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Die Wanze im Kinderzimmer

Immer mehr Spielzeuge sind mit dem Internet verbunden und sammeln munter Daten. Herstellerfirmen wissen teilweise mehr über die Kinder als ihre Eltern. Datenschützer sind besorgt.
Philipp Bürkler

In acht Tagen leuchten die Kinderaugen: In der Schweiz dürften unzählige sprechende Plüschtiere mit Sensoren, Roboterhunde mit Mikrophonen, Lerncomputer mit Internetanschluss, Drohnen mit Kameras und Computerspiele mit Figuren unter dem Weihnachtsbaum liegen. Der Markt mit digitalen Spielzeugen boomt. Ständig verlassen technisch bessere Modelle die Fabriken in China und erobern die Verkaufsregale in westlichen Staaten. Das Modell vom letzten Jahr ist längst out. Der Produktlebenszyklus wird kürzer, die technologische Innovation schneller. An Weihnachten 2015 das Modell 2014 unter den Baum legen? Unmöglich. Digitale Spielzeuge haben einen hohen Neuigkeitsfaktor, 60 Prozent der neuen Spielwaren sind in einem Jahr nicht mehr auf dem Markt, da schon wieder die neue Generation kommt. Die Branche freut sich.

Der Schweizer Spielwarenverband stellt seit drei Jahren steigende Absatz- und Umsatzzahlen bei digitalen Spielzeugen fest. Während die Kassen der Detailhändler klingeln, die Kinderaugen leuchten und viele Eltern ihr Gewissen beruhigen, weil sie glauben, ihrem Nachwuchs zeitgemässes Spielzeug in die Hand zu geben, sind Datenschützer besorgt.

Daten sind das neue Gold

Heutige Kinder gehören zur ersten Generation, die in eine Welt hineingeboren werden, in der jede Aktion, jede besuchte Website, jede Nachricht, jeder Einkauf und jede Bewegung im öffentlichen Raum durch das Smartphone aufgezeichnet werden kann. Mit den Daten werden Profile angelegt, mit denen Unternehmen personalisierte Werbung betreiben können. Daten sind das Gold des 21. Jahrhunderts. Nun kommt diese Entwicklung auch in den Kinderzimmern an. Grund zur Sorge bieten Fachleuten sogenannte «connected toys» – Spielzeuge, die mit dem Internet verbunden sind. Diese sind nicht nur beliebte Weihnachtsgeschenke, sondern auch ideale Ziele von Hackern oder Kriminellen. «Kinder werden angreif- und verwundbar in einer der sichersten Umgebungen, ihrem Zimmer», sagt der Schweizer Medienrechtsexperte Martin Steiger.

Die Welt lauscht im Spielzimmer

Mediale Aufmerksamkeit erregte das Thema «Hacker und Spielzeuge» kürzlich in den USA nach dem Verkaufsstart der neusten Barbiepuppe. Mattel, der weltweit drittgrösste Spielzeughersteller, lancierte – vorerst nur in den USA – rechtzeitig auf das Weihnachtsgeschäft «Hello Barbie». Die neuste Version der Superblondine ist mit einem Mikrophon im Nacken ausgerüstet. Spricht ein Kind mit Barbie, schickt die Puppe das Gespräch über das Netz an einen Server.

Dort sind etwa 8000 mögliche Antworten gespeichert. Ein Algorithmus wählt die passende Antwort aus und schickt sie durch den Barbiemund zurück ins Kinderzimmer. «Hello Barbie» symbolisiert das Internet der Dinge-Zeitalter in reiner Form, weil Elektronik in unserer Umgebung mit uns kommuniziert. Der Kühlschrank teilt via App mit, wenn die Milch knapp wird, die Kaffeemaschine informiert via Smartphone über die Kaffee-Aktion im Supermarkt. Bei Barbie ist Kommunikation wörtlich gemeint. Die Puppe spricht mit den Kindern.

Marketing mit Kindern

«Hello Barbie» hat in den USA Proteste ausgelöst. Im Netz formieren sich besorgte Bürger unter dem Hashtag #HellNoBarbie. Der Unmut richtet sich vor allem gegen die Praxis, wonach Mattel die Tonaufnahmen mit den Kindern mindestens zwei Jahre lang speichert. Mattel gibt an, Kinder seien sprachlich schwer zu verstehen, eine längerfristige Nutzung der Daten zu Forschungszwecken würde die Spracherkennungs-Software verbessern, was schliesslich allen zugute komme.

Fachleute sehen aber noch einen anderen Grund für die Speicherung. Der Spielzeughersteller wolle seine Kundschaft – die Kinder – für Marketingzwecke besser kennenlernen. Wer seine Kunden bereits im Kindesalter kennt, weiss auch, in welche Richtung sich ihr Konsumverhalten im Erwachsenenalter bewegt. An persönlichen Daten sind auch andere Firmen interessiert. Der Handel mit ihnen verspricht ein lukratives Geschäft. Vielleicht dürfte der Datenhandel dereinst den Spielzeugherstellern höhere Umsätze generieren als mit Spielwaren, dem eigentlichen Kerngeschäft. Spielzeuge wie die neue Super-Barbie könnten auch als Spionage- oder Abhörinstrument eingesetzt werden.

