Die aufregende Welt der Annalise

«Weiss ich von irgendjemandem, wie er wirklich ist? Ich hoffe, Sie haben Instinkt. Sonst suchen Sie sich die falschen Leute für die Lerngruppe aus oder zum Heiraten», lehrt Annalise Keating die Studenten.

Diana Bula
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Bild: Diana Bula

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«Weiss ich von irgendjemandem, wie er wirklich ist? Ich hoffe, Sie haben Instinkt. Sonst suchen Sie sich die falschen Leute für die Lerngruppe aus oder zum Heiraten», lehrt Annalise Keating die Studenten. In solchen Momenten spricht ihr zweiter Job aus ihr: Auf der Hut sein, genau hinschauen, manipulieren, damit verdient sie Geld. Gutes Geld, wenn man sich das Haus anschaut, in dem sie mit ihrem Gatten (dem sie auch misstraut) lebt. Keating hilft als Strafverteidigerin wegen Mordes Angeklagten, ungestraft davonzukommen. Ob sie nun schuldig sind oder nicht.

Private und andere Fälle

Ein Mann, der seine Frau ermordet haben soll, oder eine angebliche Terroristin: Keating vertritt sie alle. Dabei helfen ihr die «Keating Five», fünf Studenten, welche sie für die Mitarbeit in ihrer Kanzlei ausgewählt hat. Das Leben der Studenten entpuppt sich als fast so vielschichtig wie die Serie selber. Während die Szenen ständig zwischen Uni und Gericht wechseln, zwischen Theorie und Praxis, schieben sich Episoden aus dem Privaten aller dazwischen. Da ist etwa der schwule Connor, der Sex gegen Informationen anbietet. Da ist Michaela, eine schwarze junge Frau, verbissen ehrgeizig. Wäre ihr Verlobter ein Loser und nicht Mitarbeiter des New Yorker Bürgermeisters, würde sie ihn abservieren. Laurel hingegen denkt nicht nur an die Karriere; sie will Bedürftigen helfen. Ihr sozialer Anspruch hindert sie aber nicht daran, Frank, einen Angestellten Keatings, zu küssen – obwohl sie in einer Beziehung ist. Helfen will auch Wes, Keatings Liebling. Er hat, anders als die anderen Auserwählten, nicht den besten College-Abschluss in der Tasche, kommt nicht aus bestem Haus. Vielleicht will er deshalb seine Nachbarin schützen, die in den Mord an einer Studentin verwickelt sein soll, aber kein Geld für einen Verteidiger hat. Vorblenden zeigen, dass nicht nur die Klienten mit Mord zu tun haben, sondern alle: die Verteidigerin, ihr Mann, der eine Affäre mit der nun toten Studentin hatte, die «Keating Five». Und wenn diese nachts eine Leiche herumschleppen, sieht es aus, als müssten sie ihr Juristenwissen bald in eigener Sache nutzen.

Sie lieben oder nicht?

Ein fesselnder Plot, der gelegentlich zu viel will. Manche Fälle werden zu rasch erzählt und bleiben oberflächlich. Es genügt Farbenblindheit oder ein Appell an die Gefühle der Geschworenen, um ein Urteil abzuwenden. Das wahre Juristenleben ist wohl komplizierter.

Erneut hat Shonda Rhimes, Macherin der Erfolgsserie «Grey's Anatomy», auf eine starke weibliche Hauptfigur gesetzt. Doch Keating ist mehr Antiheldin als Heldin. Sie lässt im Gerichtssaal ungern Schwäche zu. Droht ihr hingegen zu Hause, alles zu viel zu werden, kullern die Tränen. Dann zieht sie die Perücke aus, unter der sie ihr afrikanisch gekraustes Haar versteckt, wischt die dicke Make-up-Schicht ab, ohne die sie sich nicht in den Berufsalltag stürzt. Immer scheint sie aber eine Lösung bereit zu haben – auch wenn diese bedeutet, ihren Geliebten vor Gericht zu nötigen, gegen seine Abteilung auszusagen. Schliesslich predigt sie im Hörsaal: «Diskreditieren Sie die Zeugen. Präsentieren Sie einen neuen Tatverdächtigen.»

Um Moral geht es nicht, nur darum, wie man mit Mord davon kommt (was den Serientitel erklärt). Keating lieben oder sie hassen? Darin sind sich die fünf Studenten ebenso uneinig wie die Zuschauerin. Genau dieser Zwiespalt lässt sie aber wieder einschalten. Und hoffen, dass das in Staffel 2 gleich bleibt; in den USA hat der Sender ABC sie für diesen Herbst angekündigt.

SRF 2, How to get away with murder, Montag, 20.00 Uhr