Die meisten Postautos haben gar kein Tü-ta-to

Das Dreiklanghorn ist das grosse Markenzeichen der Schweizer Postautos. Was viele Fahrgäste nicht wissen: Nur die wenigsten Wagen haben es eingebaut.

Daniel Walt
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So sehen die Dreiklanghörner von Postautos aus. (Bild: pd)

So sehen die Dreiklanghörner von Postautos aus. (Bild: pd)

Es ist für viele Kinder, aber auch ausländische Touristen der Höhepunkt einer Postautofahrt: In der Haarnadelkurve hinauf auf die Schwägalp betätigt der Chauffeur das Dreiklanghorn. "Tü-ta-to, Poschtauto!", singt ein kleiner Bub im Wagen prompt vor sich hin. Umso grösser ist seine Enttäuschung, als er in St.Gallen in ein Postauto in Richtung Bodensee umsteigt und der Fahrer auf eine entsprechende Frage sagt, in diesem Auto gebe es kein solches Dreiklanghorn. Auch weitere Fahrgäste zeigen sich von der Auskunft des Chauffeurs überrascht.


Rund ein Viertel mit Horn
Das Dreiklanghorn – so typisch für die Schweizer Postautos und nicht in jedem Fahrzeug vorhanden? Das ist tatsächlich so, wie eine Rückfrage bei Postauto Schweiz ergibt. "Im Moment sind etwa 2200 Postautos im Einsatz. Etwa 600 davon haben ein Dreiklanghorn", sagt Mediensprecher Urs Bloch. Er dementiert, dass noch vor wenigen Jahren fast jedes Postauto über ein solches Horn verfügt haben soll: "Das stimmt so nicht." Er vermutet, dass das Gedächtnis den Menschen einen Streich spielt: Jeder erinnere sich an Fahrten in den Alpen, bei denen ein Horn ertönt sei. Bloch glaubt, dass deshalb viele Leute automatisch annehmen, jedes Postauto verfüge über ein Horn. Das ist gemäss Postauto Schweiz aber schon längst nicht mehr der Fall: Waren in den 1920er-Jahren noch die meisten Fahrzeuge mit einem Dreiklanghorn ausgerüstet, bekamen die im Mittelland eingesetzten Fahrzeuge bereits wenige Jahre später in der Regel keine solche Installation mehr.

So sehen die Dreiklanghörner von Postautos aus. (Bild: pd)

So sehen die Dreiklanghörner von Postautos aus. (Bild: pd)

"Missbrauch vorbeugen"
Der Grund, weshalb die meisten Schweizer Postauto-Chauffeure gar kein Tü-ta-to ertönen lassen können, ist im Gesetz zu suchen. Das Dreiklanghorn gilt als offizielles Verkehrszeichen. Es darf nur in Fahrzeugen eingebaut sein, die auf ausgeschilderten Bergpoststrassen verkehren. "Alle übrigen Postautos, die nicht auf Bergpoststrecken fahren, dürfen nicht mit Dreiklanghörnern ausgerüstet werden", sagt Urs Bloch. Vom Bundesamt für Strassen heisst es zu diesem Thema, im urbanen Gebiet seien solche Hörner nicht nötig, sondern von der Lärmbelästigung her eher unerwünscht: Die Strassen dort seien übersichtlich, das Kreuzen von Fahrzeugen sei ohne Weiteres möglich. "Fahrzeuge, welche diese Warnsignale ohnehin nie gebrauchen müssen, sollen sie auch nicht installieren dürfen. Damit wird Missbrauch zusätzlich vorgebeugt", so das Bundesamt.

Ausnahmen bei Hochzeiten
Etwas von der Regel weicht Postauto Schweiz bei Sonderfahrten ab. Mietet beispielsweise eine Hochzeitsgesellschaft ein Postauto, setzt das Unternehmen ein Fahrzeug mit Dreiklanghorn ein. "Dabei erwarten die Reisegruppen in der Regel, dass der Fahrer das Dreiklanghorn ertönen lässt, auch wenn wir nicht auf einer Bergpoststrecke unterwegs sind", sagt Mediensprecher Urs Bloch. Wie er weiter betont, baut sein Unternehmen regelmässig Dreiklanghörner auch in neue Fahrzeuge ein: Pro Jahr nehmen um die 100 neue Postautos ihren Dienst auf – 20 bis 40 davon werden laut Bloch mit einem Dreiklanghorn ausgerüstet. Wenn möglich verwendet Postauto Schweiz dazu Hörner aus ausrangierten Fahrzeugen. Ansonsten kauft die Post neue Dreiklanghörner, und zwar bei der Firma Moser-Baer in Sumiswald im Emmental. Der Preis für ein Horn beläuft sich gemäss Urs Boch auf rund 2000 Franken.

Sind die Hörner einmal eingebaut, müssen sie auch gewartet werden – Urs Bloch stellt dazu fest: "Bei den Dreiklanghörnern wird der Ton mittels Luftdruck erzeugt. Bei seltenem Gebrauch kommt es zu Schäden." Aus Sicht von Postauto Schweiz halten sich die Reparaturen aber in Grenzen.


Kein Export der Hörner
Selbst wenn es nur in einem kleinen Teil der Fahrzeuge eingebaut ist und längst nicht so oft zu hören ist, wie man meinen könnte: Das Dreiklanghorn hat für Postauto Schweiz einen symbolischen Wert. Dieser ist derart hoch, dass das Unternehmen die Tonfolge sogar als Marke hat registrieren lassen. "Aufgrund des nationalen und internationalen Bekanntheitsgrades ist die Tonfolge auch auf emotionaler Ebene ein wichtiges Markenelement von Postauto Schweiz AG", sagt Urs Bloch. Wenn vom Unternehmen die Rede sei, werde dieses meist mit der gelben Farbe sowie mit dem Dreiklanghorn in Verbindung gebracht. Dementsprechend achten die Verantwortlichen darauf, dass Dreiklanghörner nicht plötzlich anderswo auftauchen: Wenn Postauto Schweiz ein ausrangiertes Fahrzeug an einen Händler verkauft, wird das Horn zuvor ausgebaut – damit das Tü-ta-to nicht plötzlich irgendwo im Ausland statt in den Schweizer Bergen ertönt.

Tonfolge aus einer Oper

Das Dreiklanghorn bei Postautos ist seit 1924 im Einsatz. "Als die Postautos in den frühen 1920er-Jahren den Verkehr auf den Alpenstrassen aufnahmen, sah sich die Postdirektion des öfteren mit Unfällen mit Blechschäden konfrontiert", sagt Urs Bloch, Mediensprecher von Postauto Schweiz. Zu Unfällen kam es meist mit Automobilisten, die damals immer öfter in den Bergen unterwegs waren. Das 1922 auf den Bergstrassen eingeführte bergseitige Ausweichen der Postautos brachte auch keine Verbesserungen. Deshalb führte die Post 1924 das Dreiklanghorn als Warnsignal für die anderen Verkehrsteilnehmer ein. Zunächst wurde es elektrisch, ab den 1950er-Jahren dann per Luftdruck betrieben. Bei der Tonfolge dürfte die Post in der Oper "Wilhelm Tell" von Gioacchino Rossini fündig geworden sein: In der Ouvertüre des aus dem Jahr 1829 stammenden Werkes ist die Sequenz, bestehend aus den Tönen cis-e-a in A-Dur, gut zu hören. (dwa)