Gruselige Vorstellungen

Barbie als Wanze im Kinderzimmer? Hacker können relativ einfach über solche Puppen an heikle Daten gelangen. Kinder vertrauen ihren Puppen oft intime Details über schulische oder familiäre Verhältnisse an. Vorstellbar ist auch, dass Hacker oder Pädophile durch die Puppe mit dem Kind direkt sprechen. Eine gruselige Vorstellung, die an Horrorfilme erinnert. «Hello Barbie» ist vorerst nur in den USA erhältlich.

Anfang Monat machte auch das chinesische Elektronik-Unternehmen VTech negative Schlagzeilen. Sogenannte ethische Hacker – solche, die nicht aus kriminellen Absichten in Computer eindringen – machten VTech auf Sicherheitsmängel aufmerksam.

Offenbar hatten die Hacker Zugriff auf E-Mail-Adressen und Passwörter von rund fünf Millionen Eltern sowie 200 000 Angaben zu Kindern, wie deren Namen oder das Geburtsdatum.

Grosse Lücken

VTech-Produkte gibt es auch in der Schweiz. Die Firma aus Hongkong verkauft die beliebten Lerncomputer oder Tablets. «Für Kinder, die Lernen oder Hausaufgaben machen wollen, jedoch auch nicht auf Spiel und Spass verzichten möchten», heisst es in der Werbung. VTech produziert in China, einem Land, das keinen angemessenen Datenschutz kennt.

Wer garantiert, dass VTech sich gut genug um die Daten kümmert? «Ein unerträgliches Gefühl, wenn plötzlich Millionen Daten von Kindern im Netz auftauchen würden», so Internet-Rechtsanwalt Steiger. Wenn ethische Hacker an die Daten kommen, könnten es kriminelle längst getan haben. Eindringen in die VTech-Systeme war offenbar kinderleicht. «Es war eine triviale Sicherheitslücke, da braucht es nicht viel Kenntnis, man muss also vom Schlimmsten ausgehen», so Steiger. Im Februar wurden auch Sicherheitslücken bei einer sprechenden Puppe des britischen Herstellers Vivid Toys bekannt. Forscher hackten die Puppe «Meine Freundin Cayla». Obwohl Eltern via App Wörter und Begriffe sperren können, konnten die hackenden Forscher auch Wörter der Index-Liste über die Puppe kommunizieren.

Experte rät zur Vorsicht

«In der Schweiz haben wir ein Datenschutzgesetz, das gerade auch Kinder schützt. Der Datenschutzbeauftragte kann Massnahmen ergreifen, und auch für Direktbetroffene sind rechtliche Schritte möglich», erklärt Anwalt Steiger. Oft kämen solche Firmen aus Ländern mit lockeren Sicherheits- und Datenschutzbestimmungen. Steiger rät deshalb zur Vorsicht. «Ich empfehle Eltern, auf internetfähige Spielzeuge zu verzichten. Die Risiken sind zu gross.» Auch Eltern nimmt Steiger in die Pflicht. Sie müssten sich über die Gefahren bewusst werden.

Beim Verschlucken von kleinen Spielzeugteilen seien Eltern sehr sensibilisiert, nicht aber bei digitalen Spielzeugen. Aufmerksam verfolgt auch Sandro Küng, Sprecher des Spielwarenverbands der Schweiz, die Entwicklungen im digitalen Segment. «Zukunftsforschung ist ein grosses Thema bei uns, auch an Spielzeugmessen wie jener in Nürnberg.» Trotzdem, mehr als seine Verbandsmitglieder – Händler und Grosshändler – auf das Thema Datenschutz zu sensibilisieren, könne er nicht. «Neben den Herstellerfirmen sind auch die Händler sowie die Eltern für die Sicherheit der Kinder verantwortlich», mahnt Küng.

Auch Lego steigt in den Markt ein

Die Zukunft ist bereits da. Mit dem Internet verbundene Spielzeuge sind ein relativ junges Feld, die Entwicklung steckt noch in den Kinderschuhen. Es ist der am schnellsten wachsende Bereich im Spielzeugmarkt. Traditionelle Spielwaren dürften zunehmend an Bedeutung verlieren, während solche mit Internetzugang zur Norm werden. Ein Blick auf das aktuelle Marktangebot verdeutlicht die rasanten Entwicklungen.

Nächsten Frühling kommt die lang erwartete Virtual Reality Brille Oculus Rift in die Läden. Mit ihr dürfte sich die Verbindung der virtuellen mit der realen Welt nochmals radikal verändern. Der Computerspiel-Industrie eröffnen sich ungeahnte Möglichkeiten. Auch Lego ist in den Markt virtueller Realität eingestiegen. Das soeben erschienene Lego Dimensions lässt physische Comicfiguren in Computerspiele integrieren. Solche Spielzeuge nennen sich «Toys-to-Life». Disney, als weltgrösster Spielzeugvermarkter, hat kürzlich 100 Millionen Dollar in eine ähnliche Technologie gesteckt und unter der Marke «Disney Infinity» bereits patentiert.

Selbstfahrende Rennautos

Der US-Roboter-Hersteller Anki verkauft das erste selbstfahrende Spielzeugauto. Eine einfache Carrera-Rennbahn ohne Schienen. Ein intelligentes System scannt nach Herstellerangaben die Umgebung der Rennautos «500 Mal pro Sekunde» und sendet die Daten ans Smartphone oder Tablet. Sensoren, Kameras und schnelle Verbindungen ins Netz: Willkommen in der neuen Kinderwelt. Eine neue Welt, die aber auch ungebetene Gäste mit schlechten Absichten im Kinderzimmer zum Spielen einladen könnte.

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