Diesel, ade?

Ansichten

Miriam Meckel
Drucken
Teilen

Nur unter vier Augen oder in vertraulichen Hintergrund­gesprächen schimmert die Wahrheit durch. Dann blickt man auch bei Mitgliedern der deutschen Bundesregierung in sehr besorgte Gesichter, und gelegentlich fällt ein Satz, der das Ausmass dessen beschreibt, was uns noch erwartet: eine Zeitenwende.

Es ist die Rede vom Diesel und der Zukunft der deutschen Automobilindustrie. Dort tun viele noch immer so, als seien verpestete Innenstädte, mannigfaltiger vermuteter Betrug bei den Abgasmess­werten oder die schleppende Entwicklung beim Elektroauto kurzfristig lösbare Probleme. Viel Rauch um nichts, der nur entsteht, weil mal wieder die Grünen, überambitionierte US-Behörden oder ein paar verirrte Apokalyptiker am deutschen Selbstbewusstsein herumzündeln. Aber das steht doch wie eine Eins. Sind die Deutschen nicht Meister der industriellen Fertigung? Mag sein. Aber manchmal kommt der Punkt, an dem andere Talente gefragt sind. Sich neu zu erfinden, zu erkennen, was sich gerade grundlegend ändert, um nicht nur irgendwann auf den längst fahrenden Zug aufzuspringen, sondern ihn selbst in Gang zu setzen. Auch ein bisschen weniger selbstbesoffen auf den unzerstörbaren Reiz von «made in Germany» zu setzen, gehört dazu.

In der deutschen Autoindustrie lässt diese Erkenntnis weiter auf sich warten. Und mit jedem Monat wird die Zeit knapper, um die industrielle Umwälzung der wichtigsten deutschen Industrie selbst anzutreiben, statt zum Getriebenen zu werden. Mit mehr als 400 Milliarden Euro Umsatz ist die deutsche Autoindustrie mit ihren Zulieferern nicht nur die wirtschaftlich wichtigste Branche, sondern auch wesentlicher Treiber von Deutschlands Ex­portboom. Wenn der Diesel aber nicht zu retten ist und in gut zwanzig Jahren jedes dritte Auto weltweit ein Elektroauto sein wird, dann sind die Aussichten noch düsterer, als der verdreckte Qualm aus manipulierten Mo­toren es derzeit nahelegt. Es ist also höchste Zeit, dass die deutschen Autobauer diesen Wandel mit mehr Tempo und Konsequenz angehen.

Auch dass die Bundesregierung in Berlin endlich aufhört, in Brüssel und den USA Lobbying für den Status quo zu betreiben. Denn selbst wenn sich der Qualm des Abgasskandals irgendwann mal wieder verzogen haben sollte, werden wir sehen: Gelöst wurde nur ein Problem der Vergangenheit. Die Zukunft haben derweil andere in die Hand genommen.

Warum geschieht da nichts? Weil Deutschland schlicht keine Idee davon hat, wofür es künftig stehen will. Als Land mit dem zweithöchsten Durchschnittsalter weltweit (nach Japan) ist das vielleicht nicht verwunderlich. Läuft doch alles angenehm gleichförmig ruhig, bitte bloss nichts ändern. Wo die Bürgerinnen und Kunden nicht mehr als den Ist-Zustand von ihren Unternehmen und ihrer Regierung verlangen, fahren die ganz entspannt auf Sicht. SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz hat nun gefordert, eine Investitionsverpflichtung des Staates ins Grundgesetz zu schreiben, um mit den technologischen Entwicklungen mitzuhalten. Das ist sicher gut gemeint. Aber doch auch nur das Bemühen, volkswirtschaftlich Selbstverständliches in verfassungsrechtlichen Fettdruck zu überführen.

Die Automobilunternehmen wollen unbedingt Fahrver­bote in Städten wie Stuttgart oder München vermeiden und die Probleme des Diesels lieber durch technische Nachbesserungen lösen, als mit Vollgas in die Zukunft des Elektroautos zu investieren. So kann man sich entscheiden, wenn man nur auf die Gegenwart schaut. Nach uns die Rauchvergiftung!

Miriam Meckel

Publizistin und Dozentin