DESIGN: Schwarz macht glücklich

Die St. Gallerin Deniz Ayfer ist die Nachfolgerin von Christa de Carouge, der wohl bekanntesten Persönlichkeit der Schweizer Modeszene. In Rorschach produziert sie unter ihrem Label De Niz edle schwarze Gewänder, ganz im Geiste ihrer Mentorin.

Christina Genova
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Deniz Ayfer zeigt in ihrem Atelier eine ihrer neusten Kreationen: das Gilet Vario, für welches es zahlreiche Tragevarianten gibt. (Bild: Urs Bucher)

Deniz Ayfer zeigt in ihrem Atelier eine ihrer neusten Kreationen: das Gilet Vario, für welches es zahlreiche Tragevarianten gibt. (Bild: Urs Bucher)

Christina Genova

christina.genova@tagblatt.ch

An der Bushaltestelle fallen der Schreibenden zwei Frauen auf. Die jüngere trägt eine hautenge Jeans, über deren Bund die Speckröllchen quellen. Die ältere daneben hat die Tarnkleidung der über 60-Jährigen übergestreift: eine beige, unförmige Hose und ein altrosa gemustertes Oberteil. Der Anblick der beiden Frauen ist nach dem Besuch im Atelier von Deniz Ayfer für einen Moment fast unerträglich. Die Kleider, welche die 56-Jährige entwirft, verleihen ihrer Trägerin das, was man im Alltag so oft vermisst – Würde. Es sind skulpturale Gewänder aus edlen Stoffen mit durchdachten Schnitten – meistens in der Farbe Schwarz.

Innovativste Designerin der Schweiz

Wir treffen uns am Rande von Rorschach in einer ehemaligen Fabrik an der Löwengartenstrasse. Dort entstehen die Kleider von De Niz. Es ist das Label von Deniz Ayfer, das sie in der Nachfolge von Christa de Carouge gegründet hat. Die wohl bekannteste und eigenwilligste Designerin der Schweiz hat ihr Werk vor zwei Jahren an ihre langjährige Schneiderin des Vertrauens übergeben. Doch ganz loslassen kann die mittlerweile 81-Jährige noch nicht. Sie ist an diesem Montagmorgen ebenfalls im Atelier und beginnt sich schon bald rege am Gespräch zu beteiligen. Für ihre Nachfolgerin ist sie des Lobes voll: «Deniz ist die innovativste Designerin der Schweiz. Sie hat den gleichen Esprit wie ich, von der Idee bis zur Realisation.» Seit 23 Jahren kennen sich die beiden. Dass Christa de Carouge immer noch sehr präsent ist im Unternehmen, scheint für Deniz Ayfer kein Problem zu sein. Christa de Carouge ist für sie das «Christa-Mami». Dies umso mehr, weil eine Woche vor der Geschäftsübergabe Deniz Ayfers Mutter starb. Sie war ebenfalls selbstständige Schneiderin, die sich auf Abend- und Hochzeitskleider spezialisiert hatte. «Ich war stolz, dass ich nur Unikate trug», erinnert sich Deniz Ayfer, die in Istanbul aufgewachsen ist. Mit 21 Jahren heiratete sie und kam in die Schweiz, seit 1983 lebt sie in der Ostschweiz. Ein Jahr später kam ihre Tochter Derya zur Welt. Sie gehört wie Deniz Ayfers Schwester Layla, die sich um die Buchhaltung kümmert, mit zum Familienbetrieb. Zwar könnte Christa de Carouge vom Alter her tatsächlich Deniz Ayfers Mutter sein, die beiden wirken aber eher wie Schwestern. Sie sind eingehüllt in ihre schwarzen Kreationen und tragen ähnliche, schwarze Brillen mit runder Fassung. Christa de Carouge ist extrovertiert und eloquent, Deniz Ayfer zurückhaltender. Doch der Ehrgeiz und der zähe Wille, der in ihr steckt, zeigt sich alleine schon in der Tatsache, dass sie sich als junge Mutter entschloss, nach ihrem Studium in Betriebswirtschaft und Marketing in Istanbul, in der Schweiz eine Lehre als Bekleidungsgestalterin zu absolvieren. Danach studierte sie an der ­Textilfachschule in Zürich und schloss als Bekleidungstechnikerin ab. Deniz Ayfer arbeitet nicht nur für ihr eigenes Label, sondern hat dieses Jahr bereits zum ­vierten Mal Kostüme für das Bündner Theaterfestival Origen entworfen.

Mode für «Gutbetuchte»

Deniz führt durch die grosse Halle mit den Nähmaschinen und dem zehn Meter langen Zuschnitttisch. Überall sind schwarze Stoffballen zu sehen. Viele stammen aus Japan, manche wurden dort speziell für De Niz, beziehungsweise Christa de Carouge hergestellt. Zum Beispiel «Carouge», ein Plissee-Stoff aus Mikrofaser mit kunstvollen Faltungen. Andere Stoffe stammen aus der EU, aber auch St. Galler Kreationen von Bischoff Textil und Jakob Schlaepfer sind dabei. Gerade ist eine Näherin daran, ein Kleid fertigzunähen. Drei Stunden braucht sie dafür, das Etikett des Labels wird von Hand eingenäht. Es ist das Modell «Die Gerissene». Wie das Kleid so unter der Nähmaschine liegt, sieht es völlig unspektakulär aus. Doch als Deniz Ayfer es überzieht, erwacht es zum Leben. Sie demonstriert verschiedene Tragevarianten: Der Saum wird zum breiten Kragen, danach wird die Innenseite des Kleides mit den Nähten nach aussen gestülpt, und zu guter Letzt schlüpft sie noch aus einem der Ärmel. Viele Kleider von De Niz können beidseitig getragen werden. Auch gibt es dafür meistens mehrere Tragevarianten. Sie auszuprobieren, braucht Mut. Deniz Ayfer und Christa de Carouge veranstalten deshalb Workshops, um die Kreativität der Frauen hervorzu­kitzeln: «Man muss ihnen die Angst nehmen», sagt Christa de Carouge.

Um die Kleider von Deniz Ayfer tragen zu können, braucht es aber nicht nur Mut, sondern auch ein gut gefülltes Portemonnaie. An einer Kleiderstange hängen die Gewänder, die am Samstag in Trogen an einem «Déjeuner sur l’Herbe», einem Picknick im Grünen, nach Lust und Laune anprobiert werden dürfen. Die günstigsten Stücke kosten 500 Franken, die teuersten um die 1600 Franken. Mode für «Gutbetuchte» im wortwörtlichen Sinne. Der Anlass in Trogen ist eine Gelegenheit, die Kleider von De Niz in der Ostschweiz kennen zu lernen. Sonst sind sie nur im Laden in der Mühle Tiefenbrunnen in Zürich erhältlich. Warum sich die Investition in eine Kreation von De Niz lohnt, bringt Deniz Ayfer in einer knappen Formel auf den Punkt: «Waschen, aufhängen, anziehen.»

Déjeuner sur l’Herbe, Nideren 4, Trogen. Sa 11–20, So 11–17 Uhr. Mit Gewändern von De Niz und Christa de Carouge, Kleidern und Accessoires von Therese Hächler und japanischem Lackhandwerk Urushi und Schmuck von Salome Lippuner.