Die Liebe und überhaupt

Belles Lettres

Beda Hanimann
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In einem ehemaligen Bahnhofrestaurant auf dem Land sitzen einige Freunde zusammen. «Wir sprachen und tranken, tranken und sprachen, und irgendwann – draussen war längst eine schwarze Nacht – kamen wir auf die erste Liebe zu sprechen, und auf die letzte, und auf das, was dazwischen liegt»: Das ist die ebenso einfache wie spannende Anlage in Urs Widmers Erzählung «Liebesnacht» von 1982, heute erhältlich als Taschenbuch und E-Book. Es ist nicht das bekannteste, aber eines meiner liebsten Bücher des 2014 verstorbenen Schweizer Autors. Weil es seine typische Lebensannäherung so federleicht anschaulich macht. Widmer kann romantisch und wehmütig sein, gleichzeitig aber selbstironisch und liebevoll bissig. Lebensklug und klarsichtig zwischen grösstem Glück und tiefster Trauer.

Meine Lieblingsepisode ist die des Ich-Erzählers, der sich in Südfrankreich in eine Hebamme verliebt und eine Woche des rauschhaften Glücks erlebt. Dann ist urplötzlich alles aus, «und wenn ich sie fragte Warum, sagte sie Darum». Da klingt die ganze Klaviatur des Lebens an. Ich habe das Büchlein damals einer Angebeteten geschenkt, sie nahm es mit funkelnden Augen, verschlang es – aber es blieb bei der literarischen Liebesnacht. Ja, so ist das Leben.

Beda Hanimann

Urs Widmer: Liebesnacht, Diogenes