Die Mutter aller Niederlagen

In Waterloo tobte vor 200 Jahren eine Schlacht der Extreme, die Europa bis heute prägt. Das grandiose Scheitern des französischen Kaisers Napoleon zieht die Menschen noch immer in ihren Bann. Morgen ist Jubiläum – und die Schlacht wird mit 5000 Darstellern nachgestellt.

Fabian Fellmann
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Das Nachstellen von historischen Schlachten erlebt in Waterloo einen neuen Höhepunkt. Im Hintergrund die Erdpyramide, auf deren Spitze ein Löwe als Symbol für die siegreichen Alliierten steht. (Bild: ap/Geert Vanden Wijngaer)

Das Nachstellen von historischen Schlachten erlebt in Waterloo einen neuen Höhepunkt. Im Hintergrund die Erdpyramide, auf deren Spitze ein Löwe als Symbol für die siegreichen Alliierten steht. (Bild: ap/Geert Vanden Wijngaer)

«Warum lauft ihr ohne Befehl davon?». In barschem Ton ruft Franky Simon vier Männern hinterher, die in imposanten Uniformen über das grüne Feld davonstapfen. Doch seine Untergebenen drehen sich nicht um. Simon gibt auf, wendet sich wieder der Fernsehkamera zu. Der Mann mit dem imposanten Backenbart ist in diesen Tagen in Belgien vielgefragt. Der Bibliothekar der königlichen Bibliothek in Brüssel verwandelt sich plötzlich in einen kaiserlichen französischen Marschall, wenn er vor der Kamera den imposanten Hut mit dem grossen, weissen Federschweif aufsetzt. Dann wird er zu Michel Ney, Anführer der Kavallerie in der Schlacht von Waterloo, dem kleinen Dörfchen südlich von Brüssel, in dem Kaiser Napoleon in sein Verderben ritt. Vor 200 Jahren stand Ney auf der Seite der Verlierer. Sein heutiger Darsteller Franky Simon gehört nun aber zu den Gewinnern: Er organisiert zum Jahrestag morgen Donnerstag eine riesige Nachstellung der Schlacht. 5000 Darsteller werden mit 300 Pferden und Hunderten von historischen Gewehren und Kanonen aufeinander losgehen, die 100 000 Eintrittskarten waren innert Kürze ausverkauft.

Überstürzte Flucht Napoleons

Das riesige Interesse zeigt, dass die Schlacht auch heute noch bewegt. Das liegt nicht nur daran, dass ihr der heutige Staat Belgien seine Existenz verdankt: Im Nachgang erklärte sich Belgien 1830 von den Niederlanden unabhängig. Waterloo hat aber in die europäischen Sprachen Eingang gefunden als Metapher für eine totale Niederlage, wegen des Mannes, der dort alles auf eine Karte setzte – und alles verlor.

Napoleon schien nach seiner Machtübernahme 1799 nichts aufhalten zu können. Unter dem Banner der Aufklärung zog der französische Kaiser gegen die anderen europäischen Monarchien in den Krieg. Bald hielt er weite Teile Europas besetzt – bis er 1814 an der Beresina in Russland geschlagen wurde. Die Siegermächte verbannten Napoleon nach Elba. Doch er kehrte schon 1815 nach Paris zurück, gewann die Armee für sich und übernahm die Macht. Umgehend führte er seine Truppen ins heutige Belgien, um die dort versammelten Heere der Briten, Preussen und Niederländer zu vernichten.

