Die Stilmacher

Stylisten Ohne sie geht in der Modewelt gar nichts mehr: Sie sind die kreativen Strippenzieher hinter den Kulissen – und selbst Fashion Stars.

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Die Mächtigste: Katie Grand. (Bild: pd)

Die Mächtigste: Katie Grand. (Bild: pd)

Was sie fotografieren lässt, das wird Trend. Die Londoner Stylistin Katie Grand lässt selbst Modediktatorin Anna Wintour alt aussehen. Statt nur einem Magazin vorzustehen, bei Wintour ist es die amerikanische «Vogue», hat sie schon deren drei gegründet («Dazed & Confused», «Pop» und «Love»). Keine Frage, dass es sich dabei um stilbildende Publikationen handelt.

Daneben berät Katie Grand Designer Alexander McQueen, stylte die Kollektionen für Louis Vuitton, Prada, Ungaro, Miu Miu und rät Madonna, was sie bei ihren Bühnenshows tragen soll.

Wenn aus Kleidern ein Look wird

Die Zeiten als eine Stylistin beim Fotoshooting die Kleider aufbügelte und darauf achtete, dass die Sicherheitsnadeln, die das Gewand am mageren Model zusammenhielten, nicht im Bild zu sehen waren, sind vorbei.

Stylisten sind mächtig. Sie arbeiten mit grossen Designern an deren Kollektionen; sie beraten Kaufhausketten, wenn es um neue Trends, Farben und Stoffe geht. Sie kreieren aus Kleidern Looks – manchmal für eine ganze Generation. Wie etwa Melanie Ward, die mit ihrem Bild der 15jährigen Kate Moss mit Gänseblümchen im Haar perfekt die Stimmung einer ganzen Generation in einem Bild erfasste. Und wenn es richtig gut läuft, werden Stylisten Chefredaktorinnen eines Magazins.

Gucci auffrischen

So etwa Carine Roitfeld. 1995 rief ein damals unbekannter Designer namens Tom Ford bei ihr an und schlug vor, sie solle ihm dabei helfen, das angestaubte Label Gucci aufzumöbeln. Das ist ihr gründlich gelungen. Wenige Jahre später sass Roitfeld auf dem Chefposten der französischen «Vogue».

Nick Knight, ein internationaler Modefotograf, beschreibt die Eigenschaften eines guten Stylisten im Vorwort für das Buch «Stylisten» wie folgt: «Wie ein grossartiger Film öffnet dir ein guter Stylist die Augen für eine Welt, die du dir nicht vorstellen konntest.» Katie Grand und Sophia Neophitou können das. Typisch ist, dass beide ihre eigenen Magazine lanciert haben.

Wobei diese Hochglanzhefte vor allem aus schönen Bildern, gewagten Inszenierungen und wenig Text bestehen. Aber weil Anzeigen vorzugsweise in Heften geschaltet werden, die schön sind, funktioniert das Prinzip.

Übersetzer der Trends

Doch woher rührt der schnelle Aufstieg der Stylisten? Noch vor zehn Jahren war selbst Modeinteressierten kaum ein Stylisten-Name geläufig. Geschweige denn, dass diese «Ankleider» für grosse Verkaufshäuser wie Topshop oder H & M eigene Kollektionen entworfen hätten.

Ein Grund ist das beschleunigte Tempo, das die ganze Modeindustrie erfasst hat. Weil der Markt immer enger und der Druck immer grösser wird, braucht ein Designer jemanden, der ihm sagt, was auf der Strasse los ist, was sich gut verkaufen lässt. Stylisten sind Übersetzer. Das, was sie an Inspiration aufsaugen, müssen sie in brauchbare Vorschläge verwandeln können.

Zudem hat das Internet die allgemeine Lust am Styling immens gesteigert. Auf Streetstyle-Blogs stehen nicht Markennamen im Vordergrund, für Klicks sorgt der Gesamteindruck eines Outfits, das von einem modischen Menschen getragen wird.

Die grossen Modelabels haben seit den 90er-Jahren zusehends an Einfluss verloren. Kaum einem Haus gelingt es mehr, alleine einen Trend zu setzten. Im Gegenzug werden zuvor unbekannte Modearbeiterinnen durch ihre Blogs zu Fashion Stars.

So etwa Anna Dello Russo, die meistfotografierte Stylistin der Welt. Wenn in Paris Modeschauen sind, zieht sich die Kreativberaterin der japanischen «Vogue» für jede Show extra um. Die Italienerin scheut sich nicht, sich selbst auf Zeitschriftencovers (siehe Bild) oder für Werbekampagnen (H & M) zu inszenieren.

Er erfindet Lady Gaga

Richtig gute Stylisten haben so viel Macht, dass sie Tageshonorare von bis zu 8000 Dollar verlangen können. Das hat auch Lady Gaga verstanden: Ohne ihren Stylisten Nicola Formichetti, hauptberuflich Creative Director von Thierry Mugler sowie Modechef der «Vogue Hommes Japan», wäre die Sängerin bloss eine unter vielen. Weder ihre Stimme noch ihre Musik ist gross genug, um für jene Aufmerksamkeit zu sorgen, die ihr nun sicher ist, wenn sie vor der Queen in einem roten Latexkostüm knickst. Formichetti hat sie als Gesamtkunstwerk lanciert. Lady Gaga sei denn auch keine Sängerin, sondern eine Performancekünstlerin, sagt er selbst.

Formichetti nutzt alle denkbaren Kanäle zu Promotionszwecken. Facebook, Twitter, Instagram. Googelt man seinen Namen, sprudelt es nur so von Social-Network-Treffern. Dadurch erlangt seine Arbeit, egal, ob Lady-Gaga-Styling oder eine Kollektion für Mugler, Kultstatus in Echtzeit.

Es liegt ja auch nahe, dass Menschen, die nichts mehr lieben als die Inszenierung, sich gerne selbst in Szene setzen.

Katja Fischer De Santi

Katie Baron: Stylisten. Die Meister der Inszenierung, Collection Rolf Heyne, 2012

Katy Englands Inszenierungen machen aus Mode Kunst.

Katy Englands Inszenierungen machen aus Mode Kunst.

Stylistin Anna Dello Russo inszeniert sich gerne gleich selbst. (Bilder aus dem Buch «Stylisten. Meister der Inszenierung»)

Stylistin Anna Dello Russo inszeniert sich gerne gleich selbst. (Bilder aus dem Buch «Stylisten. Meister der Inszenierung»)