Die Deutschen und ihre Autos

FRANKFURT. Deutschland ist das Land der freien Fahrt und der Autos – das zeigen die deutschen Hersteller an der soeben eröffneten grössten Automesse der Welt, der IAA in Frankfurt, ohne Scheu und mit grossem Selbstbewusstsein in gigantischen Hallen.

Bruno Knellwolf
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Dieter Zetsche steht vor dem ältesten und dem neuesten «Benz-Auto». (Bild: ky)

Dieter Zetsche steht vor dem ältesten und dem neuesten «Benz-Auto». (Bild: ky)

An allen Wänden und Säulen Frankfurts hängen die Wahlplakate für die Bundestagswahl. «Die Partei» findet sich gut, hat aber kein politisches Programm vorzuweisen. Die «Linke» dagegen schon, wie auf einem Frankfurter Regionalsender zu sehen ist. Die Linke will ein Tempolimit 120 auf deutschen Autobahnen einführen. Ob die Partei damit punkten wird, ist im Land der Autos allerdings zweifelhaft.

Denn Deutschland ist nicht nur das Land der «freien Fahrt» und unendlichen Autobahnen. Die Autoindustrie ist von enormer Bedeutung und wer das vor Augen geführt haben will, sollte sich in der grössten Automesse der Welt, der IAA, der 65. Internationalen Automobil-Ausstellung in Frankfurt umsehen, die noch bis zum 22. September dauert.

Wer sich lediglich an die Dimensionen des Genfer Autosalons gewohnt ist, wird sich ob des Gigantismus, wie er hier in Frankfurt präsentiert wird, die Augen reiben.

Jeder Marke ihre Riesenhalle

Die deutschen Autohersteller reihen sich hier nicht Stand an Stand. Nein, Mercedes, Audi, Volkswagen und BMW haben eigene riesige Hallen, in denen sie nur ihre eigenen Fahrzeuge ausstellen. Und wie. Mercedes-Benz lädt für die Präsentation seiner Weltneuheiten in die Festhalle, die beim Auftritt von Mercedes-Chef Dieter Zetsche mehr als gerammelt voll ist. Wie in einem Fussballstadion drängen sich die Menschen auf drei Etagen. «6500 Leute passen hier rein», sagt eine Mercedes-Angestellte. Die Musik spielt laut und der Mann mit dem grossen Schnauzer hat seinen grossen Auftritt.

Als Weltpremiere fährt der GLA auf die lange Bühne, der jüngste Familienzuwachs, den Zetsche mit dem der Windsors in England vergleicht. «Genau wie bei Kate und William hat es auch bei uns etwas länger gedauert. Dafür ist die Freude umso grösser.» Nun lobt er sein Baby in allen Tönen, spricht stolz von den weltweiten Zuwachsraten seiner Marke, von seinem erhöhten Pulsschlag, wenn er sich die Absatzzahlen ansehe.

Zetsches neue Klasse

Mit seinem Baby hat er eine neue Klasse im Mercedes-Reich geschaffen – die GLA-Klasse. Ein kompakter kleinerer SUV, wie ihn andere Marken schon länger mit Erfolg verkaufen. Nun allerdings will Zetsche diesen Markt aufrollen, weil Mercedes «die echten Bergstiefel unter den Geländewagen» schon lange im Repertoire habe: Mercedes GL, ML und GKL. Davon werde man nun profitieren bei der Ergänzung des Programms mit dem neuen GLA.

Zum Staunen: BMW hat in seiner Ausstellungshalle an der IAA in Frankfurt eine Teststrecke eingebaut, auf der das neue Elektroauto i3 auf dem Rundkurs durch die Halle gefahren werden kann. (Bild: ky)

Zum Staunen: BMW hat in seiner Ausstellungshalle an der IAA in Frankfurt eine Teststrecke eingebaut, auf der das neue Elektroauto i3 auf dem Rundkurs durch die Halle gefahren werden kann. (Bild: ky)

Doch der Höhepunkt der Präsentation kommt erst. Während eines Videoeinspielers verschwindet Zetsche und kehrt sozusagen als Fortsetzung des Videos auf dem Rücksitz einer neuen S-Klasse zurück. Ungewöhnlich daran ist, dass niemand auf dem Fahrersitz sitzt. Das Auto fährt von selbst mit einem Autopiloten.

Ein Auto ohne Fahrer

«Mercedes-Benz hat als erster Automobilhersteller den Beweis erbracht, dass autonomes Fahren nicht nur auf Autobahnen und abgesperrten Teststrecken möglich ist, sondern auch im realen Verkehrsgeschehen», sagt Zetsche, dem Auto wieder entstiegen. Eigenlob gehört zum Geschäft, wie sich bei den weiteren Präsentationen noch zeigen wird.