Napoleon entmachtet Adel und Kirche

Der kühne Plan misslang, obwohl Napoleon siegesgewiss am 17. Juni mit 72 000 Mann bei Waterloo auf die britische Armee traf; deren Anführer, der Duke of Wellington, hatte nur 68 000 Männer unter seinem Kommando. Napoleon sollte in seiner offensiven Arroganz die defensive Zurückhaltung des Briten unterschätzen. Dann erreichte das 40 000 Mann starke preussische Heer das Schlachtfeld. Innert weniger Stunden wurde Napoleons Armee aufgerieben. Der Kaiser musste so überstürzt fliehen, dass er seine wertvolle, geliebte Kutsche zurückliess und auf einem Pferd Richtung Paris ritt. Am 22. Juni musste er abdanken, die Alliierten verbannten ihn auf die Insel St. Helena im Südatlantik. Die Erinnerung an die Schlacht beherrscht Napoleon aber trotz seiner Niederlage. In den Souvenirshops bei der Gedenkstätte unweit des Örtchens Waterloo ziert er hoch zu Ross und mit gestrengem Blick Bücher, Mützen, T-Shirts und Bierflaschen. Sein Bezwinger, der Duke of Wellington, ist hingegen kaum zu sehen.

Das ist der Ambivalenz Napoleons zu verdanken. Er war der Wegbereiter der Aufklärung in Europa: In den besetzten Gebieten entmachtete er die Adligen und die Kirche, er setzte ein modernes Rechtssystem durch und baute Staatsverwaltungen auf. Der geniale Stratege zerschlug das deutsche Kaiserreich und zwang seine Gegner zu europäischer Solidarität, was die Grundlage für das heutige moderne Europa schuf. Der selbst gekrönte französische Kaiser war aber auch ein brutaler Diktator, der eine Spur der Verwüstung durch Europa zog. Seine Feldzüge hinterliessen über drei Millionen Tote, fast 60 000 allein in Waterloo.

Bauern graben Knochen aus

Bis heute weckt die Erinnerung an den französischen Empéreur Emotionen. Als Belgien anfangs Jahr eine 2-Euro-Gedenkmünze prägte, legte Frankreich bei den Euroländern ein Veto ein. Es sei der falsche Moment, um sich an Zeiten der Spaltung in Europa zu erinnern. Die Belgier reagierten mit dem ihnen eigenen Pragmatismus: Sie verkaufen stattdessen eine 2,5-Euro-Münze, die nur in Belgien gültig ist. Solche Geschichten kümmern Franky Simon alias Maréchal Ney indes kaum. Er sei kein Historiker. Vielmehr interessiere er sich für die praktischen Aspekte der Geschichte, sagt Simon: Die Darsteller wollen ihren Tabak so anzünden, wie es Napoleons Soldaten machten, sie wollen die derben Uniformstoffe von damals zwicken spüren und nachts im Zeltlager vom Stroh gestochen werden.

Waterloo ist für Menschen auf der Suche nach solcher Authentizität ein Paradies – wie keine Schlacht zuvor wurde sie in Augenzeugenberichten genau beschrieben, von kaum einer anderen Schlacht gibt es so viele Fundstücke. Noch heute graben Bauern beim Pflügen ihrer Äcker Knochen und Waffenteile aus, obwohl Anwohner das Schlachtfeld und die Opfer schon kurz nach Ende des Kampfes geplündert hatten. Rasch entwickelte sich Waterloo zu einem vielbesuchten Gedenkort. 1826 liess der niederländische König ein Denkmal errichten: eine 41 Meter hohe Erdpyramide, auf deren Spitze ein Löwe als Symbol für die siegreichen Alliierten thront, den offenen Mund gegen das besiegte Frankreich gerichtet.

Heute sind rund um das Schlachtfeld Museen in den Hauptquartieren Napoleons und Wellingtons zu besichtigen, ebenso die umkämpften Bauernhöfe. Der brutalen Realität der damaligen Kriege kommt der Besucher dabei heute so nah wie nie zuvor: Soeben hat die belgische Region Wallonien ein Museum eröffnet, das in einer 3D-Animation ins blutige Schlachtgetümmel führt. Und mit der Nachstellung von Napoleons Niederlage zum 200. Jahrestag wird sogar wieder richtiger Pulverrauch über die Kornfelder wabern.