Die jungen Männer und der Fisch

Eine neue Generation entdeckt das Fischen. Nicht alle haben aber die Absicht, den Fisch auch zu essen. Manche fangen die Tiere bloss, um sie als Trophäe auf Instagram und Youtube vorzuführen.

Melissa Müller
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«Selbstgefangener Fisch schmeckt am besten»: Kevin Stillhard fischt in Bergseen im Berner Oberland.

«Selbstgefangener Fisch schmeckt am besten»: Kevin Stillhard fischt in Bergseen im Berner Oberland.

In bestimmten Nächten am Wasser hält es Markus Frei fast nicht aus. Wenn das Abendrot knallig leuchtet, eine Gewitterfront vorbeizieht, der Luftdruck sich senkt – dann spricht alles dafür, dass ein grosser Fisch anbeissen könnte. Markus Frei ist dann hellwach, Adrenalin rauscht durch sein Blut, an Schlaf ist nicht zu denken.

Der St. Galler ist auf Karpfen spezialisiert und beteiligt sich an erfolgreich an Fischer-Wettkämpfen. Aber: «Ich habe schon seit Jahren keinen selbst gefangenen Fisch mehr gegessen. Ich habe keine Verwendung dafür.» Die schuppigen Tiere dienen ihm nur als Trophäe: Nach dem Fang wiegt er sie und macht ein Foto. Damit der lebende Karpfen beim Zurschaustellen keine Verletzungen davonträgt, legt er ihn auf eine Spezialmatte. «So schnell und schonend wie möglich.» Nach spätestens drei Minuten entlässt er ihn wieder ins Wasser. «Es geht ums Erfolgsgefühl.»

«Catch and Release» – «Fangen und wieder Freilassen» – nennt sich diese umstrittene Art des Fischens. Frei fischt meist in Italien und Frankreich, wo dies erlaubt ist. In der Schweiz ist es verboten, mit der Absicht zu angeln, die Fische wieder freizulassen. Es gilt nur dann als akzeptabel, wenn etwa eine geschützte Art oder ein noch nicht geschlechtsreifer Fisch gefangen wurde. Tierschützer befürchten, dass die Fische durch den Drill – den Kampf an der Angelschnur bis zur Erschöpfung des Fisches – Stress, Schmerz und Todesangst erleiden. Das sei beim Angeln kaum zu vermeiden, sagt Sara Wehrli, Zoologin beim Schweizer Tierschutz STS. «Der Fang zu Speisezwecken wird jedoch als übergeordnetes Interesse akzeptiert und ist daher legitim.» Andreas Inauen, Präsident des Appenzeller Fischereivereins, schliesst sich dieser Meinung an: «Es ist sinnlos, einen Fisch nur für den persönlichen Glücksmoment zu drillen.» Ein lebender Fisch gehöre ins Wasser, nicht in die Hände eines Mannes, der ein tolles Foto will.

Markus Frei ist sich dieser Kontroverse bewusst. «Ich finde es gut, dass man darüber diskutiert.» Seine ästhetischen Fotos zeigt er auf Instagram unter method_m_carp. Eine internationale Szene von Trophäen-Fängern stellt sich auf Youtube zur Schau. «Manche kaufen sich eine teure Ausrüstung und gehen nur fischen, um sich zu präsentieren.» Ein Fischer am Murtensee dokumentiere mit zehn Gopro-Kameras unter Wasser, wie ein Wels anbeisst. «Jeder will sein Abenteuer filmen», sagt Frei.

Weg vom Bürostuhl, raus in die Natur

Das Fischen ist seit einigen Jahren im Aufkommen. Es liegt im Trend wie das Klettern und andere Outdooraktivitäten. Die Tendenz: weg vom Bürostuhl, raus in die Natur. Nicht alle werden vom Angelfieber gepackt. «Von 40, die es probieren, machen etwa 10 weiter», sagt Vereinspräsident Andreas Inauen. «Die einen haben Mühe, ein Tier zu töten, die anderen fangen nichts und geben auf.»

Das neue Yoga für Männer?