Jetzt hat Zetsche allerdings noch einen Trumpf im Ärmel, denn «Mercedes-Benz hat das Auto erfunden». Und deshalb erinnert er mit Genuss an Bertha Benz, die vor 125 Jahren mit dem Wagen ihres Mannes Carl die erste Autofahrt der Welt gemacht hat. Nun hat Zetsche einen «S 500 intelligent drive» mit acht Radarsystemen und drei Kameras an Bord, welche ihre Daten auf einer digitalen Karte abgleichen, auf die Teststrecke geschickt – ohne Fahrer. «Das Auto hält vor Zebrastreifen, nimmt die richtige Ausfahrt beim Kreisel, fährt durch Mannheim und Heidelberg wie Bertha Benz, ohne dass ein Fahrer eingreifen muss», erzählt Zetsche. Wie vor 125 Jahren die Fahrt von Bertha Benz sei dies ein Aufbruch in eine neue Ära. Er spricht von Autos, die beim Kinobesuch selbst ins Parkhaus fahren, mit Sensoren, die jetzt schon serienmässig in der neuen S-Klasse eingebaut seien. «Das Auto und der Computer sind zwei Erfindungen aus Deutschland, welche die Mobilität nochmals revolutionieren werden».

Mit Naturstrom unterwegs

Ermattet von dieser automobilen Wucht an Innovation und Eigenlob, geht es ab in die nächste Halle, in der Audi die Welt auf den Kopf gestellt hat. Die Wolkenkratzer hängen an der Decke und unten werden unter den Augen von Volkswagen-Grössen wie Martin Winterkorn, Ferdinand Piech und Wolfgang Porsche die neuen Autos vorgeführt. Nichts weniger als die ausgeführte Energiewende im Auto wird verkündet, weil der Audi A3 e-tron mit einem künstlichen Gas unterwegs ist, das aus Naturstrom hergestellt werde, wie Audi-Technikchef Ulrich Hackenberg erklärt. Zu sehen gibt es zudem «das beste Licht der Welt» im Audi A8, eine Matrix-LED, die überall hin leuchtet, ohne jemanden zu blenden.

Teststrecke in der BMW-Halle

Wer nun glaubt, grösser ginge nicht mehr, wird in der Halle 10 bei BMW eines besseren belehrt. Der Münchner Autobauer hat eine 280 Meter lange Teststrecke in die Halle eingebaut, auf der die Besucher mit dem neuen BMW i3 mit Elektromotor und Karbonteilen fahren dürfen. Unter und neben der Teststrecke stehen der neue BMW X5, auch mit Plug-in-Hybrid, wie der neue Sportwagen i8, der ebenfalls teilelektrisch unterwegs ist.

Bleibt unter den grossen drei Deutschen noch Volkswagen, das in seiner Halle den Platz mit den Konzernmarken teilen muss: Also mit Seat, Skoda, Porsche, Bentley, Lamborghini und Bugatti. Dessen Chef Martin Winterkorn will bis 2018 die Nummer 1 der Welt werden. Und auf diesem Weg will sich der Konzern als führender Anbieter elektrischer Mobilität etablieren. «Jetzt ist die Zeit reif», sagt Winterkorn und lässt den Golf und den Up mit E-Motor auf die Bühne surren. Neben diesen reinen Elektroautos will Winterkorn zudem mehrere Plug-In-Hybride auf die Strasse bringen, den Porsche Panamera gibt's schon, ein Golf-Hybrid wird kommen.

Alle wollen europäisch sein

Was bleibt bei dieser geballten Kraft der Deutschen für die anderen? Selbstbewusst sind auch die. Hyundai spricht in Frankfurt von einem Heimspiel, weil die neue Europazentrale fünf Kilometer von den Messehallen entfernt ist und der neue i10 ein in Europa entwickeltes und gebautes Auto ist. Volvo zeigt mit einem schönen Concept-Coupé seine neue Strategie. Erstmals ist die Plattform des Autos skalierbar, was den Designern viele Möglichkeiten in der Gestaltung gibt – auch was den neuen XC90 betrifft, der nächstes Jahr kommen soll.

Auch die Amerikaner wollen europäisch sein, wie Cadillac-Chef Clay Dean bei der Präsentation des Elmiray Coupés sagt. Und die gebeutelte Marke Peugeot versprüht Zuversicht und zeigt den neuen 308. Beim Heimspiel der deutschen Platzhirsche haben es die Ausländer allerdings nicht einfach. Denn nirgendwo können die Deutschen so schön protzen wie in Frankfurt.