Die «weibliche Rocksensation» erlitt ein Burn-out

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Stellten alle Uhren wieder auf null: Sara und Sophie Diggelmann sowie Franca Mock von Velvet Two Stripes. (Bild: PD)

Stellten alle Uhren wieder auf null: Sara und Sophie Diggelmann sowie Franca Mock von Velvet Two Stripes. (Bild: PD)

Es ist drinnen fast so kalt wie draussen. Leere Bierflaschen verstellen das kleine Tischchen zwischen den alten Sofas. Abgestandener Rauch hängt in der Luft. Ein Proberaum, wie es ihn in Schweizer Kellern tausendfach gibt. Hier im Zürcher Industriequartier haben sich Velvet Two Stripes fast zwei Jahre versteckt. Zwei Jahre, in denen es um die einst «coolste Band der Schweiz» gefährlich ruhig geworden ist. Dabei hatte alles so sensationell gut angefangen. Land auf Land ab waren Musikkritiker schlicht hingerissen von den drei sehr jungen und sehr hübschen Frauen aus St. Gallen, die da gekommen waren, um lauten, dreckigen Gitarrenbluesrock zu spielen. Das war 2012. Die beiden Schwestern Sara und Sophie Diggelmann und ihre Freundin Franca Mock hatten erst ein paar Konzerte gespielt. Von einem eigenen Album hatten sie noch nicht mal zu träumen gewagt. Und dann waren Velvet Two Stripes plötzlich die «weibliche Rocksensation». Die Ostschweizerinnen kamen bei einem angesehenen Label in Deutschland unter Vertrag. Spielten jedes Wochenende an einem anderen Ort, immer Vollgas. Zuerst in der Schweiz, dann in Deutschland, England, Schweden. Verrückt sei das gewesen, sehr anstrengend und sehr lehrreich. «Heute würden wir das nicht mehr machen, es hat uns geschlissen», sagt Sara Diggelmann, mit 26 Jahren die Älteste und Nachdenklichste der Drei. Während des Treffens im Proberaum in Zürich raucht sie viel und sagt wenig. Ihre drei Jahre jüngere Schwester Sophie hingegen redet und lacht viel. Von Rockstar-Attitude keine Spur. Sara und Franca studieren in Zürich, Sophie absolviert den gestalterischen Vorkurs. In St. Gallen wohnt zurzeit nur Franca. Zweimal wöchentlich treffen sie sich in Proberaum. Mit Nebenjobs halten sie sich über Wasser.

Zu viele Konzerte gespielt, zu lange aufs Album gewartet

2014 kam endlich das erste Album von Velvet Two Stripes raus. Zu spät für die Fans. Zu spät auch für die Musikerinnen, die ihre alten Songs nach Hunderten Konzerten nicht mehr spielten mochten. Ihrem Band-Auto sei irgendwann sinnbildlich das Benzin ausgegangen. Sie brauchten eine Pause. Keine Konzerte mehr, keine Interviews, Zeit zum Reden und vor allem zum Musikmachen – nur zu dritt im Proberaum.

2015 begann der Rückzug. 2016 stellten Velvet Two Stripes alle Uhren wieder auf null. Löschten alte Videos, Fotos und Posts. Schrieben neue Songs, gingen ins Aufnahmestudio, entwarfen mit ihrem neuen Manager einen Masterplan. In der Zwischenzeit haben sie gelernt, dass nur sie selbst wissen können, was gut für sie ist. Ende März kommt ihr zweites Kurzalbum heraus, im Palace in St. Gallen soll eine grosse Party steigen. Auf die neuen Songs sind sie stolz. Sie haben lange daran gefeilt, die Verstärker auch mal runtergedreht, sich Feedback geholt. Die «neuen» Velvet Two Stripes sind hörbar reifer, haben mehr Tiefe und Potenzial. Und wo sehen sie sich in einem Jahr? «In einem wärmeren Proberaum, bitte», sagt Sophie Diggelmann und reibt sich die klammen Finger. Mit neuen Songs bereits wieder im Aufnahmestudio, ergänzt ihre Schwester Sara. Den internationalen Durchbruch wollen sie immer noch, aber die Geschwindigkeit bestimmen jetzt sie.

Katja Fischer De Santi