Die Vergötzung der Aktualität

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Gottlieb F. Höpli
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Man liest als altgedienter Journalist die Zeitungen ja auch, wenn man in den Ferien weilt. Vor allem dann, wenn das Wetter nicht so ist, dass man unbedingt Ski fahren muss. Das soll der Nachwuchs tun, der noch nicht so viele Abfahrtskilometer in den Beinen hat. Und der übrigens, hier in den Bergen, ebenso locker auf elektronische und «soziale» Informationsmedien verzichtet.

Aber man liest die Zeitungen anders, wenn man sie nicht so nahe an seinem Arbeitsplatz liest, der mit so unentbehrlichen Hilfsmitteln ausgestattet ist wie einem rudimentären Handarchiv, dem unentbehrlichen etymologischen Wörterbuch (über die Herkunft der Wörter), dem «Büchmann», dem klassischen Zitate-Wörterbuch, oder der fünfbändigen Bibel-Konkordanz, die etwa die Hälfte aller sprichwörtlichen Redensarten enthält, die wir täglich im Munde führen.

Nun gut, was wir im Gedächtnis mit uns herumtragen, ist auch immer dabei. Für Lateiner: omnia mea mecum porto (alles, was ich habe, trage ich auf mir). Etwa Goethes berühmten Vers zum eben angeschnittenen Thema der Hilfsmittel eines Dichters. Oder eben eines Kolumnisten: «Wer nicht von dreitausend Jahren/sich weiss Rechenschaft zu geben/bleib im Dunkel unerfahren, mag von Tag zu Tage leben» (aus dem Gedächtnis und womöglich ungenau zitiert). Ein schöner Vorsatz, oder nicht? Obwohl ziemlich aus der Mode geraten.

Wenn also der Specksteinofen eingefeuert, der Nachwuchs in der Skischule abgeliefert ist, können die Füsse zu wandern beginnen. Oder doch wenigstens die Gedanken. Nicht aktuell, nicht mit Zitaten unterlegt, meist ins Unreine gedacht. In grösserer Distanz zur Aktualität als sonst – wobei: über Aktualität müssten wir ja vielleicht auch wieder mal nachdenken. Darüber, ob mit dem Begriff nicht ein Aspekt der Information verabsolutiert wird, der alle anderen – wahrheitsgemäss, vertiefend, Zusammenhänge aufzeigend – zu erdrücken droht.

Nachdenken über das Beispiel jener Online-Medien, welche vor kurzem einen Richterspruch des obersten deutschen Gerichts zum Verbot der NPD nicht abwarten mochten und, als der oberste Richter mit der Verlesung des Urteils begann, bereits atemlos vermeldeten, es werde ein Verbot der Neonazis erlassen – dabei hatte der Richter erst gerade den Antrag der Kläger verlesen. Den Antrag, der ein Verbot der NPD beantragte und der vom Gericht in der Folge abgelehnt wurde. Mit anderen Worten: Ein peinlicher journalistischer Flop! Verursacht durch die atemlose Hetze, zuerst zu sein. Zuerst bei wem? Beim Informations­empfänger? Ach was!

Es geht darum, vor der Konkurrenz zu sein! Denn die neuen News-Jäger messen ihre Leistung nicht an den Bedürfnissen des Publikums, sondern am Tempo der Konkurrenz! Es will im Ernst wohl niemand behaupten, die Menschen, die auf ihren mobilen Geräten die neuesten News erfahren wollen, läsen am liebsten den ganzen Tag lang die neuesten Falschmeldungen, atem- und zusammenhanglos aneinandergereiht. Da können sie sich ja direkt auf dem Twitterkonto von Donald Trump einloggen.

Das ist sogar eine belegte These: Eine Schweizer Umfrage, die ich hier nicht zur Hand habe, hat ergeben, dass es auch den befragten Usern von News-Apps wichtiger ist, dass die Nachrichten korrekt sind, als dass sie Teil eines Wettrennens um die schnellste Nachricht sind. Sie werden nicht gern zum Opfer eines un­sinnigen Wettrennens, das die Verlässlichkeit der noch verbliebenen Nachrichten­medien untergräbt und schliesslich zerstört. Da kann man sich ja gleich auf den vielen «sozialen» – sozialen? – Medien tummeln, wo Wahr­-heit, Lüge, Verschwörungstheorien wild durcheinanderwirbeln und dem Bedürfnis nach sachgerechter Orientierung kaum mehr eine Chance lassen. Ist das die Zukunft, die wir wollen?

Eben fährt der Pöstler mit seinem gelben Panda vor. Zeit, die Zeitung zu lesen.