Einige von Markus Freis Freunden haben ebenfalls mit dem Fischen angefangen. «Viele haben Lust, sich länger draussen aufzuhalten, aber es fehlt ihnen der Sinn. Da ist der Griff zur Rute nicht mehr weit», sagt der 39-Jährige, der beruflich Designer-Büromöbel ausliefert und montiert. Frei fährt siebenmal im Jahr an einen See oder Fluss im Ausland, wo er sein Zelt aufschlägt und Raclette mit Speck brät. Wenn er am Wasser ankommt, erlebt er die ersten Stunden turbulent. «Nach einem Tag kommen dann die ersten gediegenen Selbstgespräche. Die innere Ruhe. Ein Zurückkehren zu mir selbst.» Das gebe ihm Halt in schwierigen Phasen. Ist Fischen das neue Yoga für Männer?

Viele Hobbyfischer haben einen stressigen Alltag. Am Abend können sie dann ans Wasser und ihre Rute auswerfen. «Es ist ein Gegenpol zur Hektik des Alltags», sagt Verena Apolloni vom gleichnamigen St. Galler Fischereigeschäft. Zu «Catch and Release» will sie sich jedoch nicht äussern – zu heikel.

Der Reiz des Fischens liegt im gemütlichen Draussensein, andererseits im Nervenkitzel. «Dabei kann ich meinen Jagdtrieb ausleben», sagt Frei. Vor neuen Beziehungen erklärte er jeweils, er leide unter einer unheilbaren Krankheit: dem Fischen. Sogar die Geburt seines ersten Sohnes hielt ihn nicht davon ab, eine Woche später zum Fischen zu fahren.

So entsteht der perfekte Köder

Der richtige Köder ist für ihn fast schon ein Fetisch. Mit Kollegen bastelt er die Lockmittel in einem alten Hühnerstall. «Der Köder ist unser Glück, das wir mitnehmen.» Frei vermengt Fischmehl, Eier, Casein und Garnelenöl zu einem Teig und formt Pralinen. Dann werden die Kugeln gekocht wie Gnocchi, getrocknet, vakuumiert und tiefgefroren. Konservierungsmittel kommen nicht in Frage. «Ich weiss, es tönt absurd», sagt der vierfache Vater grinsend. «Aber es gehört zum Nervenkitzel dazu, und wir haben eine Riesengaudi.»

Auch der 25jährige Kevin Stillhard erliegt der Anziehungskraft des Wassers. «Als Bub bin ich in jeden Bach gefallen.» Der Mitarbeiter des Fischerlades Welsangelsport in St. Gallen fischt in Bergseen, wo die kanadische Seeforelle heimisch geworden ist – sein Lieblingsfisch. Die ist im Winter aktiv und geht Eisfischern an den Haken. «Sie hat ein festes, rötliches Fleisch, das auf der Zunge zergeht.» Selbst gefangener Fisch schmecke tausend Mal besser als gekaufter. Stillhard findet Catch and Release «eine gute Sache». Man überliste den Fisch und freue sich, dass er weiterlebt. Blute er nicht am Kiemen, überlebe er.

Die meisten Fischer tragen der Natur Sorge. Der Fischereiverein Appenzell etwa holt bei der Bachputzete im Kanton Innerrhoden jedes Jahr bis zu 700 Kilo Abfall aus den Flüssen. Thomas Ammann vom WWF sieht in Catch and Release «kein wirkliches Problem». «Das Hauptproblem für die Fische sind Verbauungen, Verschmutzung und Wasserkraftwerke.»

Nach dem Beweisfoto geht's zurück in den See. Es kommt vor, dass Markus Frei den gleichen Karpfen ein paar Jahre später erneut an Land zieht. (Bilder: zVg)

Nach dem Beweisfoto geht's zurück in den See. Es kommt vor, dass Markus Frei den gleichen Karpfen ein paar Jahre später erneut an Land zieht. (Bilder: zVg)

Manchmal wartet Markus Frei eine ganze Woche, bis ein Karpfen anbeisst. Die zauberhafte Naturstimmung entschädigt ihn für vieles.

Manchmal wartet Markus Frei eine ganze Woche, bis ein Karpfen anbeisst. Die zauberhafte Naturstimmung entschädigt ihn für vieles.