Die Odyssee eines Raubguts

Bruno Knellwolf
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Jost Schmid in der Schatzkammer der Zentralbibliothek Zürich, in der das Pergament mit dem originalen St. Galler Globus drauf zurzeit ausgestellt wird. (Bild: Kn.)

Jost Schmid in der Schatzkammer der Zentralbibliothek Zürich, in der das Pergament mit dem originalen St. Galler Globus drauf zurzeit ausgestellt wird. (Bild: Kn.)

Am Anfang dieser Geschichte steht ein Koch. Einer, der das Jahr des Arboners Jost Schmid deutlich geprägt hat – und der auch im kommenden Jahr eine Rolle spielen wird. Denn dank dieses Kochs hat der Leiter der Abteilung Karten und Panoramen in der Zentralbibliothek ­Zürich einen Lottosechser gezogen. «Wie ich ihn wohl in meinem Berufs­leben kaum mehr ziehen werde», hat Schmid im April gesagt, als er seine Entdeckung der Öffentlichkeit vorstellte.

Doch erst zurück ins Jahr 2000. Der besagte Koch entdeckt etwa in diesem Jahr in der Brockenstube der Heilsarmee Olten ein farbiges Pergament mit einem Globus drauf. Für ein paar Dutzend Franken kauft er dieses Bild, hängt es auf und verstaut es später über Jahre in ­seinem Estrich – bis er eines Abends in der Tagesschau einen Bericht über den Kulturgüterstreit zwischen St. Gallen und Zürich sieht.

Das Streitobjekt im Fernsehen ist der St. Galler Globus, der 1712 während des Zweiten Villmergerkriegs zusammen mit anderen Teilen der Klosterbibliothek als Beute nach Zürich gebracht worden war. Zürcher und Berner Truppen hatten damals das St. Galler Kloster geplündert. Der St. Galler Globus steht heute im Landesmuseum in Zürich, in der Stiftsbibliothek ist eine Kopie zu besichtigen.

Der Koch erkennt im TV den St. Galler Globus wieder und wendet sich an einen Historiker, über den das Pergament schliesslich in der Zentralbibliothek bei Jost Schmid landet. Der Geograph sieht schnell, dass es sich um ein frühneuzeitliches Original handelt. Die eigentliche Bedeutung erkennt er aber erst nach einer genauen Untersuchung, als das Pergament im Besitz der Zentralbibliothek ist. Es bildet einen Originalzustand des St. Galler Globus vor 1595 ab, den man bis dahin nicht gekannt hat.

Blick in die Ursprünge des Originals

Schmid macht sich mittels des Pergaments auf die Spuren des St. Galler ­Globus, den der Fürstabt im Jahre 1595 gekauft hatte. Das Pergament, das damals wohl als Verkaufsprospekt gedacht war, erlaubt dank seiner Genauigkeit ­einen Blick in die Ursprünge des Originals. Die Spur führt zum Herzog von Mecklenburg, Johann Albrecht I. Für ­diesen könnte der Kartograph Tillmann Stella den Globus gebaut haben. Das zeigt, dass der Erd- und Himmelsglobus nicht wie gedacht aus Augsburg, sondern viel weiter nördlich aus der Region Rostock stammt. Auch ist nun dank der Verkaufsvorschau das Aussehen der ­heute fehlenden Kurbelmechanik und des Stundenzeigers bekannt.

«Das mediale Echo im April war gross», sagt Schmid. Und ist kürzlich noch einmal aufgeflammt, weil die NZZ und die SRF-Tagesschau das Pergament ein halbes Jahr später nochmals publik gemacht haben. Schmid hat derweil ­weiter geforscht. Die St. Galler Stifts­bibliothek hat eine radiografische Untersuchung des Pergaments finanziert und mit einer Infrarot-Reflektographie wird nach weiteren Hinweisen gesucht. Die spektakulären Auswertungen will Jost Schmid im nächsten Jahr wissenschaftlich publizieren. «Es ist ein Wunder, dass dieses wertvolle Pergament nach der Plünderung der Stiftsbibliothek 300 Jahre im Privatbesitz überstanden hat», sagt Schmid rückblickend.

Bruno Knellwolf