DIE TERRANAUTEN: Und Gottvater stellte ein Glashaus in die Wüste

In seinem neuesten Buch wirft der Schriftsteller T. C. Boyle einen tiefen Blick in die amerikanische Seele – und in die Natur des Menschen, der zwischen Selbstlosigkeit und Egoismus schwankt.

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Das Vorbild für T. C. Boyles Terranauten-Roman: Biosphere 2 in der Wüste von Arizona. (Bild: John Miller/AP)

Das Vorbild für T. C. Boyles Terranauten-Roman: Biosphere 2 in der Wüste von Arizona. (Bild: John Miller/AP)

Der amerikanische Schriftsteller T. C. Boyle hat sich getäuscht. Noch letzten Mai bezeichnete er Donald Trump als einen Clown, der es nicht einmal schaffen werde, auch nur Kandidat der Republikaner zu werden. Jetzt ist dieser Mann als Präsident der Vereinigten Staaten dabei, die Errungenschaften der vergangenen Jahrzehnte zurückzudrehen und sein Land abzuschotten. Und der 68-jährige, aus der Arbeiterklasse stammende Boyle fragt sich, «ob die Errungenschaft der Demokratie mehr als eine kleine Episode in der Geschichte der Menschheit ist».

Die menschliche und die animalische Natur

Was geschieht mit der Menschheit? Das ist auch das Thema seines neuesten Buches, «Die Terranauten». In ihm fragt T. C. Boyle wie in all seinen Büchern, «ob uns der Widerstreit zwischen unserer menschlichen und unserer animalischen Natur auf Dauer überhaupt eine Überlebenschance lässt».

Eine Art Laboratorium in der Wüste

Auf der Suche nach einer Antwort versetzt er seine Protagonisten in eine Art Laborsituation, die es 1991 tatsächlich schon einmal gegeben hat. Damals liessen sich acht Menschen zusammen mit 3800 Tier- und Pflanzenarten in eine Art Raumstation in der Wüste von Arizona einschliessen, um zwei Jahre lang nur von dem zu leben, was sie selber anbauten.

Was damals «Biosphere 2» hiess, das nennt Boyle «Ecosphere 2» oder auch nur E 2. In diese zweite Erde ziehen acht «Terranauten» ein. Zwei von ihnen, Dawn Chapman und Ramsay Roothoorp, lässt T. C. Boyle von den Vorbereitungen erzählen, vom Auswahlprozess, und vom Leben in ihrem riesigen Glashaus, in dem schon recht bald der Hunger grassiert. Herausforderungen, welche die Gruppe anfangs zusammenschweissen, treiben sie spätestens dann auseinander, als ihre «animalische Natur» die Herrschaft übernimmt. Die tägliche Erschöpfung weckt Rivalitäten. Ramsay lässt sich mit Dawn ein und verschmäht seine Mitbewohnerin Gretchen, was der Stimmung nicht sonderlich gut tut. Dawns Freund wartet draussen – und erkennt schon bald: Da hat ihn jemand ausgestochen. Draussen ist auch Linda Ryu, Dawns beste Freundin, die dritte Erzählerin im Buch, die mehr und mehr zur Konkurrentin wird. Denn Linda will spätestens mit der nächsten Staffel Terranauten einziehen. Dawn allerdings räumt ihren Platz nicht so ohne weiteres.

Unzählige Kameras überwachen sie

Dass Dawn schwanger wird, das wirkt wie ein Brandbeschleuniger. Denn E 2 existiert keineswegs im luftleeren Raum. Es ist vielmehr zur Pilgerstätte aller Umweltbegeisterten aus nah und fern geworden. Ihnen gilt es eine heile, fortschrittliche Welt vorzuspielen. Dafür sorgen jene, die im Hintergrund Regie führen und die von den Terranauten auch bezeichnende Spitznamen bekommen. Jeremiah Reed, der das Projekt ersonnen hat, heisst nur GV – Gottvater; Judy Forester, seine machtvolle rechte Hand, ist Judas. Sie überwachen ihre Schäfchen mithilfe zahlloser Kameras. Sie sorgen dafür, dass die Öffentlichkeit mit Neuigkeiten versorgt wird. Als Dawn sich weigert, ihr Kind abtreiben zu lassen, werden sie zu Stars: die erste Frau, die hier ein Kind zur Welt bringt.

So schwanken T. C. Boyles «Terranauten» zwischen PR-Zynismus und amerikanischem Pioniergeist, zwischen hehren Zielen und schmutzigem Geschäft, zwischen Fakt und Fake. Was autark wirkt, existiert nur dank der Elektrizität von aussen. Eintönig schleppen sich die Tage, und auch das Buch hat seine Längen. Aber sie gehören dazu.

Rolf App

rolf.app@tagblatt.ch