Die Schweiz braucht drei Planeten

Die Menschheit lebt seit 40 Jahren vom Kapital der Natur. Die Folge: Die Schulden im Naturhaushalt wachsen. Auch in der Schweiz hat sich der ökologische Fussabdruck wieder vergrössert.

Hanspeter Guggenbühl
Drucken
Teilen
Regenwälder sind entscheidend für die Biokapazität – dennoch geht die Abholzung wie hier in der indonesischen Provinz Aceh weiter. (Bild: getty/Robert Nickelsberg)

Regenwälder sind entscheidend für die Biokapazität – dennoch geht die Abholzung wie hier in der indonesischen Provinz Aceh weiter. (Bild: getty/Robert Nickelsberg)

Das Erfreuliche vorweg: Der ökologische Fussabdruck der Weltbevölkerung, also der Naturverbrauch pro Person, blieb zwischen 1970 und 2010 nahezu stabil. Doch schon seit 1970 ist dieser Naturkonsum grösser als das Angebot, das die Natur weltweit zur Verfügung stellt. Zudem hat sich die Zahl der Menschen, die auf unserem begrenzten Planeten leben, seit 1970 annähernd verdoppelt – auf über sieben Milliarden Menschen. Diese Entwicklung illustriert die Grafik auf dieser Seite: Pro Kopf schrumpfte die Biokapazität der Erde von 1970 bis 2010 um rund einen Drittel (grüne Linie). Gleichzeitig stieg die Verschuldung der Menschheit gegenüber der Natur; dies insgesamt, aber auch pro Kopf der Bevölkerung (siehe rote Fläche). Die Menschheit lebt seit 1970 also nicht mehr allein vom Ertrag, sondern verzehrt in zunehmendem Mass das Kapital der Natur. In Zahlen: Um ihren Naturkonsum ohne Abbau von Naturkapital zu decken, hätte die Menschheit im Jahr 2010 anderthalb Planeten benötigt. Das zeigen die neusten Resultate des «Global Footprint Networks» (siehe auch Text rechts).

Mehr verschwenderische Länder

Von dieser globalen Entwicklung gibt es grosse regionale und nationale Abweichungen. Allgemein gilt: In fruchtbaren, dünn besiedelten Weltgegenden mit bescheidenem Lebensstandard, vor allem in Südamerika, ist die Biokapazität pro Kopf der Bevölkerung immer noch grösser als der Naturverbrauch. Das gleiche gilt in vermindertem Mass auch im bevölkerungsreichen, aber wirtschaftlich armen Afrika sowie in den dünn besiedelten Staaten Kanada, Russland oder Australien. Diese Regionen gehören in der Naturbuchhaltung zu den Gläubigern.

Den Regionen mit Naturüberschuss steht eine wachsende Zahl von Naturschuldnern gegenüber. Bei diesen handelt es sich entweder um reiche, um dicht besiedelte oder um besonders verschwenderische Länder. Dabei ist zu unterscheiden. In reichen Regionen wie Nordamerika, Westeuropa oder in den Ölstaaten des Nahen Ostens ist es vor allem der überdurchschnittlich grosse ökologische Fussabdruck pro Person, der die Verschuldung gegenüber der Natur verursacht. Im dicht besiedelten Süd- und Ostasien dagegen ist das Naturangebot sowie der ökologische Fussabdruck pro Person zwar viel kleiner als in den USA oder in Europa. Hier verursacht aber die hohe und weiter wachsende Bevölkerungszahl eine grosse Verschuldung gegenüber der Natur.

Grosses Naturangebot in den USA

Diese ungleiche Entwicklung wirkt sich auch geopolitisch aus. Das illustriert der Vergleich zwischen den USA und China, den weltweit grössten Natur-Schuldenstaaten: In den USA liegt sowohl der Naturverbrauch pro Kopf mit 7,2 globalen Hektaren (Gha) als auch das Naturangebot weit über dem Weltdurchschnitt. Dank Steigerung der Ressourceneffizienz haben sich Fussabdruck und Verschuldung pro Kopf in den letzten Jahren immerhin leicht vermindert. Mit einer konsequenten Umweltpolitik wären die dünn besiedelten USA in der Lage, ihren Ressourcenverbrauch langfristig zu halbieren. Damit könnten sie in die Kategorie der Naturgläubiger wechseln und ihre weltpolitische Position stärken.

Chinesischer Fussabdruck verdoppelt

In China liegt der Naturverbrauch mit 2,3 globalen Hektaren pro Kopf zwar noch leicht unter dem Weltdurchschnitt und weit unter den Werten der USA oder der EU. Doch als Folge des starken Wirtschaftswachstums hat sich der chinesische Fussabdruck seit 1970 annähernd verdoppelt. Das Naturangebot hingegen liegt in diesem dicht besiedelten Land mit 1,0 Gha pro Kopf ebenfalls deutlich unter dem globalen Mittelwert. Trotz kleinerer Differenz zwischen Angebot und Nachfrage hat China beim absoluten Naturverbrauch die USA inzwischen überholt und beansprucht heute allein mehr als ein Drittel des globalen Naturangebots. Der Grund: China hat viermal mehr Einwohner als die USA. Darum sichern sich die Chinesen mittels Landkauf immer mehr Naturkapital im armen Afrika.

In der Schweiz hat der ökologische Fussabdruck im Jahr 2010 wieder leicht zugenommen, nämlich auf 5,1 Gha pro Kopf. Würden alle Menschen soviel Natur verbrauchen wie die Schweizer Bevölkerung, benötigten wir drei Planeten, um den globalen Naturhaushalt auszugleichen. Noch schlechter ist das Verhältnis zu den inländischen Ressourcen. So ist der ökologische Fussabdruck der Schweiz viermal grösser als die Naturkapazität von 1,2 Gha pro Kopf, die innerhalb unseres Landes zur Verfügung steht.

Auf Pump leben

Dieses Missverhältnis ist auch politisch von Belang. Denn eine Volksinitiative der Grünen verlangt, dass die Schweiz ihren Naturverbrauch pro Kopf bis zum Jahr 2050 soweit senkt, dass sie die mittlere Naturkapazität der Erde nicht mehr überschreitet. Der Bundesrat lehnte diese Initiative ab. Seine Begründung: Eine Reduktion des ökologischen Fussabdrucks auf das Angebot des eigenen Planeten sei innerhalb von 34 Jahren «nicht umsetzbar». Der Ständerat folgte kürzlich diesem Antrag. Was zeigt: Regierung und Ständerat gehen davon aus, dass die Schweiz noch lange auf Pump zu Lasten der globalen und nationalen Natur leben und wirtschaften kann.