Digitale Spaltung: Eine Frage des Geschmacks?

Das Internet bietet zahllose Vorzüge und Bequemlichkeiten – wir haben uns an sie gewöhnt, ja können uns ein Leben ohne sie kaum noch vorstellen. Doch möglicherweise ist das Internet zugleich eine Ursache für gesellschaftliche Spaltungen und soziale Ungerechtigkeiten.

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Assistenzprofessor für Kommunikationsmanagement an der HSG (Bild: Hannes Thalmann)

Assistenzprofessor für Kommunikationsmanagement an der HSG (Bild: Hannes Thalmann)

Das Internet bietet zahllose Vorzüge und Bequemlichkeiten – wir haben uns an sie gewöhnt, ja können uns ein Leben ohne sie kaum noch vorstellen. Doch möglicherweise ist das Internet zugleich eine Ursache für gesellschaftliche Spaltungen und soziale Ungerechtigkeiten. Seit den 1990er-Jahren geht in Wissenschaft und Politik die Angst um vor einer «digitalen Spaltung». Demnach gibt es Menschen, die an den Vorzügen des Internets teilhaben, und solche, die aussen vor bleiben, weil sie keinen Zugang zu den neuen Medien finden.

Beteiligung ist allgegenwärtig

Mit den Jahren entschärfte sich die digitale Spaltung angesichts rasant steigender Nutzerzahlen. Doch prompt tat sich eine neue Sorge auf: Was, wenn es eine digitale Spaltung zweiter Ordnung gibt? Oder anders: Was, wenn wir zwar alle «drin» sind, aber manche das Internet so nutzen, dass sie besonders viele Vorteile daraus ziehen, während andere ihre Zeit vergeuden, sich sogar Chancen verbauen? Bezeichnet wird dies als die «Beteiligungsspaltung» (participation divide). Die neue digitale Spaltung eröffnet viele Fragen: Was bedeutet «Beteiligung im Internet» genau? Was machen Menschen, die im Netz beteiligt sind? Warum beteiligen sich manche Menschen nicht? Gemeinsam mit dem Deutschen Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet ist die Universität St. Gallen diesen Fragen nachgegangen und hat deutsche Bürger in Fokusgruppen nach ihrem Nutzungsverhalten befragt. Ein Ergebnis der Studie: Beteiligung im Internet ist allgegenwärtig. Gesundheitsforen, Lern- und Studienhilfen, Kunstprojekte, Crowdfunding, Vertrieb von Produkten und Dienstleistungen, Petitionen – Formen der Beteiligung finden sich in allen Sphären der Gesellschaft. Eine heile Beteiligungswelt also? Keineswegs. Nicht immer sind Nutzer freiwillig dabei – vielleicht wurden sie hineingezogen, vielleicht wurden ihre Daten ohne ihr Wissen oder ihre Zustimmung verwendet. Beteiligung löst daher auch Sorgen aus. Und: Manche engagieren sich im Netz für Anliegen, die andere als schädlich empfinden.

Spass, Vorteile – und Ängste

Warum also sind manche Nutzer im Netz beteiligt und andere nicht? Diese Frage erweist sich als komplex, weil unterschiedliche Nutzer auch Unterschiedliches unter «Beteiligung» verstehen: Bequeme und spassorientierte Nutzer fühlen sich schon beteiligt, wenn sie mit dem Internet verbunden sind, denn dann sind sie irgendwie dabei. Souveräne, vielseitige Nutzer haben dagegen ein klares Verständnis von Beteiligung im Internet, sie leben in und mit dem Netz und ziehen Vorteile aus einer partizipativen Nutzung. Viele Nutzer mittleren Alters weisen ein sehr funktionales Verhältnis zum Netz auf, sie schätzen die Vorteile der neuen Medien und nehmen diese selektiv in Anspruch, kontrollieren und begrenzen ihre Nutzung aber strikt. Und dann sind da schliesslich noch die ängstlichen Nutzer, meist höheren Alters. Sie verstehen das Internet kaum, fühlen sich ihm ausgeliefert und vermeiden darum eine aktive Nutzung. Dennoch ist die «Beteiligungsspaltung» im Netz keine reine Altersfrage: Die Untersuchung zeigt, dass Sorgen und Unsicherheit in allen Altersklassen anzutreffen sind.

Das Netz zeigt sich als Abbild der physischen Welt. Kein Grund aber, die Hände in den Schoss zu legen, denn Wille, Vertrauen und Fähigkeit zu einer Beteiligung im Internet können soziale Unterschiede verstärken, die ohnehin mit Alter, Bildung, Einkommen und Werthaltungen verbunden sind. Die digitale Spaltung zweiter Ordnung ist also durchaus real. Leider ist sie auch weniger einfach zu überbrücken als nur mit einem Internetzugang.

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