«Die Chancen sind unbeschränkt»

Mit Papst Franziskus sieht der Schweizer Theologe Hans Küng neue Hoffnungen für die Ökumene. Die katholische Kirche müsse als wichtigen Schritt dazu die Ämter der evangelischen, orthodoxen und anglikanischen Kirchen vollgültig anerkennen.

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«Es hängt davon ab, was Papst Franziskus verwirklichen kann und wie gut er beraten wird»: Der Schweizer Theologe Hans Küng. (Bild: ky/Martin Rütschi)

«Es hängt davon ab, was Papst Franziskus verwirklichen kann und wie gut er beraten wird»: Der Schweizer Theologe Hans Küng. (Bild: ky/Martin Rütschi)

Herr Küng, mit dem letzten Papst Benedikt XVI. standen die ökumenischen Beziehungen unter einem schlechten Stern. Wie ist es allgemein um die Ökumene derzeit bestellt?

Hans Küng: Ich hoffe, dass wir am Ende eines ökumenischen Winters stehen. Mit dem neuen Pontifikat zeichnen sich bereits einige Frühlingslüfte ab. Mit Papst Franziskus ist die Ökumene mit neuen Hoffnungen erfüllt, weil er bereits einige Pflöcke eingeschlagen hat, wie das unter seinem Vorgänger Benedikt XVI. nicht der Fall war.

Noch im Dezember 2012 hatte der Schweizer Kardinal Kurt Koch – er ist Chef des päpstlichen Rates für die Einheit der Kirchen – gefordert, die volle, sichtbare Einheit müsse das Ziel des ökumenischen Gesprächs zwischen Katholiken und Protestanten sein. Herr Küng, was muss Ihrer Meinung nach das Ziel des ökumenischen Gesprächs sein?

Küng: Die volle, sichtbare Einheit meint im Sprachgebrauch der römischen Kurie, dass die Christenheit die Einheit nur findet, wenn auch die anderen Kirchen das Papsttum als solches anerkennen. Das war das Programm von Benedikt XVI. Diese Rückwärtsstrategie ist gescheitert. Die evangelischen Kirchen hat er zurückgestossen durch seine Erklärung, dass sie überhaupt keine Kirchen seien. Mit den Orthodoxen, mit denen Papst Ratzinger ein besonderes Arrangement erreichen wollte, kam es auch zu keiner weiteren ökumenischen Annäherung, und anstatt sich um die Christkatholiken zu kümmern, hat er sich um die Piusbrüder bemüht. Ich kann mir vorstellen, dass ein so kluger Kopf wie Kurt Koch dies eingesehen hat und nun die Chance ergreift, um wieder auf die Intentionen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–1965) zurückzukommen. Das Konzil wollte und will die Erneuerung der Kirche vorantreiben, um zu neuen ökumenischen Perspektiven zu kommen.

Gottfried Locher, Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds SEK, hat kürzlich zur Konzentration auf die interne Ökumene der vielfältigen reformierten Kirchen in der Schweiz aufgerufen. Hat diese Abschottungsstrategie eine Zukunft?

Küng: Ich kann mir gut vorstellen, dass sich Gottfried Locher, der eine eigene klare Sicht hat, durch die neue Situation orientieren lässt. Es reicht nicht aus, sich auf die interne Ökumene zu konzentrieren, übrigens eine Strategie, zu der man sehr oft aus Verzweiflung über die Unbeweglichkeit des römischen Zentrums geradezu genötigt wurde. Eine Abschottungsstrategie hat jedenfalls keine Zukunft. Wir müssen unbedingt dazu kommen, dass wir wieder gemeinsam Tritt fassen können. Dies gilt sowohl im Blick auf die Gläubigen, die sich kritisch von beiden Kirchen abgewendet haben, als auch im Blick auf die Welt, wo beide Kirchen Einfluss verloren haben. Katholische und evangelische Kirche haben allen Grund zusammenzustehen und gemeinsam in die Zukunft zu gehen.

