Die Einsamkeit nach der Geburt

Buch der Woche

Bernadette Conrad
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Die Amerikanerin Elisa Albert nimmt kein Blatt vor den Mund.Ariella sitzt im Café und stillt. Das Kind ist nicht mehr so ganz klein. Eine ältere Dame sagt in zuckersüssem Ton: «Sie können das schon machen, aber seien Sie drauf gefasst, dass Sie ihm einen Schaden fürs Leben zufügen.» Ariella genauso zuckersüss: «Ach, das macht nix, ist eh nicht mein Kind.» Zwischen Komik, Wut und Verzweiflung spielen eine ganze Menge der Szenen, die Elisa Albert, 38, in ihrem Roman «Einschnitt» erzählt. Der Kaiserschnitt verstört Ariella nicht nur zutiefst, sondern hat sie in eine Depression und Selbstentfremdung von solchem Ausmass geschleudert, dass sie erst mal nicht zurückfindet in ihr Leben.Und so schimpft sie auf die ganze Maschinerie der Geburtsmedizin, auf sich selbst, die sich nicht gegen den Kaiserschnitt gewehrt hat, ihren Mann, ihre Freundinnen, auf die tote Mutter, die noch aus dem Jenseits entmutigende Sätze einflüstert. Sie beklagt die Inkompetenz der modernen Menschheit: Wie kann es sein, dass wir Fortschrittsmenschen unser existenzielles Wissen über so entscheidende Themen wie Geburt verloren haben – und nicht mal eine Verlustmeldung an die nächste Generation Frauen weitergeben? Dabei ist Ariellas Lage alles andere als schlecht: Glücklich mit Paul liiert, leben die beiden in einer Stadt am Hudson. Er arbeitet am College, sie kämpft mit ihrer Dissertation.

Kaum ist das Baby da, geht nichts mehr, bis die Lösung in Gestalt einer coolen feministischen Dozentin und früheren Bandsängerin daherkommt. Diese Mina, obwohl hoch in den 40ern, hat auch gerade ein Kind bekommen. Die beiden Frauen finden einander in ihrer Ratlosigkeit, sie werden ­füreinander jene stärkenden Schwestern, die sie nie hatten. Als es Mina nicht gelingt, ihr Kind satt zu kriegen, legt Ariella ihn an die Brust. All das erinnert an die frauenbewegten Seventies und ihren Geist von Solidarität und offensiver Körperlichkeit. Aber es kommt alles andere als sanft-nostalgisch daher. Alberts Sprache ist deftig und witzig, scheut auch vor vulgären Ausdrücken nicht zurück, bleibt aber fokussiert auf den erhellenden Gedanken, den grösseren Zusammenhang.

Etliche neuere Bücher kreisen um das Bekenntnis, dass Mutterschaft keineswegs nur das reine Glück ist. Nicht selten fällt eine Frau in Depressionen, bereut es sogar, Mutter geworden zu sein – tabuisierte Zonen, in die sich Autorinnen nun hineinwagen. Elisa Alberts Fokus, die Kaiserschnittgeburt, ist dazu angetan, Schuld- und Schamgefühle auszulösen: Ob man die natürliche Geburt bewusst meidet; ihr nicht gewachsen ist oder ob man schlicht mit den Konsequenzen des Geburtserlebnisses nicht fertig wird; als Frau kann man sich mit diesen Erfahrungen mutterseelenallein fühlen. Wenn jemand so offen, provokativ, aber auch mit Witz und frischen Gedanken die Scham löst, ist dies ein literarisches wie geistiges Erlebnis.

Bernadette Conrad