Die kurzen, aber goldenen Zeiten des «Funi»

Ein Schlitten, der anstatt den Berg hinunter aufwärts fährt: So lässt sich ein «Funi» am besten beschreiben. Eine revolutionäre Idee eines Schweizer Zimmermanns – zumindest, bis Ende der 1940er-Jahre die ersten Skilifte gebaut wurden. Auch in Wildhaus war bis 1949 eine Schlittenseilbahn in Betrieb.

Katja Fischer De Santi
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Mit Seilwinde und Schlitten zum Skifahren den Berg hinauf. (Bild: Archiv Ruth Annen-Burri)

Mit Seilwinde und Schlitten zum Skifahren den Berg hinauf. (Bild: Archiv Ruth Annen-Burri)

«Es war eine revolutionäre Erfindung für einen Moment und für ein paar Jahre», schreibt Ruth Annen-Burri und meint damit den «Funi» ihres Grossvaters Arnold Annen aus Lauenen.

Aus heutiger Sicht eine etwas kuriose Konstruktion, dieser Schlitten, der an einer Seilwinde den verschneiten Berg hinaufgezogen wurde. Eine «Funiculaire», aber halt ohne Gleise. Damals, 1935, hingegen war der erste «Funi» in Gstaad Luxus pur. Davor waren die begüterten Skifahrer mit Kutschen in die höheren Regionen gefahren worden, alle anderen schleppten sich mit Fellen den Berg hoch.

«Funi»-Geschichten

Dies habe ihr Grossvater wohl beobachtet, während er im Winter Holz für den Bau einer Hütte den Berg hinaufzog. Und kam auf eine Idee: Die Seilwinde und den Pferdeschlitten kombinierte er zur ersten Schlittenseilbahn. «Mit Holzfadenspulen tüftelte er zuerst an Modellen. Danach baute er den ersten «Funi» in der Schweiz», schreibt Ruth Annen. Für ihr gerade im Weberverlag erschienenes Buch «Funi Geschichten» hat sie alles zusammengetragen, was sie über die Ursprünge und die goldenen Zeiten des «Funi» finden konnte. Entstanden ist ein teils etwas unübersichtliches Familienalbum, das zugleich von den Anfängen des Wintersports in der Schweiz erzählt.

Vergessener Pionier

Es ist aber vor allem eine Hommage an den Erfinder des «Funi». Früh an einer «scharfen Lungenentzündung» verstorben, ist Arnold Annen als Pionier fast in Vergessenheit geraten. Von seinem Ruhm und Erfolg habe er nichts gehabt, schreibt seine Enkelin. Zeitlebens habe er nur gearbeitet. Er war Zimmermann und Landwirt. Von vielen wurde er belacht, als Spinner bezeichnet. Später dann waren es die Neider, die ihm den Erfolg missgönnten. Zusammen mit Oswald von Siebenthal, einem weltgewandten Hotelier, gründete er eine Schlittenseilbahngesellschaft und baute seine Erfindung in der ganzen Schweiz, etwa in der Lenzerheide, in Braunwald, in Wildhaus und in den Waadtländer Alpen. Zudem entwickelte er seine «Funis» ständig weiter.

Bremsen beim Abwärtsfahren

Die ersten Modelle waren einfache Holzschlitten, die beim Abwärtsfahren gebremst werden mussten. Stets war ein sogenannter Schlittenführer dabei. Er besorgte das Laden und Entladen der Skies und das Bremsen. Es folgten Einschlitten-»Funis» mit Gegenzug, nach dem Krieg wurden die Bahnen elektrifiziert. Holzkonstruktionen wurden durch Aluminium ersetzt, die «Funis» bekamen Dächer, und später geschlossene Kabinen.

Als Arnold Annen 1938 starb, sprangen seine Tochter und ihr Mann, die Eltern von Ruth Annen, in die Bresche. Es waren dies die goldene Zeiten der «Funis». Zwar war der Preis von rund einem Franken für eine einzige Fahrt für die damalige Zeit ziemlich happig, doch wer sich damals Winterferien leisten konnte, war auch bereit, dafür etwas zu zahlen. An schönen Sonntagen seien die Leute etwa in Wildhaus Schlange gestanden, um mit dem «Funi» zu fahren, heisst es.

Mit dem Bau von Seilbahnen konnte man die wachsende Gästeschar jedoch besser bewältigen. Ende der 1950er-Jahre wurden die allermeisten Schlittenseilbahnen eingestellt. Die zwei letzten Vertreter dieser Bahnart befanden sich im Berner Oberland und waren erstaunlich lange in Betrieb: Die Hornberg-«Funi» in Saanenmöser hatte erst am 6. April 1986 ihren letzte Betriebstag.