Drei Wochen hellwach

Villa Kunterbunt

Bettina Kugler
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«Meistens sehr glücklich und gerade ein wenig müde»: Wer sich so vorstellt, steckt mit grosser Wahrscheinlichkeit in der Rushhour des Lebens. Er oder inzwischen auch sie hat einen fordernden Job, ein paar Hobbys, die gut dazu passen, und kleine Kinder. Aber immer noch irgendwo einen Restposten Zeit, über Freud und Leid des Elternseins einen Blog zu schreiben oder, ja, auch das gibt es noch: eine Kolumne. Manche können es nicht einmal in den Ferien lassen. Das war freilich nicht immer so.

Wann immer die grosse Müdigkeit anbrandet, fällt mir das junge Paar vom Flugplatz ein, vor uns in der Warteschlange zur Gepäckaufgabe. Gut zwanzig Jahre ist das her. Die Kinder im sehr aufgeweckten Krabbel- und Forschungsstadium hatten sie soeben einigermassen tränenlos den Grosseltern hinterlassen, noch einmal halbherzig gewinkt. Dann, endlich allein, liessen sie sich auf die Hartschalenkoffer plumpsen und raunten sich mit Bonnie-and-Clyde-Miene zu: «Zwei Wochen nur schlafen!» Wer kinderlos die erste Flugreise im Leben antritt, versteht nur Bahnhof. Heute wissen wir es besser – und widerstehen gleichwohl der Versuchung. Zu schön ist es, noch vor den Kindern wach zu werden und einen endlos langen Sommertag voller Überraschungen vor sich zu haben. Meistens glücklich und gerade schon hellwach.

Bettina Kugler