Die Entgifter von Wimmis

Die amerikanische Entwicklungsagentur USAid finanziert die Säuberung der Schäden, die in Vietnam durch Agent Orange entstanden sind. Eine Schweizer Firma baut die Dioxin-Giftkohle ab.

Peter Jaeggi
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Ein Mitarbeiter der Firma Batrec kontrolliert im bernischen Wimmis in Schutzkleidung den Verbrennungsprozess der dioxinhaltigen Giftkohle. (Bild: Peter Jaeggi)

Ein Mitarbeiter der Firma Batrec kontrolliert im bernischen Wimmis in Schutzkleidung den Verbrennungsprozess der dioxinhaltigen Giftkohle. (Bild: Peter Jaeggi)

Peter Jaeggi

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@tagblatt.ch

Stumm und bewegungslos liegt der 35-jährige Tran Duc völlig ­gelähmt auf dem Bett. Im Nebenzimmer seine Schwester Tran Thi Nga, die kaum sprechen kann. Ihr Vater kam im Krieg mit Agent Orange in Kontakt. Das darin enthaltene hochgiftige Dioxin TCDD schädigte seine Gene und später jene seiner Kinder.

Wir sind im tropischen, zentralvietnamesischen Da Nang. Hier lag während des Vietnamkrieges der grösste amerikanische Luftwaffenstützpunkt und von hier aus starteten die meisten Agent-Orange-Sprühflüge. Beim Beladen der Herbizide versickerten grosse Mengen des Giftes im Boden. Am Ende war die Erde derart mit Dioxin kontaminiert, dass es via Trinkwasser, Fische und Enten ins Essen der Menschen gelangte und sich teilweise noch immer in den Nahrungsketten befindet. Die beiden schwer behinderten Kinder gehören zu den rund fünftausend Opfern, die laut der örtlichen Opferhilfeorganisation allein in dieser Region an den Spätfolgen der Agent-Orange-Einsätze leiden.

Heute ist der ehemalige US-Air-Force-Stützpunkt ein Passagierflughafen. Jetzt türmen sich dort 8000 riesige Betonklötze zu einem einfamilienhaushohen Ofen. Darin wird die vergiftete Erde erhitzt – hohe Temperaturen machen Dioxine unschädlich. Die etwa hundert Millionen Franken teure Säuberungsaktion wird hauptsächlich von der staatlichen amerikanischen Entwicklungsagentur USAid finanziert.

Das Schwierigste ist die Transportbewilligung

Im Monsterofen von Da Nang entgiften Aktivkohlefilter die ­entstehenden kontaminierten Dämpfe. 300 Tonnen dieser Giftkohle liegen nun im Berner Oberland, in Wimmis in der Firma Batrec, spezialisiert auf die Entsorgung hochgiftiger Abfälle. Ein Containerschiff transportierte 13 grosse Container voll dieser Aktivkohle in einer sechswöchigen Reise von Vietnam nach Rotterdam. Und von dort über den Rhein nach Basel und dann mit Lastwagen nach Wimmis. Batrec-Geschäftsführer Dieter Offenthaler erzählt, das Aufwendigste an der ganzen Prozedur sei nicht die Dioxinvernichtung, sondern die Transportbewilligung. Neben dem technologischen Know-how seien es auch diese spezialisierten logistischen Kenntnisse, die die USA und Vietnam dazu gebracht hätten, die Aktivkohle in die Schweiz zu bringen. Ein halbes Jahr hätten die Bewilligungsverfahren gedauert, sagt Offenthaler. «Allein die Erlaubnis für den 15-Minuten-Weg vom Flughafen Da Nang bis zum Hafen brauchte einen Monat.» Das Unternehmen, das er leitet, war einst eine Schweizer Firma und gehört seit 2005 zur französischen Veolia-Gruppe. In rund 75 Ländern tätig und mit einem Jahresumsatz von 25 Milliarden Franken ist es der weltgrösste Umwelttechnik-Konzern.

Was für den Laien nach einem Gewirr von Kesseln, Säcken, Rohren und Geländern ausschaut, ist in Wahrheit eine Art raffiniertes Hochtemperaturofen-System. Es ist heiss und laut in der hohen Fabrikhalle. Ein einziger Mitarbeiter, geschützt mit Maske samt Atemgerät, bedient die Anlage. In der Luft feinster Kohlestaub.

Im Schnitt eine halbe Stunde dauert es, bis bei 850 bis 900 Grad Celsius eine Ofenladung behandelt und das Dioxin verdampft ist. Die Dämpfe gelangen in eine Nachverbrennungskammer und dort erst werden die Dioxinmoleküle bei 1200 Grad in ihre Einzelteile zerlegt und zerstört. «Nach der Nachbrennkammer wird der Dampf von 1200 Grad auf 30 Grad abgeschreckt. Durch dieses Abschrecken verhindert man, dass sich Dioxine neu bilden können», erklärt Dieter Offenthaler.

Ursprünglich hätte die «Vietnamkohle» verbrannt werden sollen. Dann erfuhren die Verantwortlichen von der Firma in Wimmis, eine der weltweit wenigen, die Aktivkohle von Dioxinen befreien kann. Und zwar so gründlich, dass sie nachher wieder verwendbar ist. Zudem, so vermutet Dieter Offenthaler, sei dieses Recycling billiger als eine Verbrennung. Die 300 Tonnen zu reinigen kostet rund eine halbe Million Franken, die von den USA bezahlt werden. Die saubere Aktivkohle kommt später zum Beispiel in Abwasser- und Abgasbereichen wieder zum Einsatz.

Die aus Kokosnussschalen hergestellte Aktivkohle hat einen Dioxingehalt, der den zulässigen Grenzwert um das Zweihundertfache überschreitet. Aktivkohle ist eine Art Zaubermittel. Fast unglaublich: Ein einziges Gramm dieses sehr porösen Materials habe eine Oberfläche von bis zu zweitausend Quadratmetern, sagt Dieter Offenthaler. Drauf werden Schadstoffe, wie Dioxine gebunden, sie docken an.

Weitere 350 Tonnen werden folgen

Am Ende des Prozesses bleibe lediglich Kohlendioxid übrig. Trotzdem sei die Ökobilanz positiv. «Bei der Alternative Sondermüllverbrennungsanlage wäre die gesamte Kohle in CO2 umgewandelt worden. Bei uns wird bei der thermischen Behandlung nur ein Bruchteil davon zerstört und verbrannt. Über 95 Prozent der Kohle bleiben erhalten. Das bedeutet: Unser CO2-Ausstoss ist minimal im Vergleich zur Hochtemperaturverbrennung.»

Im Laufe dieses Jahres werden in Wimmis weitere 350 Tonnen hochgiftige Aktivkohle aus Da Nang erwartet. Zwar ist es in Vietnam gelungen, Bakterien zu züchten, die Dioxine vernichten. Ob es allerdings je gelingen wird, auf biologischem Weg grossen Mengen beizukommen, ist ungewiss. Und so wird in Wimmis vielleicht noch mehr Kohle eintreffen. Denn in Vietnam gibt es rund dreissig weitere mit Agent Orange vergiftete Hotspots.