Die Wählscheibe wird beerdigt

Die Swisscom stellt das analoge Telefonnetz ab. Ab 2018 funktioniert das Telefonieren nur noch über das Internet. Alte Telefone müssen umgerüstet werden, wie auch Alarmanlagen und Lifttelefone.

Bruno Knellwolf
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Relikt aus vergangenen Zeiten: Ein Telefon mit Wählscheibe. (Bild: PETER KLAUNZER (KEYSTONE))

Relikt aus vergangenen Zeiten: Ein Telefon mit Wählscheibe. (Bild: PETER KLAUNZER (KEYSTONE))

Bruno Knellwolf

bruno.knellwolf

@tagblatt.ch

Das traditionelle Telefon-Festnetz wird per Ende Jahr in der ganzen Schweiz abgeschaltet. Bis die Swisscom das analoge Kabel und die ISDN-Leitung kappt, dauert es also noch ein halbes Jahr. Trotzdem müsse der Ersatz dafür jetzt geplant werden, sagt Urs Kammermann vom Ostschweizer Kommunikationsunternehmen mhs.ch, das digitales TV, Radio und Telefonie im deutschsprachigem Raum auf Glasfaser oder Kupferkabel (DSL) anbietet.

Dieser Weckruf Kammermanns bezieht sich in erster Linie auf Firmen und Unternehmen, welche ein modernes Kommunikationssystem brauchen, weniger auf Private, die von der Umstellung in der Regel wenig spüren werden. Das Abschalten des analogen Netzes bedeutet nicht unbedingt, dass jemand seine ganze Telefonanlage ersetzen muss. «Es gibt auch die Möglichkeit, die alte Anlage mit der neuen Welt zu verbinden», sagt Kammermann.

Alles übers Internet

Doch was heisst hier neue Welt? Die «State-of-the-Art»-Technologie heisst Voice over IP, kurz VoIP genannt. Das sind viele Anglizismen, deshalb: IP steht für «Internet Protocol». Voice für Stimme. Der Ton kommt beim modernen Telefonieren also übers Internetprotokoll, dabei wird das Gesprochene laufend in Datenpakete verpackt. Das Internetprotokoll schreibt diese Datenpakete mit Adressen an und schickt sie über die Anschlussleitung hinaus ins Netzwerk. Dort sucht sich das Datenpaket selbstständig einen Weg zum Empfänger, oder besser gesagt zu einem Server. Ganz im Unterschied zum analogen Telefonieren, wo sozusagen während des Gespräches immer eine Standleitung offen ist, über die man miteinander spricht.

Die Kabel für die analoge Telefonie entfallen. Fix ist nur noch die Telefonanlage an den Endpunkten im Haus. Dazwischen schwirren die Daten durchs Netz und zwar auf dem bestmöglichen Weg.

Die VoIP-Technologie ist wider Erwarten gar nicht besonders neu: Sie gibt es schon seit rund 30 Jahren. Sie ist jetzt ausgereift und im nächsten Jahr nach Abschaltung des traditionellen Festnetzes die einzige Möglichkeit für die Telefonie. Auch ISDN ist zwar ein digitales Netz, das wird aber auch nicht mehr funktionieren, weil es im Grundsatz gleich wie das analoge Netz arbeitet. Also mit einer direkten Verbindung zwischen Sender und Empfänger und diese gibt es nach der Festnetz-Abschaltung nicht mehr.

ISDN-Geräte können behalten werden

Allerdings muss der Kunde sein ISDN-Gerät nicht gleich entsorgen. «Man kann ein altes Telefon mit einem Wandler SIP-tauglich machen», sagt Kammermann. Mit der SIP-Trunk-Technik können bestehende Anlagen ans IP-Netzwerk angeschlossen werden. Das sei interessant für Kunden, die nicht alles auswechseln wollen, weil sie vielleicht gerade in eine neue Telefonanlage investiert hätten, sagt Kammermann. Definitiv ins Museum müssen Ende Jahr aber Telefone mit Wählscheibe. Für die gibt es ­keinen VoIP-Anschluss.

Kammermann favorisiert aber sowieso den Einstieg in die neue Telefonwelt, die viel mehr Möglichkeiten biete und effizienter sei als die analoge Welt. «Die Menge der Daten im Netz verdoppelt sich alle zwei Jahre», sagt Kammermann. Das brauche nicht nur viel Bandbreite auf den Übertragungswegen, sondern auch vielseitige modulare VoIP-Telefonielösungen.

Alarmanlage im Lift muss ersetzt werden

Nachteile gebe es dabei keine, sagt Kammermann. Allerdings seien doch einige Herausforderungen bei der Umstellung zu bewältigen. Denn mit den analogen Kabeln wird nicht nur telefoniert. Auch Alarmanlagen sind angeschlossen. Und wenn jemand im Lift stecken bleibt, ist er froh, wenn er über die Telefonleitung per Knopfdruck Alarm schlagen kann. Betroffen sind auch ganz neue Liftanlagen. In der TV-Sendung «Kassensturz» wurde der Fall eines Schindler-Liftes geschildert, der erst vor einem Jahr erstellt worden ist und nun wegen der Abschaltung schon umgerüstet werden muss. Die Kosten dafür belaufen sich auf 900 Franken, die der Hausbesitzer bezahlen muss. Bei 125000 Liften ergebe das für die Lifttelefone die stolze Summe von über 100 Millionen Franken, wurde im «Kassensturz» geklagt.

Auch in Spitälern gebe es Orte, wo auf jeden Fall ein Signal ankommen müsse, wenn es um Leben und Tod gehe, erklärt Kammermann. All das sei aber auch mit VoIP zu lösen. Im Lift wird dann eine SIM-Karte stecken, welche nicht übers analoge, sondern übers Internetprotokoll funktioniert und einen Alarm ermöglicht. Jeder Kunde brauche heute eine individuelle Beratung für eine den Bedürfnissen angepasste Anlage.

Mag der private Telefonkunde nicht viel merken von der Abschaltung: Spüren wird er es, wenn der Strom ausfällt. Während die gute alte Telefonie aus dem unabhängigen Netz mit Strom versorgt worden ist, funktioniert das bei der IP-Telefonie nicht mehr. Ohne Strom fliessen keine Datenpakete. Wenn Firmen auf sicher gehen wollen, brauchen sie Notstromaggregate. Auch wenn das Internet aus anderen Gründen ausfällt, kann in der neuen Welt nicht mehr telefoniert werden. Übers Handy allerdings bleibt die Vernetzung gewährleistet. Auch die Festnetznummern im Hause verändern sich nach der Abschaltung des analogen Netzes nicht. Unter der gleichen Festnetznummer kann im Büro, zu Hause oder unterwegs kommuniziert werden.

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