Die Stilllegung beginnt bald

Trotz dem Nein des Stimmvolks zur Ausstiegs-Initiative wird in zwei Jahren das erste Kernkraftwerk der Schweiz vom Netz genommen. Danach beginnt der Rückbau der Anlage in Mühleberg.

Bruno Knellwolf
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Das Kernkraftwerk Mühleberg wird im Jahr 2019 vom Netz gehen. (Bild: Martin Rütschi/KEY)

Das Kernkraftwerk Mühleberg wird im Jahr 2019 vom Netz gehen. (Bild: Martin Rütschi/KEY)

Bruno Knellwolf

bruno.knellwolf@tagblatt.ch

Das Schweizer Stimmvolk hat sich am vergangenen Sonntag gegen einen schnellen Ausstieg aus der Kernkraft entschieden. Trotzdem wird in zwei Jahren ein erstes Kernkraftwerk in der Schweiz stillgelegt, denn jede technische Anlage kommt irgendwann an ihr Ende. Vor einem Jahr haben die Betreiber des Kernkraftwerks Mühleberg, die Berner BKW, ihr Stilllegungsprojekt eingereicht. Die Anlage soll im Dezember 2019 abgeschaltet werden.

In Deutschland, wo schon ­Reaktoren rückgebaut worden sind, sammelt sich das Wissen darüber am Karlsruher Institut für Technologie. Auch am Labor für Energiesysteme der ETH Zürich ist der Rückbau ein Thema für Nuklear-Ingenieure. Und im Zwischenlager für radioaktive Abfälle in Würenlingen kommen gemäss dem Nuklearforum Schweiz Technologien zur Anwendung, die auch beim Rückbau von Nuklearanlagen benötigt werden.

Auflösung in drei Phasen

Das Auflösen einer Kernkraftanlage verläuft in drei Phasen: Die Stilllegung mit dem Nachbetrieb, der Rückbau und die Entsorgung der radioaktiven Abfälle. Nachdem dem Kraftwerk der Stecker gezogen worden ist, beginnt die Nachbetriebsphase. Diese kann je nach Anlage zwei bis vier Jahre dauern, in Mühleberg sind vier Jahre geplant. Bereits nach drei Monaten reduziert sich die ­Radioaktivität im Innern im ­Vergleich zum Betrieb um das 1000-Fache. Als erstes wird der Kernbrennstoff aus dem Reaktordruckbehälter entladen und im Lagerbecken des Kraftwerks weiter gekühlt. Der Kernbrennstoff wird in Transportbehälter verpackt und nach und nach ins Zwischenlager gebracht. Sind die Brennelemente weg und ins Zwischenlager transportiert worden, sind 98 Prozent der Radioaktivität von der Anlage entfernt.

Im Maschinenhaus wird gleichzeitig Platz für die Reinigung der radioaktiv verunreinigten Materialen geschaffen. Danach werden jene Teile demontiert, die selbst radioaktiv oder radioaktiv kontaminiert sind. Kontaminiert bedeutet, dass sich auf der Oberfläche eines Bauteils radioaktive Stoffe abgelagert ­haben, während das Material des Bauteils selbst nicht radioaktiv ist. Die radioaktiven Teile werden im Innern des Reaktorgebäudes unter Wasser zerlegt und verpackt. Zwei Prozent der Materialien der ganzen Anlage sind radioaktiver Abfall und müssen ins Zwischenlager gebracht werden. Die anderen Teile werden im Maschinenhaus sortiert und gereinigt und können nach dieser Dekontaminierung normal entsorgt werden. Wenn alle belasteten Teile entfernt sind, beginnt der konventionelle Rückbau.

Generell erfolgt der Rückbau von innen nach aussen. Im Innern, einer sogenannten kontrollierten Zone, liegen die Anlageteile, die mit radioaktivem Material in Berührung kommen. Bei Druckwasserreaktoren wie in Beznau und Gösgen beschränkt sich diese Zone auf das Reaktor- und Hilfsanlagengebäude. Mühleberg und Leibstadt sind Siedewasserreaktoren, dort zählt auch das Maschinenhaus zur kontrollierten Zone. Weil der Abbau von innen nach aussen erfolgt, kann der Sicherheitsbehälter, das Containment, so lange wie möglich intakt bleiben und dient so wie während des Betriebs als Barriere gegen freie radioaktive Stoffe. Auch die Überwachungssysteme in und ausserhalb der Anlage laufen während der Nachbetriebsphase weiter.

Innerhalb von 15 Jahren

Für den gesamten Rückbau rechnen die Betreiber des Kernkraftwerks Mühleberg mit einer Dauer von 15 Jahren. Im Jahr 2034 soll das elf Fussballfelder grosse Areal wieder ohne Einschränkungen nutzbar sein und Gras über die Sache wachsen.

Die Kosten für einen Rückbau belaufen sich je nach Kraftwerksgrösse auf rund 500 bis 900 Millionen Franken pro Anlage, wie das Nuklearforum Schweiz schätzt. Diese Summen müssen über einen Stilllegungsfonds finanziert werden, der während des Betriebs erstellt worden ist.