Dicke Luft in London

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Gabriel Felder
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Schnaufen in London hat so seine Tücken. Die Luftqualität in der grössten Stadt Westeuropas bewegt sich seit Jahren immer wieder und immer öfter dem roten Bereich zu. Dieses Jahr wurde die erlaubte gesetzliche Höchstgrenze für die Dauer des gesamten Jahres 2018 bereits Ende Januar erreicht. Kaum zu glauben, dass diese alarmierend scheinende Situation faktisch eine Verbesserung darstellt: Das Limit wurde in früheren Jahren bereits nach fünf bis sechs Tagen im Januar überschritten.

Als mehr oder weniger abgebrühter Velofahrer in London kenne ich die Problematik aus nächster Nähe. Mir stinkt’s ab und zu, und in einem meiner Lieblingstagträume sehe ich mich auf der Spitze des Stanserhorns oder des Säntis mit ausgestreckten Armen und aufgefüllten Lungen voll reiner, frischer Schweizer Luft. Bis mich das Gehupe an der Ampel wieder in die grossstädtische Realität zurückdröhnt. Die Ostschweizer Firma Swiss­breeze bekam Wind vom wachsenden Bedürfnis nach purem Sauerstoff in den Metropolen dieser Welt und füllte Luft «aus den schönsten Regionen der Schweiz» in Sprühdosen ab. Schweizer Luft verfüge über «entspannende und erfrischende Kräfte», hiess es in der Medienmitteilung – und weiter: «Wir möchten dieses einmalige Privileg mit Ihnen teilen.» Eine E-Mail-Anfrage für ein Interview mit dem Firmengründer und Erfinder von Swissbreeze brachte allerdings eine ernüchternde Tatsache an den Tag. Der Geschäftsbetrieb wurde «vorläufig eingestellt». Meine Hoffnung ruht nun auf dem Wort «vorläufig» und damit der Möglichkeit, dass der Firma die Luft nicht gänzlich ausgegangen ist.

In London lasten alle Hoffnungen auf eine Verbesserung der Luftqualität auf den Schultern von Bürgermeister ­Sadiq Khan. Glücklicherweise gilt dieser als Mann der Taten, wenn es um umweltpolitische Anliegen geht. Die Inbetriebnahme von Bussen mit rigorosen Abgasfiltern stellte eine seiner ersten Amtshandlungen dar. Die kultigen roten Doppeldecker bekamen auf den Hauptverkehrsachsen einen ausgeprägt grünen Anstrich. Ausserdem müssen Halter von Dieselfahrzeugen für einen Zugang in die Innenstadt nun tiefer in die Tasche greifen und eine Ökogebühr von umge­rechnet 14 Franken pro Tag zahlen.

Am weltberühmten Piccadilly Circus leistet zudem der sogenannte City Tree einen bescheidenen, aber originellen Beitrag zur Luftsäuberung: Ein vier Meter hoher senkrechter Garten schnauft Abgase ein und saubere Luft aus – das Werk von fast 300 Bäumen auf gerade mal einem Prozent der Fläche des Platzes. Ausserdem wurden im letzten Jahr drei Bushaltestellen in Klarluftzonen umgewandelt und mit Filtern aus­gestattet, die 97 Prozent der Stickstoffdioxide buchstäblich aus dem Verkehr ziehen.

Eine etwas exzentrischere Idee kam einer Werbeagentur in den Sinn, als sie im Jahr 2016 ein Schwadron von Tauben mit Luftqualitätswert-Sensoren in Mini-Rucksäcklein ausstattete und für Messflüge in die Londoner Luft entliess. Die Tauben sind inzwischen im Ruhestand, hinterlassen allerdings eine Stadtkarte, welche die Schadstoff-Brennpunkte flächendeckend abbildet. Zu bewundern sind sie auf www.pigeonairpatrol.com .

Die Luft hat symbolischen Charakter: Wir nehmen das Gas tief in unsere Organismen auf, wo es lebenserhaltende Funktionen ausübt. Politiker verwechseln das Thema oft mit heisser Luft, und es liegt an uns allen, Sorge zu tragen zu diesem unsichtbaren Lebenselixier. In London und überall.

Gabriel Felder

Freier Journalist, London