Die Fernsehrichter sind nicht mehr populär

Heute urteilt auf Sat.1 zum letzten Mal Richter Alexander Hold. Sieht man von Wiederholungen ab, ist dies das Ende der Gerichtsshows am deutschen Privat-TV.

Stefan Kleiser
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Alexander Hold, TV-Richter. (Bild: sat1)

Alexander Hold, TV-Richter. (Bild: sat1)

Hat der Kleinkriminelle Leo kaltblütig eine Frau umgebracht? Hat der verheiratete Bürgermeister seine Geliebte ermordet? Hat die überforderte Astrid das Haus des Schwiegervaters angezündet? Und hat die Fussballerin Sonja den Trainer mit Elektroschocks drangsaliert, weil der die Mädchen unter der Dusche fotografiert hatte? Schliesslich: Hat Sänger Ron die Tochter einer Musikproduzentin im Proberaum eingesperrt?

Diese fünf Straffälle verhandelte der 50jährige Alexander Hold, ein früherer Staatsanwalt und Strafrichter in Kempten, letzte Woche. Im Fernsehen, in der Gerichtsshow «Richter Alexander Hold».

Am Anfang: Das Fernsehgericht

Mehr als 2000mal richtete Hold über schreiende Angeklagte, beruhigte weinende Zeugen, redete lügenden Menschen ins Gewissen oder solchen, die nicht mit der ganzen Wahrheit herausrückten. In frei erfundenen Stücken, denn filmen im Gerichtssaal bei schweren Vergehen, das ist verboten. Aber: Heute Dienstag läuft die letzte neue Folge. Danach gibt es Wiederholungen «bis ungefähr im März», wie es auf Nachfrage bei Sat.1 heisst. Dann ist die letzte verbliebene Gerichtsshow im deutschen Fernsehen Geschichte.

1961 strahlte die ARD erstmals «Das Fernsehgericht tagt» aus. Das ZDF hatte ab 1970 dreissig Jahre lang «Ehen vor Gericht» im Programm, von 1974/1975 bis 2000 «Wie würden Sie entscheiden?», von 1983 bis 2001 das «Verkehrsgericht». Doch richtig losgegangen mit Gerichtsshows ist es erst 1999. Damals kündigte Sat.1 an, in der neuen Show «Richterin Barbara Salesch» echte Fälle vor einem Schiedsgericht verhandeln zu lassen.

Raab macht Salesch bekannt

Am 27. September 1999 um 18 Uhr ging Barbara Salesch, die ihren Job als vorsitzende Richterin am Landesgericht Hamburg für das Fernsehen auf Eis legte, erstmals auf Sendung. Mit bloss einstelligen Marktanteilen in der Zielgruppe. Doch einen Monat später war das Format in aller Munde. Weil TV-Barde Stefan Raab ein Zitat aus einem Nachbarschaftsstreit über einen Knallerbsenstrauch, bei Salesch zu sehen gewesen am 12. Oktober 1999, in einen Song zimmerte, der sich über eine Million Mal verkaufte («Maschendrahtzaun»).

Nach einem Jahr zog Sat.1 Barbara Salesch auf 15 Uhr vor und drehte fiktive Fälle mit Laiendarstellern. Auf Anhieb war die Quote zweistellig. Der Höchstzuspruch vom 13. März 2002: 35,7 Prozent Markanteil bei den 14- bis 49-Jährigen. Zu diesem Zeitpunkt war mit Alexander Hold schon ein zweiter Richter auf dem Sender. Gestartet war er im November 2001 mit einem hehren Vorsatz: «Wie ein faires Verfahren aussieht, das zu zeigen, und zwar unterhaltend und ganz ohne erhobenen Zeigefinger, darauf freue ich mich am meisten», liess er sich von Sat.1 zitieren.

Dramaturgie wie im Krimi

Bis zu fünf Gerichtsshows bevölkerten die Nachmittagsprogamme von Sat.1 und RTL und ersetzten dort die täglichen Talkshows. Ihr Reiz? Die Spannung! «Richter Alexander Hold» hat die Dramaturgie eines Krimis. Zu Beginn der Tote, der Verletzte, der Gestalkte. Dann der Mann oder die Frau, die sagt: «Ich war's nicht!» Dann ein belastender Zeuge. Die Umfelderweiterung. Der Zeuge, der allem die Wende gibt – oder dessen Aussage den Angeklagten einknicken lässt. Und zum Abschluss die Belehrung durch Alexander Hold.

Ende in Etappen

Doch mit den vielen Jahren nahm die Zahl der Zuschauer ab. RTL stellte «Das Jugendgericht», «Das Familiengericht» und «Das Strafgericht» 2007 und 2008 wieder ein. Im Frühling 2012 nahm Sat.1 Barbara Salesch vom Sender. Nun trifft es auch den letzten.

Allerdings: «Alexander Hold wird prominentes Sat.1-Gesicht bleiben», sagt Sat.1-Sprecherin Diana Schardt. «Wir arbeiten bereits an neuen Programmideen.»