Bereits eine Woche nach seiner Wahl hat Papst Franziskus bei einem Empfang der Repräsentanten der anderen Kirchen erklärt, er wolle die Ökumene unter den Christen und «die Freundschaft und den Respekt» unter den Religionen fördern. Welche Chancen sehen Sie zur Verbesserung des ökumenischen Klimas, die sich mit dem neuen Papst Franziskus nun zu eröffnen scheinen?

Küng: Die Chancen sind unbeschränkt. Das ökumenische Klima ist durch den sehr geglückten Beginn des von der Macht- und Prachtkirche Abstand nehmenden Bischofs von Rom jetzt schon gefördert worden. So hob Franziskus ganz anders als sein Vorgänger Joseph Ratzinger nicht den Jurisdiktionsprimat des Papstes hervor, sondern setzte deutlich bescheidenere Zeichen und verzichtete auf eine Edelstein besetzte Mitra und rote Papstschuhe. Damit zeigt der Bischof von Rom, dass es ihm auf das Evangelium ankommt. Es hängt davon ab, was er verwirklichen kann und wie gut er beraten wird. Er weiss, dass Millionen Katholiken abgewandert sind, weil vielerorts das Gemeindeleben am Boden liegt, die Leute aber einen lebendigen Kontakt haben wollen untereinander, zur Welt, zur Stadt und zu den Stadtvierteln, in denen sie leben, und sie wollen eine lebendige Liturgie. All diese Erfahrungen bringt der argentinische Papst mit, und er wird sie einbringen. Zweitens hat Franziskus Erfahrungen im deutschen Sprachraum gesammelt und weiss daher, dass wir die trennenden, Kirchen spaltenden Erfahrungen des 16. Jahrhunderts endlich hinter uns lassen und gemeinsam die Kirche gestalten wollen.

Welche Reformen kann Franziskus konkret auf den Weg bringen, um katholische und protestantische Kirchen einander näher zu bringen?

Küng: Sicher schwebt dem Papst keine Einheitskirche vor, sondern eine Kirche in versöhnter Verschiedenheit. Es ist nicht notwendig, dass wir alle Elemente der orthodoxen Kirchenlehre in eine Einheitskirche einbringen. Sehr wohl aber müssen alle Exkommunikationen auf Ortskirchenebene aufgehoben werden. Das ist im Blick auf die Ökumene das Wichtigste.

Sehen Sie Möglichkeiten, dass evangelische und katholische Christen gemeinsam Gottesdienst feiern?

Küng: Es wäre nötig, nun zu realisieren, was in vielen ökumenischen Konsensdokumenten bereits beschrieben wurde: die vollgültige Anerkennung der Ämter der evangelischen, orthodoxen und anglikanischen Kirchen durch die katholische Kirche. Auf diese Weise wird eine Abendmahlsgemeinschaft möglich. Wenn diese Einigungsdokumente endlich in die Praxis umgesetzt würden, wären wir einen grossen Schritt weiter in der Ökumene. Dabei ist es nicht nötig, dass sich auf der Stufe der kirchlichen Hierarchien alles umarmt, aber auf Ortsebene muss es möglich werden, dass sich die Menschen umarmen können.

Mit dem Pontifikat von Franziskus sehen Sie tatsächlich Chancen für eine solche ökumenische Zukunft?

Küng: Man muss vorsichtig bleiben, denn auch Papst Franziskus kann die Chancen wie sein Vorgänger vertun. Joseph Ratzinger hat als Tübinger Professor viele Dinge vertreten, die er als Papst vergessen hat. So ist es immer möglich, dass jemand als Papst nicht weitergehen möchte und sich ernsthaften Reformen widersetzt. Wenn sich Franziskus nach dem Evangelium richtet und sich ständig fragt, was würde Jesus in meiner Situation tun, dann denke ich, besteht berechtigte Hoffnung auf ökumenische Fortschritte, auf dass die Christenheit mehr zusammenwächst.

Interview: Wolf Südbeck-Baur

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