erst veröffentlichten alljährlichen Künstler-Rating der Zeitschrift Bilanz erscheinen drei junge Künstlerinnen: Mai-Thu Perret ist frankovietnamesischer Herkunft, Shirana Shahbazi stammt aus Teheran, und Latifa Echakhch wurde in Marokko geboren. Zu den Ostschweizer Secondos, die in der Kunst Erfolg haben, gehört zum Beispiel Francisco Sierra mit chilenischen Wurzeln; die Eltern von Costa Vece, Loredana Sperini und Giuseppe Andrea Corciulo hingegen stammen alle aus Italien oder Spanien.

Noch immer ist es in der Schweiz für ein Kind aus einer kosovarischen, bosnischen oder serbischen Arbeiterfamilie einfacher, Fussballstar zu werden, als in der Kunstszene zu reüssieren. Denn viel eher schicken diese Familien ihre Kinder ins Fussballtraining, als dass sie sie am Kunstunterricht teilnehmen lassen. Auch Domagoj Smoljos Eltern staunten nicht schlecht, als ihr Sohn seinen Berufswunsch äusserte. Doch als die ersten Preise und Medienberichte folgten, waren sie stolz.

Fussball ist für Domagoj Smoljo immer noch wichtig. Aber anders als früher fiebert der Künstler, der erst mit 26 Jahren den Schweizer Pass erhalten hat, nicht nur mit den Kroaten, sondern auch mit den Schweizern mit. In den Geschichten der vielen Secondos unter den Spielern erkennt sich Domagoj Smoljo wieder: «Ich habe das Gefühl, dass die jetzige Nationalmannschaft auch meine Nationalmannschaft ist.»