«E-Mails sind wie Kraken»

Stilexperte Jeroen van Rooijen hat genug von ständiger Erreichbarkeit, E-Mails und Facebook. Deshalb entgiftet er sich digital. Der Thurgauer tritt an der 1. Schweizer Digital-Detox-Konferenz auf – und spricht über seine Online-Sucht.

Diana Bula
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Den Off-Button von Handy und Computer drücken: Vielen Menschen fällt das heute schwer – zu schwer. (Bild: fotolia)

Den Off-Button von Handy und Computer drücken: Vielen Menschen fällt das heute schwer – zu schwer. (Bild: fotolia)

Herr Van Rooijen, Sie bearbeiten Ihr Mailkonto nur noch einmal täglich, zwischen 8 und 10 Uhr. Was ist passiert?

Jeroen van Rooijen: Mir ist die Zeit abhanden gekommen, obwohl ich Zeit geschaffen habe. Ich habe mein Arbeitspensum als Journalist reduziert, um wieder mehr Zeit als Freiberufler zu haben, um wieder mit den Händen zu arbeiten. Und zwar richtig, nicht auf der Tastatur. Ich habe rasch gemerkt, wohin die Zeit verschwindet – in den digitalen Raum, zu Facebook und Co. Die Portale sind Zeitfresser.

Und das ärgert Sie?

Van Rooijen: Nicht nur das. Die Erwartung, dass man als Journalist einen Blog führt, auf Instagram und Facebook präsent ist, twittert, zehrt an den Nerven. Man kann sich nicht mehr auf die wichtigen Dinge im Leben konzentrieren. Man dreht durch.

Waren Sie onlinesüchtig?

Van Rooijen: Ich bin es noch immer. Anders als bei anderen Süchten empfindet man keine Lust am Tun. Das Handy ist einfach ein unverzichtbares Arbeits- und Kommunikationsmittel. Ich halte es leider nach wie vor für viel wichtiger, als es ist.

Wie sah einer Ihrer Tage mit Handy und Computer vor Ihrer digitalen Entgiftung aus?

Van Rooijen: Ich habe viermal pro Stunde E-Mails und Facebook gecheckt, über 70mal pro Tag. Verlorene Mühe, denn bei den Social-Media-Portalen geht es um nichts anders als die Pflege des eigenen Images. Es ist, als würde man sich den ganzen Tag im Spiegel bewundern. Das tut ja auch niemand.

Sie haben mit einer zweimonatigen Pause Ihre Entwöhnung eingeläutet. Wie ist es Ihnen ergangen?

Van Rooijen: Ich habe vorab alle informiert, dass ich mich digital zurückziehen werde. Die meisten haben das verstanden. Natürlich habe ich nicht nie auf mein Handy geschaut. Seit der Pause bin ich aber wieder fähig, ohne das Gerät aus dem Haus zu gehen. Ich emanzipiere mich allmählich von dem Ding.

Keine Entzugserscheinungen?

Van Rooijen: Ich schwitze nicht und habe keinen Schüttelfrost. Reaktionen haben gezeigt, dass es vielen Menschen ähnlich ergeht, sie aber nicht aus ihren Mustern ausbrechen können. Es ist wie eine milde Form von Alkoholismus. Man spielt sie herunter. Deshalb muss man sich Regeln im Umgang mit Digitalem auferlegen. Sonst frisst dieses Monster einen auf. Ich hatte für die Entwöhnung ein Jahr eingeplant, werde aber noch lange benötigen, bis ich clean bin.

Keine Panik, etwas zu verpassen?

Van Rooijen: Ich habe befürchtet, nicht mehr mitzubekommen, was die digitalen Freunde erleben. Das war auch so, dafür verbindet man sich ohne Handy mit realen Menschen. Man baut neue wirkliche Freundschaften auf. Die sind viel befriedigender.

Sie haben einen 40-Punkte-Plan aufgestellt. Dazu zählt, sich pro Woche von 25 Facebook-Freunden zu trennen. Wie kommt das an?

Van Rooijen: Diese Reaktionen bekomme ich zum Glück nicht mehr mit. Nach ein paar hundert aussortierten Kontakten wird es aber auch auf Facebook schwierig, sich von Menschen zu verabschieden. Man sieht plötzlich nur noch Leute, mit denen man eine gute Zeit hatte.

Sie bloggen darüber, wie Sie sich von Handy und Co. befreien. Das ist doch widersprüchlich.

Van Rooijen: Das stimmt, weil ich damit Menschen verleite, mehr Zeit im Internet zu verbringen. Ich schreibe deshalb nicht so oft wie geplant über mein Projekt.

Welches ist die schwierigste Regel, die Sie sich gesetzt haben?

Van Rooijen: Nicht dauernd Mails zu beantworten. Sie sind wie Kraken mit vielen Armen. Man kann die Nachrichten nicht so schnell beantworten, wie neue reinkommen. Vor allem nicht so höflich, wie ich mir das vorstelle.

Sie sind Stilexperte. Was haben Stil und digitales Leben gemeinsam?

Van Rooijen: Viel, auf dem Land etwa grüssen sich die Menschen noch. Schaut aber jeder nur noch auf sein Handy, geht diese Freundlichkeit bald verloren.

Die Geschäftswelt aber würde ohne Mails nicht mehr funktionieren. Ihre Vision, dass wir alle digital entgiftet leben, ist eine Illusion.

Van Rooijen: Es sind viele krank, nicht nur ich. Firmen, daran glaube ich, werden in Zukunft jedoch den Mailverkehr der Mitarbeiter eindämmen, weil er Effizienz raubt. Ein Telefonat führt schneller zum Ziel als drei Mails.

Wie hat sich Ihr Digital Detox auf Ihre Karriere ausgewirkt?

Van Rooijen: Man outet sich mit einem solchen Entscheid, nicht mehr der Jüngste zu sein. Ausserdem habe ich so öffentlich meine Reaktionszeit heruntergesetzt. In äusserst dynamischen Jobs ist das nicht geduldet. Diese peile ich aber auch nicht an.

Ist es eine Altersfrage? US-Sängerin Ariana Grande ist 22 – und surft bewusst nicht mehr im Netz.

Van Rooijen: Ich beneide sie. Sie ist erst 22 Jahre alt und hat schon begriffen, was Luxus ist. Luxus ist, wenn man es sich leisten kann, nicht erreichbar zu sein. Oder die Assistentin Anrufe und Mails erledigt. Davon träume ich: Eines Tages werde ich einen Bestseller herausbringen und man darf mir Reaktionen dann per Briefpost mitteilen.

Jeroen van Rooijen Stilexperte, Journalist, Schneider (Bild: ky/Christian Beutler)

Jeroen van Rooijen Stilexperte, Journalist, Schneider (Bild: ky/Christian Beutler)