Die Angst vor dem tiefen Fall

Sie ist äusserst lästig und kann so manchem Berggänger den Wanderausflug verderben: Plötzlich ist es einfach zu steil und die Furcht zu gross. Aber: Gegen Höhenangst kann man etwas tun. Mit Abtrainieren.

Robert Bossart
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Menschen mit Höhenangst wird es bei diesem Anblick wind und weh. Kleiner Trost: Die Phobie ist behandelbar. (Bild: ky/Arno Balzarini)

Menschen mit Höhenangst wird es bei diesem Anblick wind und weh. Kleiner Trost: Die Phobie ist behandelbar. (Bild: ky/Arno Balzarini)

Es ist verflixt, ärgerlich, beschämend – und man kann nichts dagegen tun. Das war kürzlich meine Gefühlslage, als ich meinen Wandergenossen mitten im Aufstieg zum Tomlishorn im Pilatusmassiv auf dem alten Tomliweg wie aus dem Nichts heraus sagen musste, dass ich nicht mehr weiter könne. Keinen Schritt. Auf der linken Seite eine Felswand, die praktisch senkrecht in die Höhe geht, auf der rechten Seite ein Abgrund, der ebenso steil hinuntergeht. Dazwischen ein Weglein, das vielleicht einen halben Meter breit ist, «gefühlt» war es viel schmäler. Der Schwindel war so stark, dass ich mir nicht sicher war, ob ich noch Herr über meine Beine war, irgendwie schwankte alles um mich herum. Vor mir mein neunjähriger Sohn, der mich leicht ungläubig anschaute. «Papa, was ist los?»

Los war, dass mich panische Angst beschlich, Höhenangst. Dabei bin ich doch früher auf alle möglichen steilen Gipfel gestiegen und über ausgesetzte Traversen gegangen. Und jetzt das. Ich musste umkehren und die andere Route auf den Pilatus nehmen, die einfache. Mein Sohn, sein Schulfreund und ein weiterer Jugendlicher stiegen zusammen mit einem erfahrenen Bergwanderer auf den Gipfel. «Es ist vernünftiger so», sagte mir der Wanderkollege, als ich umkehrte, alle schauten mich verständnisvoll an. Und mich wurmte es gewaltig.

15 bis 20 Prozent haben Phobien

Ein Drama ist ein solches Erlebnis freilich nicht, es gibt Schlimmeres. Aber trotzdem bedeutet Höhenangst eine Einschränkung, gerade jetzt während der Wandersaison. Viele ausflugsfreudige Menschen haben mit mehr oder weniger Höhenangst zu kämpfen, schätzungsweise 5 bis 10 Prozent der Bevölkerung sind davon betroffen. «Leichtere Phobien wie Höhenangst, Klaustrophobie, Spinnenangst, Angst vor Mäusen usw. haben rund 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung», sagt Thomas Maier, Chefarzt der Kantonalen Psychiatrie St. Gallen.

Warum jemand Höhenangst bekommt und ein anderer nicht, ist unklar. Stichhaltige Gründe, warum viele mit zunehmendem Alter darunter leiden, kann der Psychiater nicht nennen. «Ob und wer welche Phobien bekommt, ist nicht voraussehbar. Es gibt etwa gestandene Sportler, die Angst vor Spinnen haben.» Möglich ist allerdings, dass die Sorge um die Kinder bei Eltern zu grösserer Vorsicht und Ängstlichkeit führt, räumt Maier ein.

Dass auf einem hohen Turm oder an einer ausgesetzten Stelle bei einer Wanderung der Puls ansteigt und sich die Konzentration erhöht, ist völlig normal und richtig: Der Mensch muss sich bei Gefahr schliesslich schützen. «Das Problem ist, dass der Phobiker die Körpersignale – Schwitzen, erhöhter Puls, Schwindel – überinterpretiert», sagt Maier. Es entsteht eine Mischung aus körperlicher Wahrnehmung und daran anknüpfenden Gedanken, die sich gegenseitig hochschaukeln. Der Gedanke, dass man Schwindelgefühle bekommen könnte, erhöht den Puls noch zusätzlich, was wiederum das Angstgefühl steigert. «Es findet eine Eskalation nach oben statt. Eine Negativspirale entsteht, die schwierig zu unterbrechen ist. Wenig hilfreich ist der Versuch, sich durch gutes Zureden zu beruhigen. Je mehr man sich einzureden versucht, dass nichts passiert und «alles doch gar nicht so schlimm ist», desto stärker kommen Panikgefühle auf.

