Die Angst vor den Vögeln

In Europa grassiert das Vogelgrippe-Virus H5N8 auf Wildvögeln. Um eine Ausbreitung in der Schweiz zu verhindern, darf auch im Naturmuseum St. Gallen kein Federvieh gezeigt werden.

Bruno Knellwolf
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Vogelgrippe-Prophylaxe auf Vietnamesisch. Geflügel und Mensch sind sich in Asien sehr nahe. (Bild: Hoang Dinh Nam/AFP (13.10.2005, Hanoi))

Vogelgrippe-Prophylaxe auf Vietnamesisch. Geflügel und Mensch sind sich in Asien sehr nahe. (Bild: Hoang Dinh Nam/AFP (13.10.2005, Hanoi))

Bruno Knellwolf

bruno.knellwolf

@tagblatt.ch

Wenn am Samstag die Sonderausstellung «Allerlei rund ums Ei» im Naturmuseum St. Gallen eröffnet wird, wird es nicht gackern und flattern. Denn an der traditionellen Osterausstellung werden dieses Jahr keine lebenden Hühner, Wachteln und deren Küken gezeigt. Die Gehege müssen mindestens bis Ende Monat leer bleiben. Schuld daran ist die Vogelgrippe: Erste Fälle des Vogelgrippevirus sind im November 2016 am Bodensee bei Wildvögeln entdeckt worden. Um die Verbreitung des gefährlichen Virus zu verhindern, hat das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) Massnahmen ergriffen; unter anderem ist es verboten, lebendes Geflügel auszustellen.

Nun hat das BLV die Schutzmassnahmen verlängert. Aus zwei Gründen, wie Stefan Kunfermann vom BLV erklärt: «In den umliegenden Ländern ist die Lage weiterhin besorgniserregend. In vielen betroffenen Ländern gab es auch Krankheitsausbrüche beim Hausgeflügel. In Frankreich zum Beispiel sind vor allem Hausenten betroffen.» Zum zweiten spielen die tiefen Temperaturen der vergangenen Wintermonate eine Rolle. Diese führten bei den Wildvögeln zu verstärkter Migration. Deshalb sei es nötig, weiterhin sehr wachsam zu bleiben und die Massnahmen aufrecht zu erhalten.

«Zum Schutz des Hausgeflügels muss weiterhin jeder Kontakt mit Wildvögeln vermieden werden, obwohl bis heute in der Schweiz keine Ansteckung bei Hausgeflügel festgestellt wurde», sagt Kunfermann. Geflügelmärkte und Ausstellungen mit Hühnern und Wachteln bleiben mindestens bis Ende März verboten.

Mit der Wärme ziehen die Vögel nach Norden

Ob das Verbot dann aufgehoben wird, hängt von der Entwicklung der Vogelgrippe in Europa ab. «Je wärmer die Temperaturen, desto mehr ziehen sich die Wasservögel aus der Schweiz zurück in Richtung Norden», sagt Kunfermann. In der Schweiz sind gemäss dem BLV seit November 120 positive Vogelgrippe-Fälle verzeichnet worden. «Die Tendenz ist jedoch stark abnehmend», sagt Kunfermann. Konkret wurde das Vogelgrippevirus H5N8 seit Anfang Dezember nur noch in acht Fällen nachgewiesen. Seit Anfang Jahr noch in zwei Fällen. Wichtig sei aber vor allem: «Es gibt bis jetzt keinen Fall einer Ansteckung von Hausgeflügel mit dem Vogelgrippevirus H5N8 in der Schweiz.» Genau vor diesem Virus fürchtet man sich. Aktuell grassiert es in Europa und gehört zu den hochpathogenen AI-Viren. AI steht für aviäre Influenza. Es gibt auch weniger gefährliche AI-Viren, niedrigpathogene. Solche seien in der Schweiz aber nicht entdeckt worden, erklärt Kunfermann.

Das entdeckte H5N8-Virus sei besonders gefährlich, weil es sich nicht nur in den Zellen der Atemwege der Hühner vermehren kann wie niedrigpathogene Viren, sagt Pietro Vernazza, Chefarzt Klinik für Infektiologie am Kantonsspital St. Gallen. Weil die hochpathogenen Viren ein Enzym in den Zellen nutzen, das im ganzen Körper vorkommt, kann sich das Virus auch in allen Organen vermehren, mutieren und schwere Krankheitsverläufe auslösen. So wie schon das Vogelgrippe-Virus H5N1, das 2006 grassiert hat. «Die Hälfte der Menschen, die damals mit H5N1 angesteckt worden ist, ist daran gestorben», erklärt Vernazza.

Deshalb besteht die Befürchtung, dass sich auch das neue Virus H5N8 auf den Menschen übertragen könnte. Der Begriff dafür heisst Zoonose. «Vogelgrippe-Viren sind aber adaptiert auf den Vogel. Um von Mensch zu Mensch übertragen werden zu können, brauchen sie gewisse Anpassungen», sagt Vernazza. Wenn das Virus aber im Menschen zirkuliere, bestehe die Chance für eine solche Mutation.

Voraussetzung dafür ist die Nähe des Geflügels zum Menschen. Bei uns ist die Gefahr klein, gross dagegen in weiten Teilen Asiens und Afrikas, wo die Menschen Haut an Feder mit den Tieren zusammen leben, wie Vernazza mit eigenen Augen in Laos gesehen hat. Im Vergleich dazu seien die Wildvögel, die über uns herziehen, kein relevantes Problem für die Gesundheit der Menschen, sagt Vernazza.

Im Prinzip könnte das Virus H5N8 auf Schweine überspringen. Gemäss Stefan Kunfermann vom BLV gibt es bis heute aber «keine Hinweise auf H5N8-Infektionen bei Schweinen». «Die Sau ist ein Zwischenwirt, in dem sich das Virus einfacher an den Menschen anpassen kann», sagt Vernazza. Die Gefahr, dass es daraus zu einer Epidemie kommen könnte, ist allerdings sehr gering. Vernazza sieht in unserer Gesellschaft eine grundsätzliche Tendenz, irrelevante Risiken für zu hoch zu halten, so wie auch die Vogelgrippe. Der Infektiologe hat das tödliche Virus H5N1 über Jahre beobachtet. «Die H5N1-Infektionsfälle beim Menschen sind stabil über Jahre». Zwar seien die Vögel irgendwann «durchseucht» und der Mensch werde mit dem Virus angesteckt, weil er dem Tier nahe sei. Aber es gebe trotzdem keine Epidemie, weil sich das Virus nicht zwingend unter den Menschen übertrage.

Verbot von Streichelzoos geplant

Nichts mit der Angst vor Zoonose hat übrigens das zurzeit diskutierte Verbot von Streichelzoos für Kaninchen, Kleinnager und Küken zu tun. Die vorgeschlagene Änderung der Tierschutzverordnung, über die der Bundesrat entscheiden wird, stehe nicht im Zusammenhang mit der Vogelgrippe, erklärt Kunfermann. «In Streichelzoos für Kleintiere fehlen den Tieren oft Rückzugsmöglichkeiten oder Ruhezeiten.» «Die erwähnten Tiere sind Fluchttiere, Beutetiere von Greifvögeln und Landraubtieren und sehr schreckhaft, insbesondere in ungewohnter Umgebung», erklärt der St. Galler Kantonstierarzt Albert Fritsche. Solchen Stress für Bibeli und Hasen wollten die Macher des revidierten Tierschutzgesetzes vermeiden.