Die Gesichter der Landwirtschaft

Der Fotograf Markus Bühler-Rasom porträtiert in einem Buch Reis- und Tabakbauern, Fleisch- und Biogasproduzenten. Seine Fotos, Textbeiträge und eine Fülle statistischer Fakten machen das Buch zu einem Dokument bäuerlichen Lebens.

Beda Hanimann
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Focus - Beda Hanimann - Landwirtschaft

Focus - Beda Hanimann - Landwirtschaft

Die Landwirtschaft ist verspielt. Sie ist stolz und weiss, was sie zu bieten hat. Sie kommt mit grossen Tieren zurecht. Sie ist erdverhaftet und bodenständig. Das sind vier Behauptungen, vier Interpretationen der Porträts von einem Appenzeller Senn, der Thurgauer Apfelkönigin, dem Thurgauer Schweinezüchter und dem Aargauer Zuckerrübenbauern.

Schon in dieser kleinen Auswahl zeigt sich, wie viele Gesichter die Landwirtschaft in der Schweiz hat, und in Markus Bühlers Buch kommen noch zahlreiche Nuancen dazu. Er habe, sagt der freischaffende Fotograf, die Schweizer Landwirtschaft so darstellen wollen, wie sie jetzt existiert. Eine Momentaufnahme aus den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts.

Idylle versus Biogasanlage

In Zeiten des globalisierten und industrialisierten Lebensmittelmarktes und des Booms von Publikationen und Fernsehsendungen über die Unbeschwertheit des Landlebens ist die Gefahr gross, das Bauerntum als identitätsstiftendes helvetisches Erbe zu glorifizieren. Bühler und die Autoren der Textbeiträge widerstehen ihr.

Zwar fängt der Bildteil an mit beinahe historisch wirkenden und teilweise an die Photochromie-Ästhetik der vorletzten Jahrhundertwende erinnernden Landschaftstableaux. Doch sind diese Real-Idyllen nur eine Facette eines weiten Bogens, der auch zu den Düngercontainern im Basler Rheinhafen reicht und zum Bild einer Biogasanlage, aus dem man den Fäulnisgeruch weggeworfener Lebensmittel schon fast zu riechen glaubt.

Extreme Zukunftsszenarien

Die Bauern hätten angesichts der markant rückläufigen Zahl von Landwirtschaftsbetrieben ein zu grosses politisches Gewicht, hört man immer wieder. Und Bernhard Lehmann, der Direktor des Bundesamts für Landwirtschaft, stellt in seinem Textbeitrag nicht in Abrede, dass die Wertschöpfung der Schweizer Landwirtschaft im Vergleich zur gesamten Schweizer Volkswirtschaft gering sei. Er gibt aber gleichzeitig zu bedenken, dass Wertschöpfung nicht die einzig relevante Grösse sei. Als mögliche Zukunftsszenarien der Landwirtschaft skizziert er zwei Extreme.

Beim einen rückt laut Lehmann die Produktion von Lebensmitteln in den Hintergrund, die Landwirte fokussieren sich auf «die Pflege von Parklandschaften zwischen den grösseren Städten». Das andere ist geprägt «vom traditionellen Rollenverständnis der Landwirtschaft als Versorgerin der Nation». Beide dieser Extremlösungen hätten Nachteile, so dass «der zukünftige Weg der Schweizer Landwirtschaft irgendwo dazwischen liegen wird – abhängig von der weiteren Entwicklung im wirtschaftlichen Umfeld und den Erwartungen der Gesellschaft».

Erlebnis Landwirtschaft

Die Fotos und erläuternden Texte von Richard Reich sind Belege dafür, dass diese Zukunft längst begonnen hat. Die Landwirtschaft produziert Lebens- und Genussmittel, vom Nischenprodukt Tabak mit einem Anteil von weniger als einem Prozent des Konsums bis zur Milch, wo der Selbstversorgungsgrad im Jahr 2011 bei 117,9 Prozent lag. Sie betreibt Landschaftspflege, ist ein wichtiger Kulturträger und neuerdings Mitspieler in der Erlebnisindustrie, wenn etwa in den Freibergen Adventure-Arrangements mit Zugüberfällen hoch zu Ross angeboten werden.

Diese vielseitigen Formen heutiger Landwirtschaft hat Bühler in die vier Kapitel «Milchwirtschaft», «Pflanzenbau», «Nutztiere» und «Rund um die Landwirtschaft» gegliedert. Er zeigt die Arbeit des Heuens in Obwalden, des Holzfällens in Ellighausen TG und der Vermarktung von Käse im Emmental, er porträtiert den Mozzarella-Käser im Schangnau, den Reisbauern in Ascona oder den Gantrufer in Guggisberg – und zeigt damit auch, wie sehr die Landwirtschaft von Menschen geprägt ist.

Kreativität und Sturheit

In einem gescheiten Text analysiert Peter Moser, der Gründer und Leiter des Archivs für Agrargeschichte, die Repräsentation des Agrarischen im 21. Jahrhundert. Daraus, aber auch aus Bühlers Fotos und einer Fülle statistischer Fakten erschliesst sich, weshalb die Landwirtschaft auch in einer Gesellschaft von Bankern und Anwälten ihren Stellenwert hat. Ganz ohne Glorifizierung. Für einen neuen Aufbruch brauche es, schreibt Reich, vielleicht höchstens die richtige Mischung aus Kreativität und Sturheit. Also das, was den Bauern schon immer nachgesagt wurde.

Markus Bühler-Rasom: Landwirtschaft Schweiz, AS Verlag 2014, 288 S., Fr. 68.–

Focus - Beda Hanimann - Landwirtschaft

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Vier Beispiele für die vielen Gesichter der Schweizer Landwirtschaft (im Uhrzeigersinn, von oben links): Der Appenzeller Senn Ruedi Manser; Salome Wölke Zellweger, Thurgauer Apfelkönigin des Jahres 2004; der Schweinezüchter Ueli Koller aus Oppikon TG und der Aargauer Zuckerrübenbauer Ernst Baumann. (Bilder: Markus Bühler-Rasom)

Vier Beispiele für die vielen Gesichter der Schweizer Landwirtschaft (im Uhrzeigersinn, von oben links): Der Appenzeller Senn Ruedi Manser; Salome Wölke Zellweger, Thurgauer Apfelkönigin des Jahres 2004; der Schweinezüchter Ueli Koller aus Oppikon TG und der Aargauer Zuckerrübenbauer Ernst Baumann. (Bilder: Markus Bühler-Rasom)