Die vielfältige Sprache der Haare

Überall Haare, aber formen können wir nur die auf dem Kopf. Die Stile sind so verschieden wie die Friseure, die wir auf diesen Seiten besuchen. Haare spielen eine Rolle als Ausdrucksmittel, in Märchen und in der Rechtsmedizin.

Rolf App
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Wir treiben viel Aufwand mit unseren Haaren. Mit gutem Grund. Denn mit ihnen zeigen wir, wer wir sein wollen. Und: Wir locken das andere Geschlecht an. (Bild: Gettys)

Wir treiben viel Aufwand mit unseren Haaren. Mit gutem Grund. Denn mit ihnen zeigen wir, wer wir sein wollen. Und: Wir locken das andere Geschlecht an. (Bild: Gettys)

Eines der Dinge, die man im Gepäck von Mohammed Atta fand, dem Anführer der Terroristen vom 11. September, war ein Schriftstück mit Anweisungen für die Vorbereitung auf die Anschläge. Neben der Mahnung, mit einem Eid die Todesabsicht zu besiegeln, stand da die seltsame Aufforderung, «überflüssiges Körperhaar abzurasieren».

Der Mensch: ein Tier…

Michael Sims erwähnt diese Anweisung in «Adams Nabel und Evas Rippe», seiner eigenwilligen Erkundung des menschlichen Körpers, um damit auf die Bedeutung der Behaartheit hinzuweisen, die «bis heute Symbol des Tierischen und einer verwilderten Natur» sei. Unsere «schreiend offenkundige Blutsverwandtschaft mit anderen Tieren macht uns nervös». So sollte Mohammed Atta sie denn vor der blutigen Tat symbolisch abwerfen.

Dass man sich rasiert, ist freilich schon Ausdruck eines sehr menschlichen Umgangs mit unserer Behaartheit, die viele, sehr viele Facetten kennt. Einige davon werden auf dieser und auf den folgenden Seiten zum Thema werden.

…aber ein besonderes

Dass wir behaart sind, unterscheidet uns dabei noch nicht von anderen Tieren. Einzigartig ist aber, wie wir es sind. In den Worten des Verhaltensforschers Desmond Morris: «Es gibt 193 lebende Affen- und Menschenaffenarten. Hundertzweiundneunzig davon sind am ganzen Körper behaart. Eine Ausnahme bildet ein nackter Affe, der sich selbst Homo sapiens nennt.»

Völlig unbehaart sind wir zwar nicht. Beinahe überall spriessen aus unserem Körper feine Härchen. Aber im Vergleich zu anderen Tieren ist das nichts. Dafür ist uns etwas Einzigartiges geblieben: Die vielen Haare auf dem Kopf, die, wenn wir ihnen nicht Einhalt gebieten, gut und gern einen Meter lang werden können. Warum sich der Mensch so seltsam entwickelt hat, darüber haben sich seit Charles Darwin die Evolutionsforscher ihre Gedanken gemacht. Das Ergebnis: Ein paar Theorien, die zutreffen können – oder aber auch nicht.

Ferien bei der Grossmutter

Doch einzigartig ist vor allem, was der Mensch mit seinen Haaren macht, und wie er sie empfindet. In einem wunderschönen, ganz dem Haar gewidmeten Bildband der Fotografin Herlinde Koelbl erzählt der Schriftsteller Bernhard Schlink von den Ferien in seiner Kindheit am Zürichsee bei den Grosseltern. Eines morgens sei er früh aufgewacht und zum Badezimmer gegangen und habe dort die Grossmutter mit offenem Haar angetroffen.

Die Haare – als Ausdruck

«Ich hatte es nie anders als glatt und streng zurückgekämmt und zum Knoten gebunden gesehen», schreibt Schlink, «und sie nie anders als meine Grossmutter, ein Wesen ohne Geschlecht, eine Institution eben. Aber da stand sie, und ihr offenes Haar schimmerte und fiel in schweren Locken auf ihre Schultern, und ich begriff, dass meine Grossmutter vor allem anderen eine Frau war.»

Bernhard Schlink begreift, dass es beim Haar gar nicht um das Haar geht. Sondern dass sich darin die Frau zeigt. Mit allen anderen äusseren Attributen müsse sie sich mehr oder weniger abfinden: Mit dem Gesicht, mit der Figur. Welches Bild aber das Haar einer Frau mache, das sei ihr Werk.

Und was Schlink an der Frau beschreibt, trifft auch auf den Mann zu. Er zeigt, wer er ist oder sein will, und er bekundet Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder zu einer Generation. Anhand der Haare ordnen wir einander zu – oder grenzen einander auch aus.

Donald Trumps Föhnfrisur

Nicht unter jeder Föhnfrisur stecke ein kluger Kopf, hat der lockige Thomas Gottschalk von Donald Trump gesagt. Das war ein schönes Beispiel für Frisurenspott. Und führt doch wieder zurück zur Geschlechterfrage. An Frauen lieben wir jenes seidig lange Haar, das wir auf Männerköpfen als unmännlich empfinden.

Denn Frauenhaare senden erotische Signale aus. Kein Wunder, wollen Religionen sie unter Kopftüchern verstecken. Womit sie allerdings die Phantasie noch keineswegs gebändigt haben.