Die Strassen sind geschwätzig

Wegweiser und Hinweisschilder helfen uns, uns in Städten und Dörfern zurechtzufinden. Daneben aber sendet eine Vielzahl von Schildchen mit Zahlen und Buchstaben rätselhafte und geheime Botschaften aus.

Beda Hanimann
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Embleme, Buchstaben, Zahlen, Aufrufe: Der Alltag ist voll von Botschaften, vom politischen Aufruf bis zum Geheimcode für Bauarbeiter. (Bilder: Tonia Bergamin)

Embleme, Buchstaben, Zahlen, Aufrufe: Der Alltag ist voll von Botschaften, vom politischen Aufruf bis zum Geheimcode für Bauarbeiter. (Bilder: Tonia Bergamin)

Das Schildchen muss schon lange unbeachtet da hängen, aber an diesem einen Morgen fällt der Blick darauf, kaum hat man ein paar Schritte auf die Strasse getan. Ein steingraues W in einem blauen Kreis, steingrauer Rand, vier ebensolche Vierecke. Ein unscheinbares Ding, knapp so gross wie ein Bierteller, doch der Zufallsblick auf das rätselhafte Zeichen erweist sich als nachhaltig: Plötzlich sieht man nur noch solche Zeichen und Botschaften, alle paar Meter, an Hauswänden, Verteilkästen, Strommasten und Strassenlampen.

Beim Weitergehen und Sinnieren bestätigt sich: Jeder Gang durch die Stadt oder das Dorf ist üppig ausgeschildert. Natürlich sind da die klassischen Hinweise, Tafeln und Wegweiser, die dem Ortsunkundigen eine Orientierungshilfe bieten. «Casino» steht drauf, «Rorschach», «Bahnhof» oder «Anlieferung». Andere sprechen eine andere Sprache, oder besser gesagt gar keine, und doch helfen sie uns weiter, weil ihre Form und Farbe normiert sind. Einen gelben Rhombus erkennt jeder als Hinweis auf einen Wanderweg, die stilisierte gelbe Muschel auf blauem Grund sagt den Jakobspilgern, dass sie auf dem richtigen Weg sind. Ein weisses P auf blauem Hintergrund signalisiert: Hier kannst Du Dein Auto abstellen.

Impftag und Fukushima

Es bleibt nicht bei diesen gängigen Begleitern und Einflüsterern, wenn wir die Augen weiter offen halten. Kleine, von Unbekannten angebrachte Botschaften raunen und rufen uns alle paar Meter etwas zu. Ein grüner Aufkleber erinnert noch nach Jahren an einen Grippeimpftag. «Pyrotechnik ist kein Verbrechen», behauptet ein anderer Kleber, ein dritter mit der Aufschrift «1:12 – JA – OUI – SI» hat den Abstimmungssonntag, für den er gedacht war, überdauert. Und diskret, aber doch mit unmissverständlicher Aussage, rechnet ein vierter vor: «Fukushima 9387 km – Leibstadt 92 km». Die Strassen sind geschwätzig, ohne einen Ton von sich zu geben, ihre Botschaften sind kleine Ausrufezeichen zu politischen Debatten und gesellschaftlichen Diskussionen.

Jeder Mast hat seine Nummer

Und da, zwischen all dem Geschraubten, Gedruckten und Geklebten, prangt auf einem Baumstamm ein leuchtend grünes X. Hingesprayt von schneller Hand. Der Baum wird der Motorsäge geweiht sein, mutmassen wir, Gewissheit haben wir nicht, höchstens die: Das grüne X richtet sich nicht an uns Zufallspassanten, sondern an Insider, Kennende, Wissende, an die Leute vom Gartenbauamt wohl. Der Buchstabe, der vielleicht nicht einmal als Buchstabe gedacht ist, ist die archaischste Form eines Informationssystems für Eingeweihte.

Von solchen Geheimcodes sind die Städte und Dörfer voll. An fast jedem Haus finden sich blaue oder gelbe Plastikschildchen. Eine verwirrende Ansammlung von Zahlen und Buchstaben und Linien ist drauf, mal ergänzt durch das Wort «Erdgas» oder «Wasser». Jeder Hydrant trägt ein Schildchen und eine Nummer, jede Strassenlampe und jeder Strom- oder Leitungsmast ist numeriert, mal in linearer Folge von 1 aufwärts entlang der Strasse, mal sichtbar komplexer mit Zahlenkombinationen wie 641–14-117. Da ist kein Mast zu klein, Träger einer Information zu sein. Keine Lampe zu unbedeutend, um nicht registriert zu werden.

Codes für das Funktionieren

Auch wenn wir dabei nur Bahnhof verstehen, so ist uns klar: Hinter all dem verbirgt sich ein unsichtbares Netz von Leitungen für Strom, Gas und Wasser, das aber alles andere als virtuell, sondern höchst real ist. Den Insidern sind die Schildchen hilfreiche Information, uns nur Hieroglyphen, Codes für das technische Funktionieren des Gemeinwesens. Vielleicht denken wir einmal daran, wenn wir das nächste Mal die Steuererklärung ausfüllen. Vielleicht machen wir uns einmal bewusst, wie da im Hinter- und Untergrund alles bestens organisiert, geordnet und geregelt ist.

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