Digital naiv

Computer, Smartphones und Spielkonsolen sind aus unserer Lebenswelt nicht mehr wegzudenken. Machen sie Kinder, wie der Gehirnforscher Manfred Spitzer warnt, «dick, dumm, aggressiv und einsam»? Nicht zwangsläufig – wenn Eltern und Schule die Medienkompetenz von Kindern begleiten und fördern.

Bettina Kugler
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Total digital: Nicht nur Kinder müssen lernen, rechtzeitig abzuschalten – und mit der Bildschirmvielfalt vernünftig umzugehen. (Bilder: aus Amy Droyd, «Stecker raus und aus die Maus», Kunstmann-Verlag)

Total digital: Nicht nur Kinder müssen lernen, rechtzeitig abzuschalten – und mit der Bildschirmvielfalt vernünftig umzugehen. (Bilder: aus Amy Droyd, «Stecker raus und aus die Maus», Kunstmann-Verlag)

Knapp zwei Wochen noch, dann liegen sie wieder allüberall unter dem Weihnachtsbaum: die Gameboys und Spielkonsolen, Nintendos, Tablets und Telefone, die eigentlich Minicomputer sind. Geräte mit permanentem Zugriff auf gigantische Datenströme, auf echte und virtuelle Freunde; mit geradezu unendlichen Möglichkeiten, an kollektives Wissen zu gelangen oder in Spielwelten einzutauchen.

Gleichzeitig steht das Buch eines renommierten deutschen Wissenschafters sehr weit oben auf der Bestsellerliste – zumindest in Deutschland, wo es erschienen ist. Mit dem Titel «Digitale Demenz» hat Manfred Spitzer, Neurowissenschafter und Leiter der Psychiatrischen Universitätsklinik Ulm, einerseits die Medieneuphoriker gegen sich aufgebracht. Andererseits sind seine Thesen offenkundig Balsam für jene, die der schönen neuen Medienwelt skeptisch gegenüberstehen.

Mehr als die Maus in der Hand

Wer mit Unbehagen beobachtet, wie bereits Erstklässler das Handy zücken oder mehrere Stunden am Tag vor Bildschirmen verbringen, wird hier bestätigt in seiner Befürchtung, dass digitale Medien «uns und unsere Kinder um den Verstand bringen», wie es im Untertitel heisst. «Digital», «dement»: Zwei Reizwörter, die Ängste schüren. Zu Recht mahnt Spitzer allerdings, dass Mediennutzung keineswegs mit Medienkompetenz einhergeht, ob nun bei Kindern oder Erwachsenen. Und dass Kinder in den ersten Jahren viel Zeit für elementare Erfahrungen und handfestes Spielen brauchen.

Mögen sie «digital natives» sein, «mit der Maus in der Hand geboren», wie Marketing-Gurus gern behaupten: Was sie damit anfangen, liegt in der Verantwortung Erwachsener. «Eltern kaufen ihren Kindern die Geräte, doch sie müssen sich auch Gedanken über den Umgang damit machen», sagt Ralph Kugler, Dozent für Mediendidaktik und Medienpädagogik an der PH St. Gallen und Leiter des Kompetenzzentrums E-Learning Sek I+II. Je selbstverständlicher digitale Medien vorhanden sind, umso naiver der Umgang damit, beobachtet er. «Die Eltern sollten sich fragen: Was macht mein Kind damit und in welchem zeitlichen Umfang? Ist es schon alt genug, adäquat damit umzugehen? Welche Regeln wollen wir für die Nutzung festlegen? Welche Gefahren gehen von den neuen Medien aus?» Die rasante mediale Entwicklung lasse Eltern in der Regel hinterherhinken.

Allein im digitalen Dschungel

Zwei Bilder zeigt Ralph Kugler gern an Elternbildungen, in Vorträgen und Vorlesungen. Auf dem einen ist üppiges Urwaldgrün zu sehen, Sinnbild des digitalen Dschungels; die gut getarnte Schlange darf nicht fehlen. «Würden Sie Ihr Kind hier ein paar Stunden allein vorauslaufen lassen?» Verhaltenes Gelächter. Aber ertappt fühlt man sich doch ein bisschen. Das andere Bild reizt ebenso zum Lachen: Ein Mensch, der Schwimmen lernen soll – in einem Pool ohne Wasser. So wäre es Buchautor Spitzer am liebsten.

