Die Kleider der Zukunft sind unsere neue Haut

Tragbare Technologien werden die mobile Kommunikation revolutionieren. In Zukunft sind sogar unsere Kleider mit dem Internet verbunden. Das klingt gut, doch mit der neuen Vernetzung geben wir auch mehr Daten von uns preis.

Philipp Bürkler/New York
Merken
Drucken
Teilen
Daten und Infos hautnah. (Bild: pd)

Daten und Infos hautnah. (Bild: pd)

Mit den Kleidern ins Internet? Das klingt nach Science Fiction, ist es aber nicht. Weltweit kreieren Wissenschafter und Designer die Kleider von morgen. Es sind Kleider, die Kommunikation und Interaktion auf eine neue Stufe stellen werden. Die Branche spricht von «Wearable Technology», also tragbaren Technologien.

Es ist die grösste Technologie-Revolution seit der Erfindung des Personal Computers Ende der 70er-Jahre. Die Bedeutung der Technologie zeigt auch ein jüngerer Personalentscheid bei Apple. Das Unternehmen hat mit dem CEO von Yves Saint Laurent und der Chefin des Modehauses Burberry gleich zwei Leute aus dem Top-Management abgeworben. Der Wissenstransfer zwischen Mode, Design und Technologie soll Apples Erfolgschancen im neuen Milliardenmarkt sichern. Laut Analysten der Credit Suisse wird sich das Marktvolumen von Wearable Technology in den kommenden drei bis fünf Jahren verzehnfachen. Von heute fünf auf bis zu 50 Milliarden Dollar.

Erweiterung der Realität

Bereits jetzt boomt der «Wearable»-Markt mit sogenannten Fitness-Trackern. Das sind intelligente Armbänder oder Uhren, auch bekannt als Smartwatches, die vorwiegend beim Sport zum Einsatz kommen. Zu einer weiteren Kategorie gehören Geräte im Bereich «Augmented Reality», der erweiterten Realität. Dazu gehört auch die Datenbrille Google Glass, die 2014 auf den Massenmarkt kommen soll. Informationen lassen sich direkt vor dem Auge darstellen.

Für hitzige Diskussionen hat die Brille des Suchmaschinenbetreibers Google in den vergangenen Monaten vor allem wegen der integrierten Videofunktion gesorgt. Die niederländische Filmemacherin Brejte van der Haak beobachtet diese Technologie kritisch. «Wenn wir ständig das Gefühl haben, wir werden gefilmt, wird sich auch unser Umgang mit Mitmenschen verändern.»

Van der Haak thematisiert in ihrem Dokumentarfilm «TechMan» die sozialen Konsequenzen von Google Glass. Forscher vom Nationalen Institut für Wissenschaft und Technik im südkoreanischen Ulsan gehen noch einen Schritt weiter. Sie lassen das Brillengestell gleich ganz weg und entwickeln intelligente Kontaktlinsen, die mit Leuchtdioden und einer neuartigen transparenten Elektrode kombiniert sind. Informationen aus dem Internet gelangen so direkt auf das Auge des Betrachters.

Eine ganz andere Vorstellung von Wearable Technology hat Sabine Seymour. Die gebürtige Österreicherin ist Kreativ-Chefin bei Moondial in New York, einem der führenden Unternehmen auf diesem Gebiet. «Die Kleider der Zukunft sind unsere neue Haut», sagt die Visionärin. Die Kleider würden mit Mikrochips und drahtlosem Internet ausgerüstet. Dadurch soll soziale Vernetzung immer und überall möglich sein.

«Wenn wir heute von sozialer Vernetzung via Facebook oder Twitter sprechen, meinen wird damit, dass wir vor einem Computer sitzen oder auf ein Smartphone schauen müssen.» Die Kleider der kommenden Generationen sollen diese Einschränkung aufheben. Wie eine solche Kommunikation künftig aussehen könnte, hat das Londoner Design-Duo CuteCircuit auf spielerische Weise bereits gezeigt. Mit ihrem «Hug-Shirt» können Menschen sich gegenseitig Umarmungen zusenden. Wer eine Umarmung erhält, spürt auf seinem Kleid einen Druck und Wärme.

Kleider wechseln die Farbe

Seymour geht noch weiter. Sie will sogar die einzelnen Textilfasern manipulieren. Damit wird es möglich, bei Kleidern die Farben zu wechseln. «In den kommenden Jahren können wir zwar noch nicht von Rot auf Blau wechseln, aber innerhalb eines Farbtons variieren.»

Umgang mit Daten lernen

Gesprächsstoff ergibt auch der Datenschutz. Wearables können neben dem Standort des Benutzers auch Informationen darüber liefern, was er gerade tut oder konsumiert. Gerhard Tröster, Professor für Wearable Technology an der ETH Zürich, sieht in den Datenmengen durchaus eine Gefahr für die Privatsphäre.

Dennoch müssten wir lernen, wie wir mit unseren Daten umgehen. Wichtig sei, dass wir für Daten, die wir abgeben, auch entsprechende Informationen zurückerhalten. «Die Balance zwischen Daten abgeben und Daten zurückbekommen müssen wir zuerst neu aushandeln.» Das Internet sei erst gut 20 Jahre alt, wir befänden uns immer noch in einem Lernprozess mit dieser Technik, sagt Tröster.