Relativ leicht zu behandeln

«Da kannst du nichts dagegen machen, du musst es akzeptieren»: Diesen Satz hört man häufig, wenn man von seiner Höhenangst erzählt. Eine falsche Annahme, meint der Psychiater: «Höhenangst ist relativ einfach behandelbar, weil eine klar identifizierbare phobische Situation da ist.» Bei anderen plötzlich und für den Patienten unerklärlich auftretenden Panikattacken etwa ist es schwieriger, diese zu behandeln, weil zunächst nicht klar ist, was der Auslöser ist.

Bei Höhenangst ist die Behandlung eigentlich banal: Abtrainieren heisst das Zauberwort, man nennt es auch Konfrontations- oder Expositionstherapie. Dabei gibt es zwei Varianten, die erste ist eine graduelle Vorgehensweise. Schritt für Schritt wird der Patient an Situationen geführt, die bei ihm Höhenangst auslösen. «Zuerst wird genau besprochen, wie man vorgeht, dann macht man eine Hierarchie von vielleicht zehn Stufen: Die erste ist eine Situation mit wenig Höhe, die letzte eine mit maximaler Steilheit.» Dann werden entsprechende Orte aufgesucht, und der Patient setzt sich stufenweise seiner Angst aus. «Wichtig ist dabei, dass die Höhenangst entsteht und der Betroffene in der Situation bleibt und sie aushält», sagt Maier. Dann kommt die entscheidende Erfahrung: Die Angst stellt sich ein, steigert sich, bleibt bestehen – und flaut irgendwann wieder ab. «Es geht darum, den Peak mit anschliessendem Abflauen zu erleben und zu merken, dass nichts passiert», sagt Maier. So kann sich die Gefühlslage wieder beruhigen. Ähnlich wie bei einer Allergiebehandlung wird eine Desensibilisierung angestrebt.

Ins kalte Wasser werfen

Die zweite Methode ist rabiater: Sie nennt sich «Flooding», auf Deutsch «Überflutung». Der Patient wird dabei sprichwörtlich ins kalte Wasser geworfen, indem man mit ihm etwa auf einen hohen Turm steigt, maximale Panik aufkommen lässt – und wartet, bis diese wieder abnimmt. Welche Methode besser wirkt, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Auf jeden Fall sind beide Therapieformen zeitlich beschränkt. «Manchmal reichen drei oder vier solcher Sitzungen», sagt Maier.

Kann man Höhenangst auch ohne Fachperson heilen? Ja, Selbsttherapie sei durchaus eine Variante, meint der Psychiater. «Wichtig ist auch hier, dass man nicht vorzeitig abbricht und etwa bei einer steilen Stelle in den Bergen umkehrt. Das führt zu einem Gefühl des Misserfolgs, was die Sache noch schwieriger macht.» Darum ist entscheidend, dass man die Ziele zunächst nicht zu hoch steckt und Situationen wählt, die man auch bewältigen kann. Ab wann Höhenangst problematisch wird und eine Behandlung angesagt ist, sei schwierig zu beantworten, meint der Fachmann. Es stellt sich dabei auch die Frage, wo die Grenze zwischen «gesund» und «krank» liegt. «Bei der Höhenangst ist es abhängig von den individuellen Wünschen. Wenn jemand unbedingt in den Bergen wandern und sich dort unbeschwert bewegen will, dann ist eine Therapie wohl sinnvoll.» Aber jemanden als krank zu bezeichnen, der sich nicht auf eine drei Meter hohe Leiter wagt, sei unsinnig. Wer es so will, kann auch ganz gut mit Höhenangst leben, ohne sich ihr auszusetzen.

Extremsportler nicht angstfrei

Extremsportarten wie Bungee-Jumping, Fallschirm- oder Felsenspringen: Wer meint, diese Menschen seien frei von jeglichen Ängsten, der irrt sich. «Viele, die Extremsportarten betreiben, sind im Grunde Phobiker», so die etwas paradoxe These von Thomas Maier. Jeder, der von einer grossen Höhe runterspringe, habe eigentlich grosse Angst. Genau darum geht es auch: Man springt, hat Panik, dann fängt einen das Gummiseil auf, schliesslich wird man ruhig und entspannt sich. «Ein sehr befriedigendes Gefühl: Der Kick resultiert aus dem Überwindenkönnen der Angst.»

Hilfe bei Angststörungen bietet unter anderem die Anlaufstelle APhS, Angst- und Panikhilfe Schweiz: www.aphs.ch

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