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Die Wut des Arbeiters

Bruce Springsteen kommt aus bescheidensten Verhältnissen. Bis heute ist der Rockstar in seinen Songs den Menschen nah – auch im Protest, der seine Generation prägt.
Rolf App
Aufmerksamer Beobachter des amerikanischen Alltags: Bruce Springsteen um 1984. (Bild: S. Granitz/WireImage)

Aufmerksamer Beobachter des amerikanischen Alltags: Bruce Springsteen um 1984. (Bild: S. Granitz/WireImage)

Zweimal hat Bruce Springsteen Barack Obama unterstützt, er bereut es keinen Moment: «Obama ist ein grosser Präsident», sagt er gegenüber dem französischen Nachrichtenmagazin «L'Obs». «Millionen von Menschen verdanken es ihm, dass sie nun eine Krankenversicherung haben.» Und er fügt an: «Ich denke, Hillary Clinton hat bewiesen, dass sie fähig ist, das Präsidentenamt zu übernehmen.»

Ganz im Gegensatz zu Donald Trump, der für komplizierte Probleme stets einfach Lösungen parat habe. «Beunruhigt es Sie, dass Amerika immer weniger weiss ist? Donald Trump erklärt den Krieg. Sie haben Angst um Ihre Stelle? Donald Trump erklärt den Krieg.» So geht das. Und es sei umso bedrückender mit anzusehen, als es in den USA «einen tief in der Gesellschaft verankerten Rassismus gibt. Je mehr Fortschritte wir im Kampf gegen diesen Rassismus machen, umso deutlicher zeigt sich, wie tief er reicht.»

«Warum ist denn dafür kein Geld übrig?»

Einen aufmerksamen Menschen wie ihn, der seit Jahrzehnten sein Land bereist, der in seinen Songs das Leben des kleinen Mannes mit all seinen Träumen, Sehnsüchten und Freuden porträtiert, kann dies nicht überraschen. «Born to Run», seine vor kurzem auf deutsch erschienene Autobiographie, ist nicht nur eine Auseinandersetzung mit dem Vater, sondern auch mit seinem Land. Dieses Land, stellt er etwa im Blick zurück auf die Rassenunruhen von 1992 in Los Angeles mit ihren 53 Toten fest, lernt wenig und oft auch erst sehr spät. Dabei liegen «die Behandlungsmethoden für viele unserer <Krankheiten> auf der Hand – Kinderbetreuung, Jobs, Bildung, Gesundheitsfürsorge – , aber es bräuchte eine gesamtgesellschaftliche Anstrengung von den Ausmassen des Marshallplans, um die zahllosen institutionalisierten Missstände zu beseitigen, die seit Generationen durch unsere Sozialpolitiker aufrechterhalten werden.»

So fragt Springsteen denn: «Wenn wir Billionen in den Aufbau Afghanistans und Iraks stecken, wenn wir mit Milliarden Steuerdollars die Zeche für die Wall Street bezahlen, warum ist dann dafür kein Geld übrig?»

Wut kommt darin zum Ausdruck, die Wut des Arbeitersohns aus New Jersey, der die Licht- und Schattenseiten seines Landes kennt, weil er sie am eigenen Leib erlebt hat. Anschaulich, auch durchaus selbstironisch beschreibt er den Aufbruch, der mit Elvis anfängt, durch den sich für ihn «plötzlich die Tür öffnete aus dieser scheintoten Welt, die Befreiung aus dem Kleinstadtgrab, in dem all die Menschen, die ich von ganzem Herzen liebte und fürchtete, mit mir zusammen beerdigt lagen». Amerika wird neu erfunden, im Protest gegen Rassendiskriminierung und Vietnam-Krieg.

Ein Traum wird wahr: Mick Jagger ist am Telefon

Es ist ein Aufbruch, der mit den Beatles und den Stones weiter geht. Und so träumt Springsteen davon, dass eines Tages die Rolling Stones bei ihm anrufen mit der bestürzend-schönen Nachricht, Mick Jagger sei krank geworden: Ob er wohl einspringen könnte?

Jahrzehnte später klingelt das Telefon, Mick Jagger ist dran: Sie bräuchten ihn für ihr Konzert in Newark, New Jersey. Herzlich begrüssen sie ihn zur Probe, und er wird sich bewusst, «dass … das hier die Jungs sind, die meinen Job ERFUNDEN haben!» Er spürt die einzigartige Chemie, die zwischen diesen Musikern herrscht, und stellt sich ans Mikrophon – neben Mick Jagger.

Der Vater ist depressiv, die Mutter vermittelt Werte

Es ist das vorläufige Ende eines langen, sehr langen Wegs. Der Vater ist depressiv, er trinkt. Die Mutter vermittelt ihm Werte wie Wahrheitsliebe und Zuverlässigkeit, sie kauft ihm auch die erste Gitarre. Doch wächst Bruce mehr bei den Grosseltern auf, er ist ein verzogenes, in der Schule unbeliebtes Kind – das sich seinen Weg allein suchen muss. Irisches mischt sich mit italienischem Blut. Es sind schwierige Verhältnisse, unter denen Bruce Springsteen aufwächst, und mit denen er ein Leben lang hadert. Vor allem mit dem Vater. Eine Psychoanalyse hilft, obwohl: Er selber leidet auch unter Depressionen, vor allem seit er die Sechzig überschritten hat.

Was hilft, das sind, neben den Psychopharmaka, Tourneen. Das ist die Musik, von der er nicht die Finger lassen kann, und die ihm zur Welterklärung dient. Er macht die Erfahrung: Wirklich überzeugend singen kann er nur, was er tief in seinem Innern spürt. Wie man als Bub aus Freehold, New Jersey, eine grosse Nummer wird, das beschreibt seine Autobiographie. Aber auch: Dass der Rock nicht nur ihn, sondern eine ganze Generation befreit hat.

Jetzt ist Bruce Springsteen 67 und immer wieder auf Tournee, auch in der Schweiz. Sogar an der Frankfurter Buchmesse ist er gewesen. Hat erzählt, dass ihm die Menschen bei den Signierstunden «in sehr kurzer Zeit sofort das erzählen, was ihnen im Leben am wichtigsten ist». Und hat seine Konzerte als «eine heilende, reinigende Erfahrung» bezeichnet. Was wohl wahr ist.

Bruce Springsteen: Born to Run, Heyne 2016, 672 S., Fr. 36.90

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