Die Katze glaubt nicht, sie weiss

Manchmal sitzt sie schon draussen auf dem Fenstersims, wenn ich am Morgen den Laden hochrattern lasse. Oder sie taucht aus dem Gebüsch, kaum dass ich das Fenster öffne. Als hätte sie gewartet. Als sei ihr mein Tagesplan bestens vertraut, der Katze meiner Nachbarin.

Beda Hanimann
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Yellow line notepad with pen on top isolated on a white background. (Bild: Beda Hanimann)

Yellow line notepad with pen on top isolated on a white background. (Bild: Beda Hanimann)

Manchmal sitzt sie schon draussen auf dem Fenstersims, wenn ich am Morgen den Laden hochrattern lasse. Oder sie taucht aus dem Gebüsch, kaum dass ich das Fenster öffne. Als hätte sie gewartet. Als sei ihr mein Tagesplan bestens vertraut, der Katze meiner Nachbarin. Dann springt sie mit eindringlichem Begrüssungs-Miauen über die Brüstung ins Schlafzimmer.

Kuscheln will sie um diese Morgenzeit nicht gross, fressen auch nicht, sie weiss schliesslich, dass es bei mir nichts gibt. Nein, zielstrebig postiert sie sich vor der Schlafzimmertür. Ich lasse sie raus, da sitzt sie schon vor der Wohnungstür. Auch die öffne ich, sie peilt die Türe zum Keller an. Und verlangt dann Einlass in die Waschküche. Da könnte sie auch ohne meine Hilfe hin, durchs Fenster hat sie jederzeit direkten Zugang.

Aber so ist sie, die Katze meiner Nachbarin. Sich rasch zeigen, sich hofieren lassen. «Die hat uns ganz schön in der Hand», sagt meine Nachbarin. Denn ich bin natürlich nicht der einzige, der der Katze mit ihren – manchmal – glasklaren Wünschen den roten Teppich auslegt.

Gelegentlich verweigere ich ihr diesen Dienst. Lasse sie vor der geschlossenen Türe sitzen. Da verharrt sie dann geduldig, den Blick starr nach oben, zur Türfalle, gerichtet. Rätselhafter Katzenglaube, denke ich dann: Dasitzen und erwarten, dass sich die Tür vom blossen Anschauen öffnet. Am Ende gebe ich natürlich nach – und muss mir eingestehen: Das war nicht naiver Katzenglaube. Es ist das untrügliche Katzenwissen, dass sie mich in der Hand hat. Früher oder später.