Die Ehe lebt von Enttäuschungen

Alain de Botton schreibt dort weiter, wo romantische Kinokomödien abblenden. Sein neues Buch «Der Lauf der Liebe» plädiert für eine strapazierfähige Partnerschaft ohne falsche Illusionen.

Bettina Kugler
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Glücklich mit der Falschen verheiratet: Alain de Botton. Bild: Carlo Osorio/Getty (Toronto, 29. April 2014) (Bild: Carlos Osorio (Toronto Star))

Glücklich mit der Falschen verheiratet: Alain de Botton. Bild: Carlo Osorio/Getty (Toronto, 29. April 2014) (Bild: Carlos Osorio (Toronto Star))

Morgens beim Zähneputzen ahnen Kirsten und Rabih noch nicht, dass dieser Tag ihr Leben verändern wird. Ausgerechnet an einem Kreisel auf der A720 von Edinburgh in Richtung Süden treffen sie zusammen. Es ist ein völlig unromantischer Diensttermin; Rabih, mässig erfolgreicher Mitarbeiter eines Büros für Stadtentwicklung, nimmt ihn nicht gerade begeistert wahr. Doch an Ort und Stelle wartet sie: die Frau seines Lebens. Sie trägt Warnschutzjacke, schwere Gummistiefel und einen Sicherheitshelm, und es dauert nicht lange, bis Rabih klar wird, dass er sie wiedersehen will. Tag für Tag. Möglichst schon vor dem Zähneputzen.

Wir sehnen uns nach Seelenverwandtschaft

Es könnte ein Drehbuch sein für eine romantische Komödie, besetzt mit Hugh Grant und Julia Roberts oder mit Meg Ryan und Tom Hanks. Dann gäbe es nach diesem «heiligen Anfang», wie Alain de Botton es nennt, rund neunzig Minuten lang ein paar Hindernisse und Missverständnisse, die dem perfekten Glück im Wege stehen – den ganzen Rest aber, die Details ihres künftigen Ehelebens, wollen wir, Hand aufs Herz, lieber nicht wissen. Ein Fehler, findet der britisch-schweizerische Bestsellerautor und Gründer des Coaching-Unternehmens «School of Life». «Was wir Liebe nennen, ist normalerweise nur der Anfang», schreibt er. Diesem Zauber, so seine feste Überzeugung, schenken wir zu viel Aufmerksamkeit.

Rabih geht es nicht anders. So nüchtern und vernünftig er sonst im Leben steht, tief im Herzen ist er Romantiker. Er sehnt sich nach der einen grossen, wahren Liebe, nach der Begegnung mit der Seelenverwandten, die «eine umfassende Antwort auf die unausgesprochenen Fragen des Daseins bereithält». Kirsten wird das nicht schaffen können. Beide dürfen zwar die Verliebtheit auskosten und sich mit romantischer Verwegenheit ins Abenteuer Ehe stürzen. Aber den grössten Teil des Buchs nimmt ihre Landung in der Wirklichkeit ein. Teil des Trainingsprogramms ist es denn auch, die Gattungsbezeichnung «Roman» ironisch zu lesen. Denn de Botton ist sehr daran gelegen, uns diesbezüglich ein paar liebgewordene Flausen auszutreiben.

Es mag ein wenig abgegriffen wirken, wenn der eheliche Enttäuschungsmarathon ausgerechnet bei Ikea beginnt und mit der heiklen Frage, ob Rabih und Kirsten ihr Wasser künftig aus Gläsern namens «Fabulös» trinken wollen. Oder ob die schlichteren, Typ «Godis», nicht doch besser zum Küchentisch passen würden.

Doch de Botton lässt seine lebensnah geratenen Figuren nicht hilflos zappeln. Elegant wechselt er zwischen Erzählung und Analyse; wie ein Kommentator steht er im Hintergrund und mischt sich ein, führt das Paar aus dem «Roman» ins Leben – wo sie lernen müssen, «dass die Liebe keine Schwärmerei ist, sondern eine Kunst». Eine Kunst freilich, die eine Menge Arbeit macht. Und oft banaler ist, als wir es gerne hätten.

Der alltägliche Beziehungswahnsinn nimmt in der Geschichte von Rabih und Kirsten breiten Raum ein: ihre unterschiedlichen Vorstellungen von Pünktlichkeit. Sein Ordnungsfimmel, ihre Lässigkeit. Ihre erdrückende Souveränität in Alltagsdingen, seine verkrampfte Art. Dass sie zwei wunderbare Kinder bekommen, macht ihr Zusammenleben nicht leichter. Ein Seitensprung seinerseits ebenfalls nicht. Wie fast alle Paare beschleicht beide irgendwann die Ahnung, sich grundfalsch gebunden zu haben. Richtig, sagt Alain de Botton; es muss so weit kommen. «Sich für die Ehe zu entscheiden, ist eher eine Frage, welche Art von Leiden wir aushalten wollen.»

Keine «Vernunftehe» – aber eine mit Verstand

Denn einer kann unmöglich alles für den anderen werden. Dass wir dies in einer Liebesbeziehung ersehnen, ist historisch eher neu: In früheren Jahrhunderten wurde «aus logischen Gründen» geheiratet: «Weil ihr Land an seines grenzte, weil seine Familie ein florierendes Getreideunternehmen hatte, oder weil die jeweiligen Eltern sich derselben Vorstellung einer Heiligen Schrift verpflichtet fühlten.» Die Liebesehe war dazu der grosse romantische Gegenentwurf. Der Haken daran: Man lernt einander nirgends so gut kennen wie in einer auf Nähe und Verständnis ausgerichteten Ehe.

Das setzt Mut voraus, Offenheit, Empathie. Kann man alles lernen, beruhigt de Botton. Zum Glück – wenn man sich auf Enttäuschungen einlässt.

Alain de Botton: Der Lauf der Liebe, S. Fischer 2016, 286 S., Fr. 22.30. – Alain de Botton liest am 26.9., 19 Uhr, im Kaufleuten Zürich