Dreizehn Güselchübel voller Dialoge

Ich habe vor kurzem ein Theaterstück schreiben dürfen. Das Stück heisst «Der Park» und wird im April am Theater Basel uraufgeführt.

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Ich habe vor kurzem ein Theaterstück schreiben dürfen. Das Stück heisst «Der Park» und wird im April am Theater Basel uraufgeführt. (Pardon für die unverschämte Werbung, aber der Hinweis ist tatsächlich nichts als ein Steigbügel zum eigentlichen Kolumnen-Thema.) Denn: «Wer sein erstes Theaterstück schreibt, braucht einen grossen Papiereimer!», sprach schon damals der grosse irische Philosoph und Sport-Kolumnist Jameson. Ein Papierkorb also! Ein Kübel musste her, um all den misslungenen Szenen und Gedanken auf Papier ein Auffangbecken zu sein.

Zerbeult, intakt, feuerverzinkt

Weil mein Theaterstück aber von der Schweiz handeln soll, konnte es sich dabei natürlich nicht um irgendeinen Abfalleimer handeln, sondern es musste der Werner Günthör unter den Abfalleimern sein: Ein Patent Ochsner, zerbeult aber intakt, feuerverzinkt, 35 Liter. Da passen Hunderte von zerknüllten Dialogentwürfen rein.

Ein wahrer Triumphzug

Ich trat also – den schweren Kübel unterm Arm – meinen Heimweg an, vom Brockenhaus her durch die Innenstadt. Nun ist es ja so, dass es Dinge gibt, mit denen ein Mensch nur sehr ungern öffentlich durch die Fussgängerzone promeniert. Dinge, für die er sich entweder schämt oder aufgrund derer er sich schuldig fühlt. Für einige Menschen ist es undenkbar, mit einer Packung Toilettenpapier Passanten zu begegnen, andere schämen sich, wenn sie bei der Altglas-Entsorgung ihrer Appenzeller-Flaschen erwischt werden. Nun: Mein kleiner Spaziergang mit dem Patent Ochsner unterm Arm sollte zum wahren Triumphzug werden.

Er rief nämlich dieselben Reaktionen hervor, wie wenn man einen Hundewelpen in einem Kindergärtnerinnenseminar rumzeigt: Grosses Hallo, grosses Jesses, grosses Jo-Nei-Lueg-Etz-Au. Schnell nickte mir ein älterer Herr zu. Er tat dies auf diese bösartig-herablassende Art; auf diese Art, mit der auch St. Galler Bibliothekarinnen Jugendlichen mit Migrationshintergrund zunicken, weil sie ganz überrascht sind, dass diese grade mal nicht in diesem Internet herumlungern und sich Haschtabletten spritzen oder den getunten Subaru Impreza des Cousins gegen einen Baum fahren, sondern ganz anständig einen Karl May oder einen Ottfried Preussler ausleihen; dieses Nicken mit dem Subtext: Sehen Sie, junger Mann, es geht doch, gopferteckel! Item.

«Läck, Fredy, lueg emol!»

Als mich in der Stadt eine Wandergruppe kreuzte, rief einer der Männer: «Läck, Fredy, lueg emol, en Ochsner!», worauf der ganze Trupp sofort Halt machte, den Kübel fachmännisch begutachtete und sogleich in Anekdoten von früher schwelgte; man reichte Villiger Kiel, offerierte Willisauer Kirsch und klopfte mir auf die Schultern. Hätte ich für einen Sitz im Ständerat kandidiert; verdammt, ich wäre so gut wie gewählt gewesen.

Überall Wohlwollen

Überall schlug mir also Wohlwollen und Zustimmung entgegen. Passanten drehten sich nach mir und meinem Patent Ochsner um; Büezer auf dem Weg zur Mittagspause nickten mir brüderlich zu; man pfiff mir nach wie einer schönen Sizilianerin; Rentner liessen sich mit mir und dem Ochsner-Kübel fotografieren; junge Frauen wollten mir ihre Erstgeborenen schenken, man besprenkelte mich mit Rosenwasser und warf mir Luxemburgerli in den Mund. Mein Stück ist dann tatsächlich rechtzeitig fertig geworden. Und der Ochsner hat mir treuen Dienst geleistet. Ich habe ihn dreizehnmal leeren müssen. Und: Für diese Kolumne hat eine halbe Kübelfüllung gereicht.

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