Die Spraydose als Waffe

Ägypten Sie kommentieren, kritisieren, bringen zum Lachen: Graffiti spielen in Ägypten seit der Revolution eine wichtige Rolle. Gespräch mit einem Künstler über die politische Beteiligung der anderen Art. Markus Symank

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Graffiti-Künstler Sherif Schauki: «Die Moslembruderschaft will nicht einsehen, dass wir Ägypter ein farbiges, kreatives Volk sind.» (Bild: Markus Symank)

Graffiti-Künstler Sherif Schauki: «Die Moslembruderschaft will nicht einsehen, dass wir Ägypter ein farbiges, kreatives Volk sind.» (Bild: Markus Symank)

Scherif Schauki sitzt auf der Terrasse eines Cafés im Kairoer Nobelviertel Heliopolis, zieht an einer Zigarette und blickt auf den strahlend weissen Präsidentenpalast, der in der Nachmittagssonne leuchtet. An die Strassenschlachten, die im Dezember vor dem Amtssitz von Mohammed Mursi tobten, erinnert hier nichts mehr. Die Brandspuren der Molotowcocktails sind beseitigt, die Protestparolen mit Farbe überpinselt.

Auch die Graffiti von Scherif Schauki sind nicht mehr zu sehen: Auf dem Höhepunkt der Krawalle hatte der Künstler eine Herde Schafe auf die Palastmauer gesprayt – unter Regierungsgegnern ein Symbol für die Anhänger der Moslembruderschaft. Diesen wird vorgehalten, unkritisch die Meinung ihrer Vorgesetzten nachzublöken. «Die Strassenkämpfe waren noch nicht vorbei, da rückten die Moslembrüder mit einem Putztrupp an», erinnert sich Schauki. «Es gibt kaum etwas, das die Regierung mehr fürchtet als Kunst. Sie weiss, wie viel Sprengkraft in einem guten Bild steckt.»

Hoffnung und Humor

Vor dem Urknall des ägyptischen Polit-Erwachens am 25. Januar 2011 war Schauki wie Millionen andere ein unpolitischer Mensch, intellektuell in sich gekehrt, so wie damals das gesamte Land. Als «grau» bezeichnet der studierte Künstler und Familienvater die quälend lange Ära Hosni Mubaraks rückblickend: «Nur unter den Fussball-Ultras gab es damals eine Graffiti-Kultur. Politische Statements waren tabu.»

Seit dem Sturz des alten Regimes jedoch trägt der Innendekorateur Schauki seine Kunst in die Öffentlichkeit. Den Kampf gegen das Grau auf den Wänden und in den Köpfen trägt er mit Vorliebe am Tahrir-Platz aus, dem Geburtsort des Volksaufstandes, aber auch in Quartieren, die für gewöhnlich abseits des politischen Geschehens stehen. Mehr als zwei Jahre nach dem Sturz Mubaraks gehe es den meisten Ägyptern schlechter als zuvor, und die Enttäuschung über die Revolution wachse, beklagt Schauki. «Mit meiner Kunst versuche ich, die Aufbruchsstimmung des Aufstandes am Leben zu erhalten. Meine Graffiti sollen Hoffnung ausstrahlen, aber auch Humor. Ich möchte, dass die Menschen die Revolution lieben.»

Politik trennt, Kunst verbindet

Schauki ist seit zwei Jahren Mitglied der einflussreichen Protestbewegung 6. April, die dafür bekannt ist, den Problemen stets auch eine komische Seite abzugewinnen. Erst vor kurzem meldete die Bewegung Präsident Mursi bei einem Online-Wettbewerb für eine Reise auf den Mond an, der als Werbung für einen ausländischen Kosmetikhersteller stattfand. Innert kürzester Zeit lag das Staatsoberhaupt an erster Stelle des Wettbewerbs. «Mursi stammt ganz offenbar vom Mond, warum sollte er nicht dorthin zurückkehren?», so ein Kommentar im Internet. Mursi hatte vor seinem Amtsantritt behauptet, nach seinem Studium in den USA für die Nasa gearbeitet zu haben, das aber später dementiert.

Für Schauki ist Spott am Regime jedoch nur selten Teil seiner Arbeit. Wichtiger ist ihm, den Menschen die Errungenschaften der Revolution in Erinnerung zu rufen. Eines seiner Lieblingsgraffiti zeigt mehrere Bauklötze, die mit den verschiedenen Gesellschaftsströmungen – Linke, Liberale, Religiöse – beschriftet sind. Gemeinsam bilden sie den Schriftzug «Wir sind alle Ägypter». «Politik trennt, Kunst verbindet», sagt Schauki dazu.

Millionen eine Stimme geben

Während linke und liberale Gruppen Graffiti, aber auch Musik, Tanz und Theater längst als effiziente Propagandamittel für sich entdeckt haben, stehen die Islamisten dem Thema Kunst ablehnend gegenüber. Schauki bescheinigt der Moslembruderschaft deshalb eine gewisse «Armut im Geist». Sie wollten nicht wahrhaben, dass die Ägypter ein kreatives, humorvolles und kunstbegabtes Volk seien. «Wir leben noch immer unter dem alten Regime, das nur die Farbe Grau kennt», sagt Schauki.

Der Bedeutung von Bildern, besonders in einem Land mit hoher Analphabetenquote wie Ägypten, ist sich die Regierung bewusst. Erst vergangenen Samstag gingen Islamisten auf eine Gruppe Schäfchen malender Graffiti-Künstler nahe des Hauptquartiers der Moslembruderschaft los. Schauki ist ebenfalls schon mit politisch Andersdenkenden und der Polizei in Konflikt geraten. Seine Spraydose niederlegen will er deswegen nicht: «Durch unsere Bilder geben wir Künstler den Millionen Ägyptern eine Stimme, die sonst nicht gehört werden.»

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