Die Psychologie der Verwortung

Das Sportwort des Monats ist bei allem Jubel und bei aller Freude nicht WM-Qualifikation oder Fussballweltmeister. Das Wort des Monats heisst Barrage.

Beda Hanimann
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Rubrik "sage und schreibe" für Peter Surber focus (Bild: Photographer: Angela Kausche (22228734))

Rubrik "sage und schreibe" für Peter Surber focus (Bild: Photographer: Angela Kausche (22228734))

Das Sportwort des Monats ist bei allem Jubel und bei aller Freude nicht WM-Qualifikation oder Fussballweltmeister. Das Wort des Monats heisst Barrage. Mit der Barrage bekommen die nicht so erfolgreichen Fussballnationalmannschaften von Portugal, Frankreich, Island, Jordanien, Uruguay, Neuseeland und weiteren Ländern doch noch eine Gelegenheit, sich für die WM nächsten Sommer in Brasilien zu qualifizieren. Diese Teams, lesen wir, müssen in die Barrage. Oder sie dürfen. In Island etwa ist darüber der grosse Jubel ausgebrochen.

Es muss also etwas Ambivalentes dran sein, an so einer Barrage. Eigentlich ist ja schon der Begriff an sich ein Kuriosum: ein französischer Ausdruck in der Welt des Fussballs. Tatsächlich taucht er in Fussball-Glossaren von Wikipedia bis Fussball.lexinet.de gar nicht auf. Die Barrage ist eine schweizerische Verwortung – und hat mit Sport erst mal nichts zu tun. Eine Barrage ist eine Absperrung, eine Staumauer, «barrer» bedeutet absperren, versperren, blockieren, durchstreichen, verriegeln, abdämmen. In der Schweiz nun steht dieser Begriff auch für das, was früher einfach ein Entscheidungsspiel war.

Wie aber kommt es, dass aus dem neutralen Entscheidungsspiel die Barrage wurde? Ein Ereignis, das schon die Unmöglichkeit des Durch- und Weiterkommens im Namen trägt? Man kann das schon beinahe psychologisch deuten. Nur eine selbstbewusste und erfolgsgewohnte Sport-Community verfällt darauf, ein Entscheidungsspiel als drohendes Desaster zu sehen. Die Barrage im Schweizer Sprachgebrauch muss also aus einer Zeit stammen, als auch die allerletzte Chance als Erfolg gedeutet wurde. Als es naheliegender war, dass der Platz an einer WM-Endrunde versperrt sein würde. Der jetzige Höhenflug der Schweizer Nati zeigt auch: Wir haben die Absperrung überwunden, die Staumauer im Kopf. Und können die Länder bemitleiden, die über das Erreichen einer Barrage jubeln.

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