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Die Nummer für den Heimweg

Zwei junge Frauen aus Deutschland begleiten Ängstliche auf dem Weg nach Hause – nicht physisch, sondern am Telefon. Anabell Schuchhardt über witzige Unterhaltungen, ihren schlaftrunkenen Freund und Männer als Testanrufer.
Diana Bula
Bei einem mulmigen Gefühl spätnachts in der einsamen Gasse kann ein Anruf Sicherheit vermitteln. (Bild: Michel Canonica)

Bei einem mulmigen Gefühl spätnachts in der einsamen Gasse kann ein Anruf Sicherheit vermitteln. (Bild: Michel Canonica)

Anabell Schuchhardt, wann haben Sie sich auf dem Nachhauseweg das letzte Mal unsicher gefühlt?

Anabell Schuchhardt: Unterdessen passiert das nicht mehr so häufig. Ich bin nun meist mit meinem Hund unterwegs, der mich beschützt. Gestern aber habe ich ohne ihn meine Mutter von der Arbeit abgeholt. In der Kleinstadt gibt es wenig Strassenlampen und wir kamen an einigen düsteren Ecken vorbei. Wäre ich alleine gewesen, hätte ich mich wohl gefürchtet.

Wer tatsächlich Angst hat, kann freitags und samstags die Nummer des Heimwegtelefons wählen und hat dann jemanden, der ihn durch die Dunkelheit begleitet. Wer meldet sich da?

Schuchhardt: Pro Abend rufen 10 bis 15 Personen an, meist zwischen 24 und 2 Uhr. Tendenziell nutzen Frauen im Alter zwischen 20 und 30 Jahren unseren Dienst. Viele rufen aus grösseren Städten an. Sie kommen von Freunden, von der S-Bahn oder von der Arbeit. Wir haben oft Studentinnen am Apparat, die mit Gelegenheitsjobs Geld verdienen. Die Anrufe dauern in der Regel 10 bis 20 Minuten, je nachdem, wie lange der Heimweg ist.

Worüber sprechen Sie so lange mit Fremden?

Schuchhardt: Die Telefonate sind sehr individuell, witzig und interessant. Als erstes fragen wir, in welcher Stadt der Gesprächspartner sich aufhält, in welcher Strasse er sich befindet und wo er hin will. Am Computer geben wir bei Google Maps dann die Route ein. Wir erkundigen uns immer wieder nach dem neuen Standort und verfolgen den Anrufer so. Auch Hobbies, Beruf und Ferienziele sind immer wieder ein Thema. Und ist die Person daheim, denke ich mir oft: «Ach, schade, ich hätte noch lange weiterreden können.»

Was war Ihr bisher unterhaltsamstes Heimwegtelefon?

Schuchhardt: Mal habe ich mich intensiv mit jemandem über Schweden unterhalten. Ein Land, in dem ich selber über vier Monate gelebt habe.

In Schweden gibt es schon seit längerem ein Heimwegtelefon.

Schuchhardt: Ja, ich habe während meines Aufenthalts davon gehört. Die Freiwilligen in Stockholm sitzen direkt bei der Polizei und nehmen die Anrufe auf dem Posten entgegen. Wir haben uns gegen dieses Modell entschieden. Unsere Mitarbeiter sollen für ihren Einsatz nicht ausser Haus und sich alleine auf den Heimweg machen müssen und letztlich in die gleiche Situation kommen wie die Anrufer. Unsere Helfer arbeiten von daheim aus.

Was wiegt mehr: Dem Anrufer ein Gefühl von Sicherheit zu geben oder im Notfall die Polizei alarmieren zu können?

Schuchhardt: Wir wollen unseren Anrufern das mulmige Gefühl nehmen, welches einen in der Dunkelheit beschleichen kann. Sprechen sie mit jemanden, hoffen wir, dass sie weniger als potenzielle Opfer in Frage kommen.

Ein Telefon schreckt nicht jeden ab. Wäre ein Taxi nicht sicherer?

Schuchhardt: Doch, schon. Aber es kostet und nicht an jeder Ecke steht ein Taxi bereit. Das Heimwegtelefon hingegen ist gratis. Bisher haben wir zum Glück noch nie die Polizei für einen Notfall aufbieten müssen.

Ihr Geschäft funktioniert nur aufgrund der Angst anderer. Ist es denn tatsächlich so gefährlich, den Heimweg alleine anzutreten?

Schuchhardt: Tatsächlich melden sich viele Menschen mit mulmigen Gefühl bei uns. Ob dieses Gefühl begründet ist oder nicht, ist zweitrangig.

Früher sind Sie auch ohne Heimwegtelefon ausgekommen. Sie haben einfach Ihre Mutter oder Ihren Freund angerufen.

Schuchhardt: Der Haken daran ist, dass meine Mutter kein Auge mehr zutut, wenn ich sie um 1.30 Uhr anrufe und ihr erzähle, dass ich mich unsicher fühle. Mein Freund findet das in Ordnung, schläft aber lieber durch. Ich habe deshalb begonnen, Telefongespräche vorzutäuschen.

Nun übernehmen Freiwillige die Funktion von Mutter und Freund. Wie viele Mitarbeiter haben Sie?

Schuchhardt: Nebst mir und meiner Geschäftspartnerin Frances Berger arbeiten in der Testphase, in der wir uns noch befinden, fünf Freundinnen für uns. Unterdessen haben sich 150 Freiwillige gemeldet, die unser Projekt unterstützen wollen. Wir touren nun von Helfertreffen zu Helfertreffen und wählen die Leute aus, die für uns am Apparat sitzen werden. Wir schauen genau hin. Schliesslich geht es auch um den Datenschutz der Anrufer.

Noch beschränkt sich Ihr Dienst auf die Stunden zwischen 22 bis 2 Uhr. Schurken halten sich aber nicht an diese Vorgaben.

Schuchhardt: Und viele Feierlustige gehen noch nicht um 2 Uhr nach Hause… Sobald wir ausreichend Leute rekrutiert haben, werden wir die Betriebszeiten ausdehnen. Ab 2 Uhr läuft im Moment unser Anrufbeantworter. Es ist vorgekommen, dass Leute auf das Band gesprochen und ihren Heimweg geschildert haben. Wir haben uns am nächsten Morgen per SMS bedankt.

Wie oft haben Männer das Heimweg-Telefon schon genutzt?

Schuchhardt: Noch nicht sehr oft. Es braucht mehr als bei Frauen, bis sich Männer in der Dunkelheit fürchten. Dafür haben sie mehr Angst davor, von einer Gruppe Jungs angepöbelt zu werden. Auch dann hilft das Heimwegtelefon. Wer beschäftigt ist, ist ein weniger ideales Opfer. Andere Männer haben Testanrufe gemacht. Sie wollten wissen, ob es uns tatsächlich gibt und der Dienst wirklich kostenlos ist. Vieles läuft über Mund-zu-Mund-Propaganda. Die Testanrufer werden uns hoffentlich ihren Frauen weiterempfehlen.

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