Die versteckten Waschhelfer

Was bedeutet das durchgestrichene Dreieck und was die Querlinie im Quadrat? Seit fünfzig Jahren gibt es die textilen Pflegehinweise – und noch immer sind sie vielen ein Rätsel. Bald soll ein scannbarer Code dazukommen.

Diana Bula
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Die Lieblingsbluse ist geschrumpft, und wie. In der Abreisehektik vor den Ferien ist sie im (zeitsparenden) Tumbler gelandet statt am Ständer. Nun reicht der Stoff gerade mal noch bis zum Bauchnabel, die Ärmel enden bereits auf Ellbogenhöhe.

Jeder – ausser Bree Van de Kamp, der perfekten Hausfrau aus der US-Serie «Desperate Housewives», und ihren Doubles fernab des Bildschirms – weiss eine solche Geschichte zu erzählen. Auch Christine Forster von Ginetex Switzerland, der schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für Textilkennzeichnung. Forster behandelte einen Fruchtflecken auf einem Kinderpullover mit Javelwasser. «Als ich ihn aus dem Waschbecken nahm, hatte das Bleichmittel die Strickbündchen zerfressen», sagt sie – und betont, dass sie damals «sehr jung» gewesen sei und noch nicht bei Ginetex gearbeitet habe.

Neue Stoffe, neue Programme

Solche Pannen wollten Vertreter der Textilbranche verhindern, als sie 1963 in Paris die Vereinigung für Pflegekennzeichnung namens Ginetex gründeten – und die Symbole ins Leben riefen, die heute auf der Innenseite von Kleidern angebracht sind. Nach Zeiten von Leinen und Baumwolle drängten damals neue Fasern auf den Markt: künstliche wie Nylon, Acetat und Polyester. Nähte wurden nicht mehr nur mit Nadel und Faden verarbeitet, sondern auch verklebt oder verschweisst. 95 Grad für weisse Kochwäsche, 60 Grad für bunte Stücke: Das genügte plötzlich nicht mehr. Hatte die automatische Waschmaschine ab 1950 nach und nach Waschbrett und Zuber mit Seifenlauge abgelöst, so mussten nun neue, schonendere Programme her. Immer ausgeklügeltere Geräte kamen in den Handel, sie wuschen immer besser, immer zuverlässiger. Was einst körperlich anstrengend gewesen war, war nun kompliziert: Weder die Verbraucherin noch ausgebildete Waschfrauen hätten die Lage überblickt, heisst es. «Die Pflegesymbole sollten da Klarheit bringen», sagt Forster.

Sesselrücken bei Piktogrammen

Technische Entwicklungen einerseits, der internationaler werdende Handel auf der anderen Seite: Symbole, welche die Sprachdifferenzen überbrückten und zugleich verbildlichten, wie die Kleider unbeschädigt gereinigt werden, schienen da zweckmässig. Unter den Ginetex-Gründungsmitgliedern waren die Benelux-Staaten, Deutschland und Frankreich, aber auch die Schweiz. Sie legten Piktogramme fest, liessen sie markenrechtlich schützen. Heute gehören der Arbeitsgemeinschaft 20 Länder an, vorwiegend aus Europa.

Eine kleine Umfrage zeigt: Noch lange nicht alle wissen, wofür die Symbole stehen – und das 50 Jahre nach deren Einführung. Zu den Unbekannten zählt etwa das Dreieck. Leer bedeutet es, dass Chlor- und Sauerstoffbleiche möglich sind. Bei zwei schrägen Linien im Dreieck ist zwar die Sauerstoffbleiche (wie sie beim Waschen mit herkömmlichen Mitteln geschieht) zulässig, mit Chlor sollte die Hausfrau oder der Hausmann jedoch nicht hantieren. Beim durchgestrichenen Dreieck ist Bleichen gar nicht möglich. Das Dreieck steht auf dem Etikett an zweiter Stelle. Vor ihm kommt der Waschzuber; er besagt, wie hoch die Wassertemperatur in der Trommel sein darf. Danach folgt das Tumblersymbol, dann jenes fürs Bügeln sowie jenes für die professionelle Reinigung. Nicht immer war die Reihenfolge so: Das Tumbler-Piktogramm kam erst 1983 dazu, 2006 rückte Ginetex es auf den dritten Platz. Seither ist der Reinigungsprozess chronologisch abgebildet.

In der Schweiz sind die Pflegehinweise fakultativ. Als eine Dienstleistung am Kunden beschreibt Forster die Piktogramme. «Wenn Sie ein Kleid in die chemische Reinigung bringen und keine Pflegehinweise eingenäht sind, müssen Sie die Haftung übernehmen, falls beim Waschen etwas schiefgehen sollte», nennt sie einen Vorteil.

