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Die einsame Fashionista

Mehr als 300 Couture-Kleider hinterliess Eva Margarita Hatschek der Swiss Textile Collection, die zurzeit in Rorschach gastiert. Doch wer war diese promovierte Chemikerin, die viele ihrer Kleider selten oder nie trug?
Katja Fischer De Santi
Ein Bild aus glücklichen Tagen: Eternit-Erbe Fritz Hatschek und Eva Margarita Hatschek 1951 am Opernball in Wien. (Bilder: PD)

Ein Bild aus glücklichen Tagen: Eternit-Erbe Fritz Hatschek und Eva Margarita Hatschek 1951 am Opernball in Wien. (Bilder: PD)

Als die ehemalige Milliardärsgattin Eva Margarita Hatschek 2010 starb, lagerten in ihrer Zürcher Wohnung Hunderte kostbare Haute-Couture-Kleider. Sämtliche Räume waren vollgestellt. Ihre Kleidersammlung füllte gar noch zwei zusätzlich angemietete Depots. Nicht wenige dieser auf ihren schlanken Körper geschneiderten Kostüme waren noch originalverpackt.

Kleider gesammelt wie andere Briefmarken

Eva Margarita Hatscheks Kleider kann heute jeder bestaunen. Ein kleiner Teil ihrer textilen Hinterlassenschaft ist zurzeit in der Galerie Würth in Rorschach ausgestellt. Der Rest lagerte bis 2014 im Rorschacher Kornhaus, bis ein gefrässiger Käfer die Swiss Textile Collection zum Auszug nach Murg zwang. Wer immer die Kostüme bestaunt, fragt sich unweigerlich: Wer war diese Frau? Die da streng, stets ein wenig melancholisch in ihren neusten Kreationen posiert? Warum hat sie Kleider gesammelt wie andere Briefmarken?

Die freischaffend tätige Soziologin und HSG-Privatdozentin Monika Kritzmöller ist dieser Frage nachgegangen. Ihrer Recherche ist das kürzlich präsentierte Buch «Evita» entsprungen. Wer die Gattin des österreichischen Eternit-Unternehmers Fritz Hatschek nun wirklich war, darauf findet das Buch keine schlüssige Antwort. Zielsetzung sei auch keine klassische Biographie, sondern eine modische Soziographie gewesen, erklärt Monika Kritzmöller während eines Gesprächs in ihrer St. Galler Wohnung. Sie habe es nicht als ihre Aufgabe verstanden, das Privatleben dieser an sich scheuen Person an die Öffentlichkeit zu zerren, sondern die vielfältigen Hintergründe ihrer Mode aufzuzeigen. «Zumal das ein eher unspektakuläres Leben war.» Entstanden ist so eine amüsant wie lehrreich zu lesende Verflechtung von Lebensgeschichte, Zeitgeist, Designermode, Textilherstellern und Frauenbild. Zwischen den Zeilen ist es aber vor allem die Geschichte einer Frau, gefangen in einem Umfeld, das ihr keine andere Rolle beimass, als jene der Hausfrau und Begleitdame.

Chemiestudentin an der ETH

Dabei hatte alles vielversprechend angefangen. Eva Margarita Steiner, gutbürgerlich aufgewachsen in Zürich, begann 1945 ein Chemiestudium an der ETH, als eine von nur 20 Frauen unter 500 Männern. Mit Kochen und Nähen konnte sie schon in der Schule nichts anfangen. In den naturwissenschaftlichen Fächern hingegen brillierte sie. «Nicht unbedingt zur Freude ihrer konservativen Professoren», wie Monika Kritzmöller vermutet. «Die Prüfungen sind mir ein Graus und die Prüfer mit ihrer ignoranten Frauenfeindlichkeit ohnehin», lässt Kritzmöller Eva Margarita in einem fiktiven Modeblog notieren. Ein Kniff, denn ausser ihrer Kleider hat Eva Margarita Hatschek der Nachwelt kaum etwas hinterlassen. Keine Briefe, keine Tagebücher, keine engen Freunde, die es zu befragen gab. Nur eine sehr zurückgezogen lebende Tochter. Diese Andrea Hatschek war es denn auch, die das Buch überhaupt ermöglicht hat.

Ein weiterer Blogeintrag thematisiert die Begegnung mit dem «attraktiven und aus vermögendem Haus stammenden» Fritz Hatschek. Es folgt die Hochzeit nach Abschluss ihrer beiden Studien. Sie zieht mit ihrem Fritz ins beschauliche Vöcklabruck, dem Hauptsitz des Eternit-Unternehmens und freut sich auf ein «wunderbares Leben». Es kommt anders. Im kleinen österreichischen Dorf ist in den 50er-Jahren kein Platz für Selbständigkeit und modischen Wagemut. Die Schwiegermutter wird nicht müde, die junge Frau an ihre Pflichten zu erinnern. Evita nutzt die vielen Empfänge und Reisen ihre Mannes als Bühne, um ihre Kleider zu präsentieren. Diese liess sie sich von Anbeginn weg ausschliesslich von der Zürcher Haute-Couture-Schneiderin Paula Winteler anfertigen. Winteler sei während 50 Jahren die wichtigste Konstante in ihrem Leben gewesen. «Die Anproben in ihrem Atelier wurden zusehends wichtiger als die Kostüme selbst», sagt Monika Kritzmöller.

Umso mehr als Evita nach der Scheidung von Fritz Hatschek im Jahr 1967 nach Zürich zurück kehrte. Als geschiedene Frau fand sie in der Zürcher Gesellschaft offenbar keinen Anschluss mehr. Die Anlässe, an denen sie sich mit ihren extravaganten Kreationen von Hubert de Givenchy zeigte, wurden weniger. Paula Wintelers Atelier wurde zu ihrer einzigen Bühne. Davon zeugen die vielen Fotografien aus dem Atelier. «Heute macht jeder Selfies, präsentieren junge Frauen im Internet stolz ihre neue Garderobe», sagt Kritzmöller. Die Soziologin ist überzeugt: würde Evita heute leben, sie wäre eine gefeierte Bloggerin. Eine Fashionista, deren Stil viele nacheifern würden. Doch damals machte Eva Margarita Hatscheks Schönheit und Extravaganz sie einsam. Die Rolle als Ehe- und Hausfrau wollte ihr nicht gefallen, eine andere hat sie für sich nicht gefunden.

Selbstbildnis im Zürcher Atelier ihrer Schneiderin.

Selbstbildnis im Zürcher Atelier ihrer Schneiderin.

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