Die Dinge haben uns fest im Griff

In der europäischen Kunstmusik nach 1945 vollzog sich die radikale Ablösung von der Tonalität.

Drucken
Teilen
Alfons K. Zwicker, Komponist: «Der Schönheitsbegriff nivelliert sich.» (Bild: Luca Linder)

Alfons K. Zwicker, Komponist: «Der Schönheitsbegriff nivelliert sich.» (Bild: Luca Linder)

In der europäischen Kunstmusik nach 1945 vollzog sich die radikale Ablösung von der Tonalität. Das Komponieren wurde geprägt von einem enormen Nachholbedürfnis zum Neuen, von technikgläubiger Zuversicht und der Negation des Schönheitsbegriffs – verursacht durch den Zusammenbruch von Wertvorstellungen nach dem Krieg. Die reine Klanggestaltung stand im Zentrum; immer neue Parameter wurden aufgenommen.

Das System der 12-Ton-Musik kann man als letzten Versuch sehen, eine neue, global gültige Theorie für die Musik der Zukunft zu etablieren. Diese Theorie aber ist aufgrund ihrer streng perspektivischen Struktur dazu verurteilt, sich aus sich selbst heraus zu erschöpfen.

Musikstile zur freien Verfügung

Die 12-Ton-Musik stellt zugleich einen Höhepunkt und ein Ende dar. Etwas später, in ähnlicher Weise, erschuf Olivier Messiaen für seine geistige, religiöse Welt ein autonomes Theorie-System. Messiaen hatte nicht den Anspruch auf eine weltweite Etablierung seiner Theorie. Dem System haftet durchaus etwas Privates an; der Schönheitsbegriff gewinnt an Bedeutung.

Heute sieht es nochmals ganz anders aus. Bach, Jazz, Avantgarde, Folklore, Pop, Elektronik, Weltmusik, Crossover und Klassik – all diese stilistischen Formen und viele mehr stehen zur freien Verfügung. Diese Vermischung, man könnte sagen, diese Polygamie der Verwendungen prägt den sich immer mehr nivellierenden Schönheitsbegriff und zeigt zugleich deutlich, dass die Dinge den Menschen fest im Griff haben und nicht, wie irrtümlicherweise angenommen, der Mensch die Dinge.

Missbrauch an Kultur und Kunst

Ob der Schönheitsbegriff in der zeitgenössischen Musik taugt, muss durch eine verantwortungsvolle Reflexion an der Vielgestaltigkeit der Welt herausgeschält werden. Dies ist die neue, grosse Herausforderung. Wer sich als Komponist auf Schönheit beruft und die Widersprüchlichkeit der Welt ausblendet, missbraucht Kultur und Kunst. Sie verbreiten dann falsche Versprechungen.

Was will ich ausdrücken?

Die Selektionsphase hin zu einem neuen Werk, das ich gedenke zu komponieren, wird von folgenden Fragen begleitet: Warum? – Sozialer Hintergrund? – Was will ich ausdrücken? – Wie und mit welchen Mitteln? – Diese Abklärungen prägen durch bewusste Entscheidungen den Schönheitsbegriff bereits in einer frühen Phase mit. Aber nur für dieses eine Stück! Die Zeiten eines sich auf lange Zeit bewährenden Schönheitsbegriffs sind endgültig vorbei.

Wenn in meiner Oper «Der Tod und das Mädchen» Folter im Zentrum steht, gaben inhaltliche Grössen das ästhetische Konzept vor. Wenn ich nun aber eine Oper schreibe, deren zentrales Thema die Versöhnung zwischen Opfer und Täter durch Musik ist (und die Frage, ob man ein durch Gewalt früh verhindertes Leben im Tode nachholen kann), taugt das alte, bewährte Konzept für die neuen Inhalte gar nichts. Alfons K. Zwicker

Aktuelle Nachrichten