Entscheidet sich ein Unternehmen, die Symbole zu verwenden, hat es bei Ginetex Switzerland eine Lizenz zu beantragen. Zu den Lizenznehmern gehören Detaillisten wie Coop und Migros, aber auch der Unterwäschehersteller Isa Bodywear in Amriswil oder der Strickwarenproduzent Traxler AG in Bichelsee. Sie müssen sich an die Vorgaben von Ginetex halten: die Symbole sind minimal zehn Millimeter gross, die Abstände genormt. Die Etikette muss fest mit dem Kleidungsstück verbunden sein. Und sie sollte während der Lebensdauer des Pullovers nicht verbleichen. «Zumindest war das früher die Absicht. Heute ist die Modeindustrie so schnelllebig, dass es kaum je dazu kommt.»

Kürzere Etiketten dank Code

Viele Unternehmen bestellen die Etiketten laut Forster unterdessen in Asien. Nicht so die Traxler AG, die Pullover, Mützen und Schals aus Wolle, Baumwolle oder Kaschmir fertigt und damit Coop ebenso beliefert wie die Zürcher Stadtpolizei. «Eines Tages beklagte sich ein Beamter bei uns, dass sich die Naht seines neuen Pullovers gelöst hatte. Die Verarbeitungsart des Oberteils verriet uns jedoch, dass es schon mehrere Jahre alt sein musste. Leider hatten wir keinen Beweis dafür», sagt Geschäftsleiter Rolf Traxler. Seit zwanzig Jahren versieht die Firma ihre Kleidungsstücke nun mit Etiketten, auch um Pflegehinweise anzubringen. Wichtiger ist aber die Fertigungsnummer. Im Falle einer Reklamation lässt sich damit der Pullover zurückverfolgen.

In der EU sind die Pflegehinweise unterdessen Pflicht, wie Traxler weiss, der immer wieder ins Ausland liefert. «Ausserdem müssen wir viele neue Bestimmungen erfüllen», sagt er. So werden die EU-Etiketten länger und länger, kommen den Produzenten teurer zu stehen als früher. Und ärgern den Konsumenten, wenn sie unter dem Pullover rascheln oder in der Taille piksen. Das Resultat: Man schneidet sie raus– und vermisst die Piktogramme dann doch, wenn man unschlüssig vor der Waschmaschine steht. «Ginetex hat dieses Jahr deshalb einen QR-Code entwickeln lassen, mit dem sich per Smartphone im Internet Pflegehinweise und Rohstoffe abrufen lassen, die das Kleidungsstück enthält», sagt Forster. Noch brauche es neben QR-Code die gute, alte Etikette. Schliesslich hätten nicht alle ein Handy, mit dem sich der Code scannen lasse. Und auch die Textilfirmen müssten nachziehen, um den QR-Code einen Erfolg werden zu lassen. «Viele haben noch bereits gedruckte Etiketten am Lager. Es wird deshalb eine Weile dauern, bis die Neuheit im Aufwind ist», sagt Forster.

Auch Rolf Traxler hält die «langen Zettel» für «unmöglich» und rechnet dem QR-Code gute Chancen aus. Mitunter aus technischen Gründen: «Viele unserer Strickprodukte sind nahtlos. Wir müssen die Etiketten mit Faden an einzelnen Maschen befestigen. Ein mühsames Vorgehen, das mit QR-Code hinfällig wäre.»

Neu mit Blume

Neben Materialien und Pflegehinweisen liessen sich auf dem QR-Code allerlei andere Informationen hinterlegen, ist Christine Forster von Ginetex Switzerland überzeugt. Etwa, welche Allergene das Produkt enthält. Und auch Umwelttips könnte der Konsument schon bald abrufen. Eine Blume würde als Piktogramm dafür stehen; «Clevercare» heisst die Ginetex-Kampagne, die in der Startphase steht. Das Ziel: «Geht man mit dem Textil schonend um, tut man es auch mit der Umwelt», sagt Forster. Was der Textilhandel davon hält, ist noch unklar. Lizenznehmer, die das Logo verwenden würden – sei es auf der Etikette oder auf dem Regal –, könnten sich so von weniger umweltbewussten Anbietern abheben, ist sie überzeugt.

Im Frühling 2014, rechtzeitig auf den Start der Modesaison hin, soll die Kampagne in aller Munde sein. Wer nicht bis dahin warten will: Online sind die Tips bereits einsehbar. «Wieder vermehrt an der Leine trocknen statt im Tumbler» lautet einer, «Nur bei übermässig verschmutzter Wäsche die Stufe Vorwaschen verwenden» ein anderer. Was hält Rolf Traxler davon? «Steht das nicht ohnehin schon irgendwo im Internet?», fragt er.