Die Herausforderung der Leere

Ein Platz ist per Definition eine leere Fläche. Gleichzeitig soll er mit städtischem Leben gefüllt werden. Wie geht das zusammen? Betrachtungen auf dem neuen Zürcher Sechseläutenplatz – und vier weitere Schweizer Platzbeispiele.

Beda Hanimann
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Viel Raum zum Verweilen und Atmen auf dem neuen Zürcher Sechseläutenplatz – doch an 180 Tagen im Jahr wird das Bild ein anderes sein. (Bild: ky/Gaëtan Bally)

Viel Raum zum Verweilen und Atmen auf dem neuen Zürcher Sechseläutenplatz – doch an 180 Tagen im Jahr wird das Bild ein anderes sein. (Bild: ky/Gaëtan Bally)

Noch wirken die Roteichen und Tulpenbäume wie Setzlinge im Vergleich zu den wuchtigen Baumgreisen am Utoquai oder auf dem Stadelhoferplatz nebenan. Doch sie werden aufholen – und Teil einer aussergewöhnlichen Geschichte sind sie schon jetzt. Der Zürcher Sechseläutenplatz feiert sich als grösster Platz der Schweiz, dem «Tages-Anzeiger» waren zum Auftakt des Einweihungsfestes nur die prominentesten Vergleiche gut genug. In einer Grafik stellte er den Sechseläutenplatz mit seinen 15 000 Quadratmetern neben den Petersplatz (35 300 Quadratmeter, erbaut 1667), den Roten Platz (23 100 Quadratmeter, 1493) und den Markusplatz in Venedig (14 400 Quadratmeter, 9. Jahrhundert).

Die Grösse ist nur ein Faktor

Gemäss anderen Quellen sind der Einsiedler Klosterplatz und der Marktplatz von Vevey deutlich grösser als das neue Zürcher Prunkstück. Aber Zahlen sind in diesem Fall nur ein Faktor. Wichtig ist, was auf der Weite eines Platzes geschieht, oder was nicht geschieht.

Für den Stadtwanderer Benedikt Loderer jedenfalls atmet der neue Platz nichts weniger als Weltluft. Er sei das pure Gegenteil zur alten Sechseläutenwiese, die mit ihrer Einzäunung die Verkörperung gewesen sei für das «Abgeschottet-Ordentliche, das das Leben der Bürger und Räte so lange regelte». Landschaftsarchitekt Walter Vetsch, der den Platz konzipiert hat, spricht von einer unschweizerischen und unzwinglianischen Grosszügigkeit.

Selbstbewusste Leere

Tatsächlich erfüllt der Sechseläutenplatz seine wichtigste Funktion: Er ist ein Platz. Nicht Lücke mit abgesperrter Wiese zwischen Opernhaus, Stadelhoferplatz, Bellevue und See, sondern selbstbewusste Leerfläche. 110 00 Stück Valser Quarzitsteine wurden wie ein Riemenparkett ausgelegt, in runden Inseln an den Ecken wurden 56 Bäume gepflanzt, zwei Pavillons führen in die Unterwelt der Parkgarage, es gibt eine Buvette und ein Wasserspiel. Sonst nichts, was die 17 Millionen Franken erklärt, die die Sanierung gekostet hat. Zumindest nichts Sichtbares.

Denn der Multifunktionalität des Platzes wird ebenso diskret wie raffiniert Rechnung getragen. In zwei Kreisen sind rund hundert versenkbare Haken eingelassen, an denen Zirkuszelte verankert werden können, der grössere ist genau auf das Chapiteau des Circus Knie abgestimmt. Und unter dem Wasserspiel befindet sich ein Technikraum, von wo aus die Platzbeleuchtung und die Wasserfontänen gesteuert werden.

Einladung und Versuchung

Die grosse Freifläche lebt für sich. Sie negiert die Kleinräumigkeit der nahen Altstadt. Sie distanziert sich von der Montmartre-Romantik des Stadelhoferplatzes mit seinem Naturboden. Sie ist grandioser Vorplatz und Vorbühne des Opernhauses. Und sie macht, abgetrennt durch Strasse, Hecken und Utoquai, nicht gemeinsame Sache mit dem See. Auf dessen ländlich-verspielte Weite mit Alpenpanorama reagiert sie mit urbaner Grosszügigkeit und gleichzeitig mit städtebaulicher Schlichtheit. Der Platz lebt damit nicht nur für sich, sondern auch für die Bewohner und Besucher der Stadt: Er ist Einladung zum Verweilen und Flanieren. Gross genug, dass Raum zum Atmen bleibt.

