DOMMUSIK: Start mit grossen Aktenbergen

Seit Februar ist Andreas Gut Domkapellmeister in St. Gallen. Inzwischen hat er sich hier eingelebt und weiss, wie er in Zukunft musikalisch die Weichen stellen will. Morgen dirigiert er das Christkönigskonzert.

Martin Preisser
Merken
Drucken
Teilen
Besonnen im Gespräch, leidenschaftlich beim Dirigieren: der St. Galler Domkapellmeister Andreas Gut. (Bild: Ralph Ribi)

Besonnen im Gespräch, leidenschaftlich beim Dirigieren: der St. Galler Domkapellmeister Andreas Gut. (Bild: Ralph Ribi)

Martin Preisser

martin.preisser@tagblatt.ch

Es ist sein erstes grösseres Konzert seit seinem Amtsantritt im Februar. Wenn er für das Christkönigskonzert am Samstag am Pult stehe, sei das fast wie ein Familienanlass, sagt Domkapellmeister Andreas Gut. Denn drei der Ensembles, die er bei der Dommusik betreut, sind mit von der Partie.

Er sei angekommen in St. Gallen. «Der Start war anspruchsvoll und herausfordernd», sagt er. Durch die lange Krankheit und den frühen Tod seines Vorgängers Hans Eberhard war der Beginn vor allem administrativ ein strenger. Aber auch nach zehn Monaten im Amt bleibt die Stelle als Domkapellmeister ein Job mit vollem Terminkalender und grossen Aktenbergen. Allein der Domchor hat achtzig Termine pro Jahr, das Collegium Vocale sechzig. Und das sind nicht die einzigen Ensembles der Dom­musik. Es sei aber gerade die Fülle an Musiziermöglichkeiten, die die Arbeit des St. Galler Domkapellmeisters so reizvoll mache.

Andreas Gut hatte vorher in Küsnacht am Zürichsee fast zwanzig Jahre kirchenmusikalische Aufbauarbeit geleistet. «Mit St. Gallen bin ich von der zweitgrössten Kirchenmusikstelle zur grössten in der Schweiz gewechselt.» Im Gespräch, das in seinem trotz vieler Noten und Akten sehr akkuraten Büro stattfindet, wirkt Andreas Gut besonnen. «Beim Dirigieren bin ich aber ziemlich leidenschaftlich», sagt er.

«Als neuer Domkapellmeister begegnet man den Ensembles mit einem anderen Dirigierstil, auch mit anderem Humor», sagt der 49-jährige Kirchenmusiker. Er fühle sich angenommen. «Ich habe hier in St. Gallen etablierte Strukturen angetroffen. Ich spüre einen extrem starken Willen zu hochwertiger Kirchenmusik. Das hat es mir auch leicht gemacht, die vielen Ensembles kennen und ihre musikalischen Qualitäten einschätzen zu lernen.»

Freizeit gibt es wenig für den Domkapellmeister. Sonntags hat er oft erst nach dem Mittag Feierabend. Andreas Gut, Vater von drei Kindern, ist dankbar, dass er eine tolerante Ehepartnerin hat. «Als Tochter eines Mesmers kennt sie zum Glück die Arbeitszeiten im kirchlichen Sektor.» Seine Hobbys? Auch in der Freizeit höre er viel geistliche Musik. So wie ihn auch bei der langen Arbeit am Schreibtisch, die das Amt mehr und mehr erfordere, stets Musik begleitet. Neu für sich entdeckt hat er das Krafttraining. «Da kann ich einiges abreagieren», verrät er schmunzelnd.

Neue Schwerpunkte in Spätbarock und Frühklassik

Die Musik an der Kathedrale sei seit seinem Amtsantritt vielfältiger geworden, die Auswahl zeige durchaus schon ein persönliches Gepräge. Solche Einschätzungen aus kirchlichen Kreisen freuen Andreas Gut natürlich. Einen neuen stilistischen Schwerpunkt neben den bestehenden will der Kirchenmusiker, der auch ein Konzertdiplom für Orgel hat und sein Dirigierwissen in St. Gallen an Studenten weitergibt, mit Musik des Spätbarock und der Frühklassik setzen. Mit Musik also, die in der Entstehungszeit der Kathedrale geschrieben wurde.

Auch Uraufführungen neuer geistlicher Werke will Andreas Gut weiterhin Platz geben: «Moderne Kirchenmusik darf auch mal etwas herb und kritisch gegenüber dem Text sein», findet er. Morgen führt er «Lobt den Herrn» des Ostschweizer Komponisten Iso Rechsteiner erstmals auf. Der Kirchenmusik selbst gibt Andreas Gut eine Zukunft. «Es ist unbestritten, dass viele Gottesdienstbesucher vor allem auch wegen der Musik in die Kirchen kommen. Musik ist eine zusätz­liche Sprache, oft direkter und verständlicher als der Text.» In St. Gallen sei Musik in der Kathedrale eine völlig gleichwertige Partnerin in der Liturgie. Sie könne eine zusätzliche eigene Aussage beisteuern und schaffe jeweils eine ganz spezielle Stimmung im Gottesdienst.

Sa, 25.11., 19.30 Uhr, Kathedrale St. Gallen; verschiedene Ensembles der Dommusik St. Gallen