Er zweifelt an der Tauglichkeit digitaler Medien zum Lernen, sieht in ihnen vor allem Zeitfresser, «Lernverhinderungsmaschinen». Zu früh und zu massiv eingesetzt, seien Bildschirmmedien schuld an verzögerter Sprachentwicklung, mangelnder Lesekompetenz, Aufmerksamkeitsstörungen, sozialer Isolation oder Auswüchsen wie Cybermobbing. Sie könnten süchtig machen, aggressiv, unfähig zur Einfühlung in andere Menschen – weil sozialer Umgang im «Real Life» der Erfahrungswirklichkeit zu kurz komme.

Das Umfeld ist entscheidend

Spitzer stützt seine Argumentation auf wissenschaftliche Studien; wie immer gibt es andere, die nicht zitiert werden. Medienpädagogen wie Ralph Kugler kritisieren an seinem Buch einerseits die Pauschalität und Zwangsläufigkeit, mit der Spitzer unterstellt, die neuen Medien machten «dick, dumm, einsam, krank, unglücklich» – unabhängig von Alter, Entwicklungsstand und familiärem Umfeld des Kindes. Andererseits halten die meisten auch seine Forderung für weltfremd, Kinder so lange wie möglich von Bildschirmen aller Art fernzuhalten – vor allem in der Schule.

«Die meisten Kinder kommen früher oder später so oder so damit in Kontakt», sagt Bettina Wegenast, Kinderbuchautorin und ausgebildete Lehrerin. «Deshalb ist es wichtig, sie zu begleiten und möglichst einen Wissensvorsprung zu haben. Um die Zusammenhänge zu durchschauen und zu sehen, was sich hinter der Bildschirmoberfläche verbirgt, fehlt Kindern die Erfahrung und das Wissen.» Gerade ist ihr SJW-Heft «Ist da jemand?» über den Umgang mit digitalen Medien erschienen – unter anderem aus der Erfahrung heraus, dass Kinder mit zehn, elf Jahren sich oft recht selbständig im Netz bewegen. Allerdings wenden sie sich selten an ihre Eltern, wenn sie verunsichert sind. Umso wichtiger findet Ralph Kugler, dass sich Eltern über die neuen Medien informieren und mit ihren Kindern in Kontakt bleiben. «Stark vereinfacht kann man sagen: Keinerlei Bildschirmmedien unter drei Jahren, keine eigene Spielkonsole unter sechs, kein Internet, kein unbeaufsichtigtes Internet unter zwölf Jahren und möglichst kein PC und Fernsehgerät im eigenen Zimmer», empfiehlt Kugler. Die Vorteile der neuen Medien beim Lernen und Kommunizieren leugnet er ebenso wenig wie ihre Reizwirkung auf Kinder und Jugendliche. Er selbst ist Vater dreier Buben zwischen neun und siebzehn Jahren. Neben der Kontroll- und Vorbildfunktion der Eltern sieht er die Schulen in der Verantwortung.

«Die Schule hat den Auftrag, sich an Alltag und Lebenswelt heutiger Kinder und Jugendlicher zu orientieren; digitale Medien gehören laut Mediennutzungsstudien dazu», sagt Kugler. «Darüber hinaus muss die Schule das Ziel der Chancengleichheit verfolgen. Eltern sind häufig damit überfordert, ihren Kindern einen sinnvollen Umgang mit Medien zu vermitteln; die Schule kann hier systematisch Wissen und Techniken vermitteln – und auch zu kritischer Distanz führen.» Das heisst: auch Abschalten zu lernen. Inhalte zu hinterfragen. Gezielt, mit Filterrecherche und solidem Basiswissen im Internet zu surfen.

Zur Medienkritik führen

Die Neurowissenschaft sieht nämlich durchaus auch den Nutzen digitaler Medien und Netzwerke. So schreibt etwa der Neurobiologe Gerald Hüther, Experte unter anderem für die Modediagnose ADHS und engagierter Streiter für eine Pädagogik auf der Basis sinnlicher Erfahrungen, im Buch «Computersüchtig»: «Computer sind grossartige Hilfsmittel für die effektive Nutzung unseres Gehirns. Das World-Wide-Web ist ein gigantischer Wissensspeicher, der es uns ermöglicht, unser Gehirn endlich für das zu nutzen, wofür es eigentlich optimiert ist: nicht für das Auswendiglernen von Fakten, sondern für das Lösen von Problemen, die das reale Leben stellt.» Sie klug zu nutzen, ist aber keinem angeboren.

Kinder - Kinder am Compi - Bettina Kugler

Kinder - Kinder am Compi - Bettina Kugler

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