In den ersten Tagen der Freigabe haben die Zürcherinnen und Zürcher ihren Platz in Beschlag genommen. Da hat sich aber auch schon gezeigt, dass die Einladung zugleich eine Versuchung ist. Und die Weite eine Gefahr. Für das sechstägige Einweihungsfest wurden Festzelte, Pavillons und Holzbänke aufgestellt, der Valser Quarzit wurde zur Werbeplattform für Grossveranstaltungen. Und das wird so weitergehen. Am Montag ist Sechseläuten, an rund 180 weiteren Tagen im Jahr wird der Platz verstellt sein, so sieht es das Nutzungskonzept vor.

Bühne und Akteur

Es ist kein schöner Anblick, diese «hingebastelten» Provisorien. Sie zerstören den Gestus der selbstbewussten Leere, machen den Platz zu irgendeinem Rummelplatz. Und sind Sinnbild einer menschlichen, einer schweizerischen Schwäche: Eine leere Fläche geht vielen gegen den Strich. Es sei schwieriger, einen leeren Platz zu gestalten, als irgendwo ein Gebäude zu bauen, hat Walter Vetsch gesagt. Man kann das anders formulieren: Die eigentliche Herausforderung ist nicht, ein Vakuum zu füllen, sondern es leer zu lassen.

Damit aber reiht sich der Sechseläutenplatz in die Reihe aller andern Stadt- und Dorfplätze ein. Er muss Bühne menschlichen Tuns und Treibens, gleichzeitig aber auch Akteur im städtischen Ensemble sein. Wenn das gelingt, sind die grossen Vergleiche angebracht.

Aranno TI: Das Herz des Dorfes. Es ist ein stotziges und wildes Gelände im Malcantone westlich von Lugano. Die Häuser der Dörfer kuscheln sich eng zusammen an die Hänge, auch in Aranno. In der Mitte öffnet sich ein abfallendes Plätzchen, zugänglich durch Gässchen und Durchschlüpfe von verschiedenen Seiten: Das Herz des Dorfes, ein Hauch Italianità.

Aranno TI: Das Herz des Dorfes. Es ist ein stotziges und wildes Gelände im Malcantone westlich von Lugano. Die Häuser der Dörfer kuscheln sich eng zusammen an die Hänge, auch in Aranno. In der Mitte öffnet sich ein abfallendes Plätzchen, zugänglich durch Gässchen und Durchschlüpfe von verschiedenen Seiten: Das Herz des Dorfes, ein Hauch Italianità.

Vevey VD: Sog zum See. Meist ist die zum See hin offene Grande Place oder Place du marché am westlichen Altstadtrand von Vevey ein monumentaler Parkplatz. Alle paar Jahrzehnte jedoch ist er Schauplatz des Fête des vignerons, ausserdem wird er bis heute als Marktplatz genutzt – er gilt als der zweitgrösste Europas nach jenem in Lissabon.

Vevey VD: Sog zum See. Meist ist die zum See hin offene Grande Place oder Place du marché am westlichen Altstadtrand von Vevey ein monumentaler Parkplatz. Alle paar Jahrzehnte jedoch ist er Schauplatz des Fête des vignerons, ausserdem wird er bis heute als Marktplatz genutzt – er gilt als der zweitgrösste Europas nach jenem in Lissabon.

Arlesheim BL: Barocke Inszenierung. Das Winzerdorf überrascht mit einem Domplatz von aussergewöhnlichem Cachet. Entstanden ist er nach 1679, als sich die während der Reformation geflüchteten Basler Bischöfe wieder in Stadtnähe niederliessen. Der Platz mit Kirche und Domherrenhäusern ist streng geometrisch angelegt und strahlt eine sakrale Ruhe aus.

Arlesheim BL: Barocke Inszenierung. Das Winzerdorf überrascht mit einem Domplatz von aussergewöhnlichem Cachet. Entstanden ist er nach 1679, als sich die während der Reformation geflüchteten Basler Bischöfe wieder in Stadtnähe niederliessen. Der Platz mit Kirche und Domherrenhäusern ist streng geometrisch angelegt und strahlt eine sakrale Ruhe aus.

Aarberg BE: Die Stadt ist ein Platz. Im Seeländer Städtchen Aarberg gilt: Die Stadt ist der Platz. Der mandelförmige Marktplatz entstand 1477 nach einem Stadtbrand, die Häuserzeilen ziehen sich entlang seiner Ränder. So ist der Platz Parkplatz, Durchgangsstrasse, Treffpunkt Festplatz – auf dem heute der berühmte Flohmarkt «Aarberger Puce» stattfindet. (Bilder: Tonia Bergamin)

Aarberg BE: Die Stadt ist ein Platz. Im Seeländer Städtchen Aarberg gilt: Die Stadt ist der Platz. Der mandelförmige Marktplatz entstand 1477 nach einem Stadtbrand, die Häuserzeilen ziehen sich entlang seiner Ränder. So ist der Platz Parkplatz, Durchgangsstrasse, Treffpunkt Festplatz – auf dem heute der berühmte Flohmarkt «Aarberger Puce» stattfindet. (Bilder: Tonia Bergamin)

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