Durch viele gute Hände

Stickerei-Geschichten 3: Es beginnt mit Inspirationen und endet mit Kleidern auf dem Laufsteg. Was geschieht dazwischen? Ein Rundgang in der Produktion der St. Galler Forster Rohner AG.

Diana Bula
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Neben den grossen Stickmaschinen wirken Menschen ganz klein. (Bild: Beat Belser)

Neben den grossen Stickmaschinen wirken Menschen ganz klein. (Bild: Beat Belser)

«You can find inspiration in everything.» Das hat Paul Smith einmal gesagt. Und Hans Schreiber, Creative Director bei Forster Rohner, hält es wie der britische Modedesigner. Dieses Mal waren es Bilder von Coco Chanel, die in den 1920er-Jahren in Biarritz sportliche Übungen am Strand gemacht haben soll. «Schon kann daraus etwas entstehen.»

500 Dessins entwerfen Schreiber und sein Designerteam pro Kollektion, zwei Kollektionen jährlich. Skizziert wird mit Stift, «das künstlerische Temperament der Hand auskostend». Von der Idee bis zum fertigen Produkt verstreichen sechs Monate. Im Vorfeld der Fashion Weeks in New York, London und Paris hält sich jedoch kaum ein Kunde an den regulären Zeitplan des Betriebs; alles läuft anders, schneller, turbulenter. Chanel, Prada oder Burberry kontaktieren die Stickereifirma oft erst einen Monat vor den Défilés. «Wenn es sein muss, liegt ein Muster dann über Nacht vor», sagt CEO Emanuel Forster. Chanel-Chefdesigner Karl Lagerfeld begutachtet die Kollektion nicht selber. «Aber seine rechte Hand.»

Nicht so bunt wie in Tibet

Muzi, das ist kein liebevoller Übername für eine Katze. Das ist die Abkürzung für das Musterzimmer bei Forster Rohner. Hier entstehen in Handarbeit jene Vorlagen, welche die «rechte Hand von Karl Lagerfeld» zu sehen bekommt – ehe sie, hoffentlich, bestellt. Am besten für eine ganze Kollektion, wie Prada 2008. Im Muzi sitzt ein Mann aus Tibet. Durch ein Integrationsprojekt ist er zu Forster Rohner gelangt. In seiner Heimat hatte der Schneider traditionelle Kleider genäht. Nun setzt er an der Nähmaschine um, was Designer und Puncher – sie übertragen die Entwürfe der Kreativen auf den Computer, legen Stichlänge und Garndicke und somit das Stickmuster digital fest – ihm vorgeben. Er beugt sich über ein florales Muster, deutlich weniger bunt als die Gewänder in Tibet. Wer das Stück am Ende beurteilen wird? Forster und Schreiber schweigen. Berufsgeheimnis.

«Kein Lärm, sondern Musik»

Gefällt das Dessin den Vertrauten eines Modeschöpfers, kommt es einen Raum weiter. Man geht durch eine Türe, beklebt mit Bildern aus Magazinen. Darauf bringen Forster-Rohner-Stickereien unter anderem Salma Hayeks Kurven zur Geltung. Während das leise Auf und Ab der Nadeln im Musterzimmer fast meditativ gewirkt hat, vermengt es sich nun in der Produktionshalle zu Lärm. Die Besucher müssen lauter reden, um die Apparate zu übertönen. 15 Meter lang sind die sieben Saurer-Stickmaschinen, 15 Meter lang sind auch die Stoffe, die entstehen. Die Arbeiterinnen (und wenigen Arbeiter) verlieren sich in den Fluchten der Geräte. Sie tragen T-Shirts, darüber blaue Schürzen; warm ist es hier. Sie arbeiten in Schichten, damit die Maschinen nachts nicht stillstehen. Und sie legen Fäden in Spulen ein – sofern an der Maschine nicht irgendwo ein rotes Lämpchen leuchtet. Es zeigt jene Stelle an, an welcher der Faden gerissen ist. Die Arbeiterin fädelt neu ein. Ob sie der Lärm nicht stört? Die Frau schüttelt den Kopf. «Im Gegenteil, er klingt für mich wie Musik, wie klassische Musik.»

Die 500 Nadeln jeder Maschine tanzen hin und her, wie ein überdotiertes Ballett. Jede Darstellerin weiss genau, was sie zu tun hat; ein Computerchip steuert sie. Rauf, runter, rüber, schneller als das Auge mitkommt. 7 Millionen Stiche pro Woche. Gestickt wird auf zwei Stoffe. Auf den eigentlichen und auf einen Hilfsstoff, der den eigentlichen verstärkt. «Das Material ist zu empfindlich, die vielen Nadeln würden es zerreissen», sagt Schreiber. Nebenan lasert eine Maschine dunkelblaue Blumen aus einem dicken Stoff, wie man ihn von Sportbekleidung kennt. So schlagen sich die Bilder der turnenden Coco Chanel also nieder, denkt man sich.

Wie die Mutter so die Tochter

Wiederum geht es durch eine Türe, wiederum ist sie beklebt. Diesmal lächelt die US-Präsidentengattin Michelle Obama in Forster Rohner entgegen. Ein Ansporn für die Mitarbeiter? Die Frau, die an einem Leuchtpult sitzt und Stoff auf Fehler untersucht, nickt. Wo an der Maschine der Faden gerissen war, fehlen nun ein paar Stiche. Die Mission der Mitarbeiterin ist es, diese Stellen zu finden. Nur mit fachmännischem Blick fallen sie sofort auf; Laien suchen lange. Im Vergleich zur Produktionshalle geht es hier beschaulich zu. Der Eindruck täuscht, wie CEO Emanuel Forster sagt: «Vor den Fashion Weeks erreicht die Nervosität auch diese Abteilung.»

Finissage, nennt sie sich. 11 der 150 St. Galler Mitarbeitenden arbeiten hier. Eine Frau schneidet an einem Tisch jene Stellen aus, die ihre Kollegin am Leuchtpult markiert hat. Ein Loch klafft nun im Stoff; aus einer anderen Bahn trennt die Angestellte ein intaktes Dessin heraus, näht es ein. Sehen die Leute von Chanel und Co. das nicht? Forster verneint. Erst jetzt schicke man die Stoffe zum Färber, erst jetzt werde der Hilfsstoff weggeätzt. Die Frau an der Nähmaschine – sie hat ihren Tisch mit einer Diddl-Maus und Plüschente geschmückt – arbeitet seit 33 Jahren in der Firma. «Schon meine Mutter war hier angestellt. Als ich aus der Schule kam, fragte sie nach einer Stelle für mich», erzählt die Italienerin. Forster und Schreiber lächeln. «Die Stoffe gehen durch viele gute Hände», sind sie sich einig.

Die Italienerin näht derweil weiter. Für Chanel oder Prada oder eine andere Marke, deren Produkte sie sich selber wohl nie leisten wird. Stimmt ihn das gelegentlich nachdenklich? «Ich kaufe auch nicht jeden Tag Markenware», sagt Forster. Der Antrieb seiner Mitarbeiter sei nicht das Streben nach Luxus, sondern ein anderer. «Schönes zu erschaffen.»