Die neuen, alten Sticker

Stickerei-Geschichten 2: Die Blütezeit der Stickerei ist vorbei. Gestickt wird hier aber weiterhin: Für Touristen, reiche Afrikaner, moderne Handwerker und Ostschweizer Designerinnen.

Katja Fischer De Santi
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Auch das ist (Bischoff-)Stickerei. (Bild: Akris)

Auch das ist (Bischoff-)Stickerei. (Bild: Akris)

Im grossen Sitzungszimmer der kleinen Fehrlin Textil AG in Appenzell ist die Vergangenheit präsenter als die Zukunft. An den Wänden, in den Schränken: überall Tischdecken, Taschentücher, Fensterbilder, bestickt mit Motiven wie zu Grossmutters Zeiten. Bestickte Textilien waren einst ein wichtiger Industriezweig, damals um 1900, als in der Ostschweiz nicht nur die Firma Fehrlin mit Stickereien handelte.

Doch diese Zeiten sind vorbei. Wer hat noch bestickte Tischdecken auf dem Esstisch, wer leistet sich noch handbestickte Kinderlätzchen? Fast niemand. Das weiss Johannes Enzler. Heute vertreibt seine Firma ein umfangreiches Sortiment an Artikeln für Touristen-Shops und die wenigen verbliebenen Fachgeschäfte. Über 1000 Produkte hat er im Angebot: Mit den Schürzen, Topflappen, Brotkörben, Filzpantoffeln und WC-Rollenhaltern könnte man einen ganzen Haushalt einrichten. «Die Leute wollen heute Produkte, die sie auch brauchen können, nur schön aussehen genügt nicht mehr.»

Schweizerisch sind bei diesen Produkten vielfach nur noch die Motive: Sennenhunde, Edelweiss, Kühe und Berge. Enzler lässt in der ganzen Welt produzieren. Qualitativ sehe der Laie da kaum mehr Unterschiede. «Leider», wie er anfügt. Nur noch die Taschentücher werden wie eh und je in der Schweiz entworfen und gestickt. Feine Tüechli mit noch feinerer Stickerei: Erdbeeren, Schmetterlinge, Veilchen. Teilweise von einer letzten Handmaschinenstickerin im Appenzellerland gestickt. «Viele der alten Motive sind noch im Verkauf – allerdings könnte etwa die Erdbeeren niemand mehr herstellen», sagt Enzler. Sein Bedauern schwingt hörbar mit.

Edles für darunter

«Uns braucht kein Mensch», sagt Thomas Meyer, seines Zeichen CEO der St. Galler Bischoff Textil AG. Mit weltweit über 1000 Mitarbeitern einer der grössten Stickerei-Unternehmen der Schweiz. Bischoff-Stickereien aber kriegt man höchst selten zu sehen. Nicht allein, weil sie sehr teuer sind, aufwendig in kleinsten Mengen produziert, sondern weil Frauen sie oft nur darunter tragen. 75 Prozent seiner Stickereien produziert Bischoff für Unterwäsche-Hersteller weltweit. Einen Teil davon auch im Ausland, um auch im unteren Preissegment mitspielen zu können. Der Lingerie-Markt sei relativ stabil, wenn auch nicht ohne Schwankungen. «Französische Spitze macht uns im Wäschebereich seit einigen Jahren Konkurrenz», sagt Meyer. Mehr Sorgen macht dem Chef aber, dass viele Frauen ihre Unterwäsche tragen würden, bis sie fast auseinander falle. «Ein BH mehr pro Jahr und Frau und unsere Branche wären saniert.»

Im Prêt-à-Porter-Bereich läuft es zurzeit dafür gut. St. Galler Stickereien sind bei den Designern gefragt. Die Schweizerische Zurückhaltung, Zuverlässigkeit und Flexibilität tragen das ihre zum Erfolg bei. Da darf der Chef auch mal voller Stolz ein Selfie mit Topmodel Bar Refaeli zeigen. Selbstredend, dass die Schöne darauf von Kopf bis Fuss in Bischoff-Textilien gehüllt ist.

Nigerianer in St. Gallen

Den meisten Schweizerinnen ist Stickerei-Stoff zu teuer, zu üppig, zu auffällig. Für wohlhabende Nigerianerinnen hingegen gibt es seit 40 Jahren nichts Schöneres, Besseres als St. Galler Stickerei. Je greller die Muster, um so beliebter. In fünf Meter langen Bahnen schlingen sie sich den edlen Stoff um den Körper – das geht schnell in die Menge. Eine sichere und höchst willkommene Einkommensquelle für die Filtex AG, in ihrem grossen Prachtsbau an der Teufenerstrasse in St. Gallen. Angefangen hat die grosse nigerianisch-st. gallische Liebe 1973. Der Ölschock hatte das nigerianische Öl auf dem Weltmarkt zur begehrten Ware und ein paar Nigerianer sehr reich gemacht. Deren Frauen wollten sich fortan in die edelsten Stoffe wickeln, die es zu kaufen gab. So kamen sie auf St. Galler Stickereien. In den 1980er-Jahren fand der afrikanische Rausch zwar ein jähes Ende, doch der Name Filtex ist in Nigeria noch immer ein grosser. Fast täglich stehen nigerianische Einkäufer vor der grossen Türe an der Teufenerstrasse.

Faserpelzjacken für Schreiner

Martin Breitenmoser ist 150 Tage im Jahr unterwegs und verkauft an Messen und Jahrmärkten von Arosa bis Arbon seine Jacken, Hosen und Gilets. Wenn er dann doch einmal zu Hause ist, lässt er die Stickmaschine laufen. Der 35jährige Steinacher ist an erster Stelle Verkäufer, ein leidenschaftlicher noch dazu, und an zweiter Stelle Sticker. In einem kleinen Gebäude neben seinem Einfamilienhaus rattern zwei Mehrkopfmaschinen. Im Keller daneben erstreckt sich das Lager, irgendwo dazwischen hat es noch Platz für zwei Computer. Hier programmiert Breitenmoser Logo- und Kleinstickereien. Seine Kunden: Schreinereien, Sanitäre, Gartenbauer, Restaurants. Kurz: «Jeder, der die Arbeitskleider seine Mitarbeiter mit einer schönen Stickerei beschriften will.» Gegründet hat «Briofil, die Stickerei am Bodensee», 1995 Martin Breitenmosers Vater. Als Zusatzverdienst und weil man damals «auf einen Faserpelz nur ein Edelweiss sticken musste und schon rissen es einem die Leute aus den Händen». Heute ist die Konkurrenz härter. Kaum eine Gemeinde, in der nicht irgendwo einer mit flinken Maschinen Logos auf Baseball-Caps und T-Shirts stickt. Die Stickereibranche lebt. In überschaubarer Grösse, aber vielfältiger als je zuvor.

Hüllen aus Stickerei-Stoffen. (Bild: Prête Pour Moi)

Hüllen aus Stickerei-Stoffen. (Bild: Prête Pour Moi)

Edle, gestickte Taschentücher. (Bild: Fehrlin AG)

Edle, gestickte Taschentücher. (Bild: Fehrlin AG)

Aus St. Gallen für Nigeria. (Bild: Filtex AG)

Aus St. Gallen für Nigeria. (Bild: Filtex AG)